Zwischenruf Die Quasselbande


Der Streit um das Fernsehduell ist ein Symptom für die neue Krise der Union. Sie ist unfähig zu erklären, was sie will - und Angela Merkel wird schwach. Aus stern Nr. 32/2005

Das Richtige erscheint als das Falsche. Und das wiederum ist das Typische an der Kampagne der Union. Sie vertändelt ihren Erfolg. Richtig ist: nur ein einziges Fernsehduell, egal, was vor drei Jahren war und wie viele Sender sich den fetten Happen teilen möchten. Nur ein Duell also und das möglichst länger als bloß eine Stunde, damit nicht nur Schlagabtausch, sondern Diskussion möglich wird. Denn wie immer die Wahl auch im Detail enden und welche Koalition sie bringen mag, eines ist klar: Angela Merkel wird Kanzlerin und Gerhard Schröder nicht mehr Kanzler sein. Keine andere Partei hat die Chance, stärker zu werden als selbst eine kreislaufschwach in die große Koalition torkelnde Union, die SPD jedenfalls nicht mehr. Und ein rot-rot-grünes Bündnis ist undenkbar, erst recht unter einem Kanzler Schröder.

Die Wahl entscheidet also nicht mehr, ob der eine oder die andere regiert, sondern nur noch, welche Koalition Merkel führt. Ein Duell bietet mithin die Chance zur Konfrontation von bisheriger und künftiger Regierungspolitik, nicht aber zweier echter Konkurrenten um das Kanzleramt. Zwei Duelle würden Schröder aufwerten, eine personelle Alternative vorgaukeln, die gar nicht mehr besteht. Die Linkspartei hat sie zerstört und Schröders Sonne vom Himmel geholt. Das veränderte Parteiensystem mit dem neuen roten Fixstern schreit eigentlich nicht nach einem Duell, sondern nach einer TV-Diskussion aller Spitzenkandidaten. Doch dafür ist das Denken der Sender zu eingerostet und zu unpolitisch.

Falsch wird das Richtige, wenn Frau Merkel ihr Volk bescheidet, der kurze Wahlkampf lasse nur Zeit für ein Duell. Wann hat ein Politiker jemals Glotze bei höchster Quote ausgeschlagen? Das Publikum ist bass erstaunt und denkt: Die drückt sich. Das aber ist das Fatalste, was der Frau passieren kann, die den Anspruch erhebt, das Land aus der Krise zu führen. Es gibt dem unscharfen Bild, den ein großer Teil des Publikums, auch des schwarzen, von der Kandidatin hat, zur Unzeit dunkle Kontur. Angela Merkel ist als Frau und Ostdeutsche, die ihren Aufstieg nicht nur zähem Machtwillen verdankt, sondern auch historisch außerordentlich günstigen Konstellationen - CDU-Vorsitzende wurde sie nur wegen Kohls katastrophaler Spendenaffäre, Ruck-Zuck-Kanzlerin wird sie durch Schröders plötzliche Neuwahl-Abdankung -, diese Angela Merkel ist den Deutschen noch immer ein Rätsel. Eine Unbekannte, die sich selbst, ihre Emotionen, ihre Geschichte, ihren Mann, ihre Familie sorgfältig kontrollierend verbirgt. Im Osten ist sie Wessi, im Westen Ossi. Schröder hat 89 Prozent der SPD-Anhänger hinter sich, Merkel nur 73 Prozent der CDU- und 69 Prozent der CSU-Anhänger.

Die nahende Kanzlerschaft hat sie psychologisch befreit, weicher und offener erscheinen lassen - der Duell-Streit panzert sie wieder ein. Führungsstärke, Risikofreude und Charisma, die ein Land mitreißen könnten zu Neuem, Unbekanntem, Charakter und Eigenheiten, aus denen Vertrauen wächst, sind bislang nur in Miniaturen erkennbar. Die Alternative lebt von der Alternativlosigkeit der anderen. Dass die Union sich nun auch noch im Osten durch die Linkspartei nervös machen lässt, statt den selbstzerstörerischen Kampf der Linken zu überlassen und die Chance zu packen, in Ost und West die große, freie Mitte der Veränderungsbereiten dagegen zu mobilisieren, zeigt die ganze Verwirrung.

Das Richtige denken und es falsch präsentieren, das wird zum Generalproblem der Union. Es hat schon dem Wahlkampf einen Fehlstart verpasst. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist richtig, aber da die Union nur darüber diskutieren wollte, hat sie ihr Programm selbst vollkommen verdeckt. Dass Familien mit zwei Kindern erst ab 38200 Euro Jahreseinkommen Steuern zahlen sollen - wer weiß das? Und wer ist in der Lage, das Programm öffentlich plakativ zu erklären? Friedrich Merz, der das könnte, gilt als Verfemter.

In Talkshows ist die CDU eine stumme Partei, oft nicht mal abwehrfähig. Dafür wird per Interview unermüdlich über neue Ideen gestritten, die nicht im Programm stehen. Die Union: eine einzige Quasselbande. Die Kandidatin: außerstande, mit Autorität Ruhe bei Tisch herzustellen. Ihre Machtbasis beschränke sich auf die Insel Rügen, höhnt Graf Lambsdorff. Seine FDP hat sich darauf verlegt, ihr in den Arm zu fallen, statt sie zu ziehen. Die Besten wurden einst für Merkels Kabinett versprochen. Heute stehen alle wieder abseits: Christian Wulff, Roland Koch, Friedrich Merz. Und Edmund Stoiber, so eifernd wie süchtig auf "Augenhöhe" mit der Kandidatin fixiert, nervt mit der Fiktion, er könnte am Ende nach Berlin gehen, obgleich Kundige längst wissen, dass er das nicht tun wird.

Sieht so ein Neuanfang aus? Die Sozialdemokratie hat gegenüber den Problemen des Landes versagt. Das Bürgertum ist in der gleichen Gefahr. Versagt sie, droht der Union auch das gleiche Schicksal: Spaltung und Zerfall.

Hans-Ulrich Jörges print

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