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Zwischenruf: Der vierte Mann

Angela Merkel hat Kohl, Schäuble und Merz geschafft - jetzt muss sie auch noch Edmund Stoiber zur Seite räumen, will sie den Kanzler aus dem Amt werfen. Aus stern Nr. 40/2003

Er ist ihr schwerster Mann. Der vierte, den sie kippen, zur Seite schieben oder einfach nur überwinden muss, um ans Ziel zu kommen. Ins Kanzleramt. Die ersten drei hat sie vom absteigenden Ast gestoßen. Das war nicht einfach, erforderte Mut, kluge Ranküne, blitzschnelles Zupacken und ein Herz so kühl wie das Sixpack aus dem Eisfach. Doch die Herren waren affärenverstrickt, waidwund oder taktisch auf verlorenem Posten. Der vierte indes ist ein völlig anderer Fall: ein Getriebener, ein Generator politischer Kraft, einer, der noch eine Rechnung offen hat im Leben - und der eben nach ganz oben geklettert ist, bis in den Wipfel seines politischen Lebensbaums. So weit nach oben, dass er beginnt, sie zu überragen.

Karriereentscheidende Aufgabe

Edmund Stoiber dort sitzen zu lassen, aber selbst die entscheidenden Zentimeter an ihm vorbeizuklimmen, das ist nun Angela Merkels karriereentscheidende Aufgabe. Klarer gesagt: Sie muss ihn kaltstellen, aber möglichst so, dass es ihn nicht schmerzt, sondern schmückt - und beide das als Glücksfall für Deutschland verkaufen können. Oder noch brutaler: Sie muss den Widerstrebenden auf den Präsidentenstuhl drücken, dafür einen mächtig anschwellenden und am Ende unwiderstehlichen Chor der Schmeichler organisieren. Bleibt er harthörig, in der fragilen Hoffnung auf die zweite Kanzlerkandidatur, selbst wenn ihm das höchste Staatsamt auf dem Samtkissen vor die Füße gelegt wird?

Wagt sie diesen Versuch gar nicht erst, wird Wolfgang Schäuble Präsident und Stoiber der (un-)heimliche Kandidat, stehen ihr die härtesten Jahre ihrer Laufbahn bevor. Dann muss sie ihn niederringen im Zweikampf, der dem Publikum unter Aufbietung aller Verstellungskünste als geradezu innige Umarmung darzubieten wäre.

So oder so: Siegt Angela Merkel, hätte sie ihre Befähigung zur Kanzlerkandidatur nachgewiesen - im ersten, im sanften Fall die taktische Finesse, im zweiten, dem groben, die Härte, die dafür unabdingbar ist. Die protestantische Frau aus dem Osten würde - berücksichtigt man ihren Blitzstart aus dem Abseits 1990 - zu einer der stärksten, wenn nicht gar zur stärksten Figur in der Geschichte der CDU. Unterliegt sie, wäre die steilste politische Karriere zerstört, die das Land je erlebt hat. Sie endete als historischer Irrtum.

Finale Kraftprobe

Die Rivalität mit Stoiber, dem vierten Mann auf ihrer Strecke, wird zur finalen Kraftprobe. Roland Koch steht nur noch am Rande. Wie einfach waren im Vergleich ihre ersten drei Siege: Helmut Kohl, den altkanzlernden Paten der Union, warf sie im Dezember 1999 wegen seiner Spendenaffäre mit einem "FAZ"-Kommentar aus der Bahn. Wolfgang Schäuble, seinen Nachfolger, ließ sie zwei Monate später wegen einer ungeklärten Spende abstürzen und zerrieb ihn im Sommer 2001 im Kampf um die Spitzenkandidatur in Berlin. Friedrich Merz, den ehrgeizelnden Fraktionschef, brachte sie im September 2002 eiskalt zur Strecke.

Seither ist "Angie" nur noch die Herzensdame der Basis, unter den Funktionären aber einsam wie nie. Über die hat sie ein Kontrollnetz des Misstrauens gespannt - Macht ist dessen einziger Daseinszweck. Und doch ist sie machtlos, denn zu den drei Geschlagenen kommen die neun Ministerpräsidenten der Union: keiner von ihr abhängig, jeder durch eigenen Wahlsieg ein Bonsai-Potentat. Nie war das Intrigenspiel der Union so kompliziert. Nur einen Tag nach der Bayern-Wahl bricht Merz krachend den Burgfrieden und setzt ein Fanal zur Rebellion gegen die Vorsitzende. Merkels Schreibtisch ist vieles, bloß nicht das Zentrum der Macht.

Will sie Stoiber schlagen, hat sie den Feldherrenhügel erst zu erobern. Das aber setzt einen radikalen Wandel von Stil und Profil voraus. Die Taktikerin, die klare Positionen so hemmungslos scheut wie Gerhard Schröder die seinen wechselt, muss im Herbst zur Programmatikerin werden. Rente, Gesundheit, Steuern, Arbeitsmarkt - sind in der Union so umstritten wie in der SPD. Angela Merkel muss sich zu Lösungen bekennen - und mit den Abstimmungen in den Gremien auch die Machtfrage klären.

Das heißt: volles Risiko - aber auch alle Chancen. Denn die Solisten der CDU wollen nicht aus München dirigiert werden. Eine Angela Merkel, für die erstmals Machtwille und politische Gestaltung gleichrangig sind, hätte nicht nur ihre Befähigung zur Kandidatur, sondern auch zur Kanzlerschaft bewiesen. Sie könnte im November zum zweiten Frühstück nach Wolfratshausen fahren und Tacheles reden: Edmund, du hast die Wahl - so oder so. Angela Merkel wäre fortan der 13. Mann und die erste Frau der Union.

Hans-Ulrich Jörges / print