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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Wir haben ein Recht auf Rausch


Der Mensch kann nicht nur nützlich sein. Und es ist auch ganz erholsam, den Denkmuskel mal erschlaffen zu lassen. Mitunter reicht Kamillentee dafür nicht aus.
Von Silke Müller

Jetzt diskutieren wieder alle über die Freigabe von Cannabis und argumentieren mit der heilenden Wirkung des grünen Krauts. Oh Mann. Immer muss hier alles nützlich, gesund, fördernd, vorteilhaft sein. Für den Einzelnen und natürlich für die Gesellschaft. Auch ein Klassiker: die Meldung, dass ein Gläschen Rotwein pro Tag (oder bei Männern vielleicht auch zwei?) das Leben verlängert. Als bräuchte es einen Ablassbrief für reuige Genießer. Drauf gepfiffen.

Unsere Lust

Erwachsene Menschen im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte haben ein Recht auf Rausch. Die mit Teilbesitz fragen ohnehin nicht danach. Sie trinken.

Aber um die Kandidaten, die samstags bei Penny Dosen in den Pfandautomaten schieben, um kurz vor Ladenschluss noch eine Pulle Grafenthaler Gold an den Start zu bringen, geht es nicht.

Unsere Entscheidung

Wir reden hier über freie Entscheidungen. Über die Fähigkeit, etwas nicht richtig zu machen. Und darüber, wie Fehltritte, Übertreibungen, Fluchten und Ausfälle die notwendige Würze ins Leben bringen - oder eine Pause von demselben ermöglichen.

Wer die Hoheit über sein Leben behalten möchte, sollte einen Teil der Regeln selbst definieren. Zumindest jene, die sein Privatleben betreffen. Und den Zeitpunkt bestimmen können, an dem er auf sie verzichten kann. Solange es niemand anderen belästigt.

Unsere Schwäche

Menschen rauchen, saufen, kiffen, nehmen ihr Glück in die Hand und fahren ihr Leben gegen die Wand. Das unterscheidet uns von Pflanzen und Tieren. Nicht nur unsere Stärken machen uns aus. Sondern auch, und vielleicht vor allem, unsere Schwächen. Schön, zu erleben, was passiert, wenn man diesen dauerangestrengten Denkmuskel mal erschlaffen lässt. Mit Kamillentee gelingt das nur wenigen Auserwählten. Der gemeine Großstadt-Stresser greift zu bewährten Mitteln. Ob er das immer im Griff hat? Nun ja. Vermutlich genau so gut wie das Girokonto, die spitze Zunge und das flatternde Herz.

Silke Müller fand nach Abschluss dieses Kommentars heraus, dass Grafenthaler Gold auch aus Distinktionsgründen konsumiert werden kann. Das Expertenblog "Siffpilze.de" verkündet: Einen Grafen kann sich finanziell jeder leisten. Gesellschaftlich hingegen kann das nur der verwegene Nonkonformist.#


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