Zwischenruf Der verkannte Kanzler


Nur Chaos und Stückwerk? Man kann Gerhard Schröders Reformkurs auch ganz anders sehen. Antizyklische Verteidigung eines Gescholtenen, der Mut beweist. Aus stern Nr. 35/2003

Wer Kunst betrachtet, braucht Distanz. Um Komposition und Wirkung eines Gemäldes zu erkennen, empfiehlt es sich, einige Schritte zurückzutreten. Schon können sich Details, die aus der Nähe verwirren, zu einem beeindruckenden, womöglich gar überwältigenden Bild fügen. In der Politik ist es nicht anders. Wer urteilsfähig sein möchte, muss immer wieder Abstand suchen, die Sinne befreien von all den taktischen, verstörenden Pinselstrichen der Tagespolitik - und versuchen, mit unbefangenen Augen zu schauen. Schon können sich neue, überraschende Perspektiven ergeben.

Weder in der Kunst noch in der Politik sollte die Haltung des Betrachters aber nur von der Fernsicht leben. Ein auf den ersten Blick schönes Bild sollte stets auch durch Annäherung auf Originalität und Qualität überprüft werden. Was die Kunst des Kanzlers angeht und die Qualitäten der Opposition, so empfehlen sich in diesen Tagen beide Bewegungen gleichzeitig: Gerhard Schröders Werk erfordert dringend Betrachtung aus Distanz, das von Angela Merkel hingegen aus der Nähe. Schon entfalten sich zwei völlig neue Bilder. Und im Vergleich ein dramatisch korrekturbedürftiges Gesamturteil.

Dilettantismus

Schröders Regierungs- und Reformkunst wird heute gemeinhin verrissen. Zu schräg die handwerklichen Ausrutscher, zu verstörend die abrupten Stilwechsel, zu unüberschaubar die Richtung des Schaffens, zu mangelhaft die Fähigkeit, das eigene Tun zu erklären. Das Urteil von Medien und Publikum fällt einhellig aus: Stückwerk, Dilettantismus, ohne Bestand. Der Wahlkampfschwindel vor einem Jahr hat Vertrauen zertrümmert - höchst fraglich, ob das je zu reparieren sein wird.

So weit die durchaus plausible Sicht aus lange durchlittener Nähe. Und nun treten wir zehn Schritte zurück, löschen unsere Eindrücke, schauen neu hin und erblicken ein Ö‘uvre, das einen nachhaltigen Wandel seines Urhebers verrät - bei aller Zittrigkeit der Hand. Der notorische Populist ist dabei, sich mit allen anzulegen - und mit allen gleichzeitig.

Mit den Gewerkschaften, deren Aufstand er in eine historische Niederlage verwandelt hat; mit den Unternehmern, die er einer Mindestbesteuerung unterwerfen möchte; mit Anwälten, Architekten und sonstigen Freiberuflern, denen er Gewerbesteuer zumutet; mit den Beamten, deren Bezüge er kürzt; mit den Handwerksmeistern, deren Privilegien er durchlöchert; mit den Arbeitnehmern, denen er neue Gesundheitskosten aufbürdet und die Pendlerpauschale kappt; mit den Häuslebauern, deren Subventionen er zu schleifen sucht; mit den Arbeitslosen, die er unter hohen Mobilitätsdruck setzt; mit den Sozialhilfeempfängern, die er zu jeder Form von Arbeit zwingen will; mit den Bauern, deren Privilegien er siebt; mit den Rentnern schließlich, denen er verwegen einschenkt, sie hätten sich für "etliche Zeit" Zuwächse abzuschminken - im Klartext: Auch sie werden verlieren. Namentlich der Kraftakt, die Ausgestoßenen und Verweigerer des Arbeitsmarkts in Jobs zu drücken, verdient jeden Respekt.

Mut der Verzweiflung

Deutschland löst sich aus der Erstarrung des fatalen Konsenses - und begreift noch nicht recht, wie ihm geschieht. Die Mikado-Gesellschaft ("Wer sich zuerst bewegt, hat verloren") erbebt. Tabus werden abgeräumt. Wer das in Gang setzt, will nicht gefallen, er will wirken. Wer solches wagt, surft nicht mehr auf Stimmungen, er sucht Applaus durch Bezwingen von Widerständen. Und er zeigt Mut, wenn auch den Mut der Verzweiflung. Entweder die Reformen gelingen, die Wirtschaft rappelt sich auf und das Volk fasst wieder Vertrauen - dann könnte Schröder 2006 noch einmal in die Wahlschlacht ziehen. Oder er scheitert, und die Menschen sind dauerhaft vergrätzt - dann bliebe nur vorzeitiger Abgang mit der Hoffnung auf eine Notiz im Geschichtsbuch: Immerhin hat sich der Mann bemüht, die Tür zu Reformen aufzustoßen.

Gerhard Schröder ist vom Getriebenen zum Treiber geworden. Er spielt "Alles oder nichts". Eine große Koalition wird dieser Kanzler nicht anbieten, Angela Merkel müsste sie schon fordern als Preis für Kooperation. Aber wer könnte das glauben? Denn treten wir näher heran an das Schaffen der Opposition, das aus demoskopischer Draufsicht so prächtig wirkt, dann ist rein gar nichts zu sehen an reformerischer Intuition, nur populistisches Patchwork um bedrohte Besitzstände. Die Union stellt Gefallsucht zur Schau. Und riskiert viel. Gut möglich, dass das Publikum 2006 das schwierigere Opus bejubelt. Das ehrlichere.

Hans-Ulrich Jörges print

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