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Wolfgang Kubicki im stern: "Wir waren am Rande der Selbstachtung"

Schonungslose Analyse: In einem Gespräch mit dem stern beschreibt Wolfgang Kubicki, wie schlimm es um seine Partei steht. Das Wichtigste sei jetzt: der FDP das Selbstbewusstsein zurückzugeben.

Von Andreas Hoidn-Borchers und Laura Himmelreich

Es macht immer Spaß, sich mit Wolfgang Kubicki zu treffen. Der Mann ist amüsant, fix im Kopf und mit der Zunge und nimmt vor allem kein Blatt vor den Mund. Freidemokratismus mit menschlichem Antlitz. Zu seinen herausragenden Charaktereigenschaften zählt auch, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen - und die Lage auch nicht. Wenn es irgendwie geht, jedenfalls. Man könnte sich ihn gut im Speisesaal der sinkenden Titanic vorstellen, wie er den Untergang würdevoll mit ein paar Witzen begleitet.

Manchmal allerdings wird es auch ihm ein bisschen zuviel. Am Sonntagabend war er "kurz vorm Heulen" und brauchte ein paar Gläser Wein, um sich die Welt und das miserable Ergebnis seiner FDP schön zu trinken. Am Montag aber, so erzählt er es dem stern, habe er dann gedacht: "Wir müssen das Beste daraus machen. Die FDP braucht ein anderes Gesicht, damit sie wieder in der Bevölkerung ankommt."

Eines dieser Gesichter ist: Kubicki. Der 61 Jahre alte Rechtsanwalt aus Kiel wird künftig gemeinsam mit Christian Lindner die FDP führen - wenn möglich, in vier Jahren zurück in den Bundestag. Die vorrangige Aufgabe des neuen Spitzenduos beschreibt er im stern so: "Der FDP das Selbstbewusstsein zurückgeben, das sie insbesondere in der letzten Woche vor der Wahl verloren hat". Die FDP sei schließlich nach der Bettelei um Zweitstimmen "am Rande ihrer Selbstachtung" gewesen. "Hätte es am Montag nicht das Signal gegeben: 'Wir starten neu', hätten uns viele verlassen; innerlich waren sie sowieso schon weg", sagt Kubicki. "Die FDP wäre implodiert. Diese Gefahr bannen wir gerade."

Verständnis für Merkel

Mag manch ein Freidemokrat der Kanzlerin zürnen, die mit ihre Jede-Stimme-für-mich-Kampagne kalt lächelnd eine Art Partnermord beging - Kubicki nimmt Angela Merkel sogar in Schutz. "Zu Recht kämpft jede Partei für sich. Das hatten nur meine Berliner Parteifreunde nicht begriffen", sagt Kubicki. "Man gewinnt Wahlen nur, wenn man sich vom Koalitionspartner abgrenzt. Ich habe immer gesagt: Wir müssen keine Rücksicht auf den Koalitionspartner nehmen, der nimmt auch keine Rücksicht auf uns." Und erklärt noch schnell die bisherige Fixierung der FDP auf die Union für Geschichte.

Philipp Rösler und Rainer Brüderle, das so glück- wie erfolglose Spitzengespann, sind es bereits. Hinweggefegt von 4,8 Prozent. Was können Lindner und er, was die beiden nicht konnten? Kubicki muss nicht lange nachdenken, bis er antwortet. "Ich habe gelesen, dass wir einen sympathischeren Eindruck hinterlassen. Das ist ja schon mal die halbe Miete. Ich höre auch aus dem akademischen Milieu, dass es interessant ist, mit uns zu diskutieren. Das sind Menschen, die wir komplett verloren haben."

Viel eleganter kann man eine Generalabrechnung nicht vorbringen, ohne beleidigend zu wirken. Über den künftigen Parteichef, einen brillanten, aber oft sehr kühlen Rhetoriker, sagt Kubicki dann, Lindner wirke zwar "gelegentlich etwas überintellektuell", das werde aber "mit der Zeit verschwinden". Sein eigenes Image habe sich ja auch geändert: "Früher war ich immer der Kotzbrocken."

Ein Schlitzohr. Oder wie man in Bayern sagen würde: An Hund is a scho.

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