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Zwischenruf: Wo der Mensch beginnt

Ist schon die befruchtete Eizelle im Reagenzglas unantastbar? Justizministerin Brigitte Zypries hat eine notwendige Debatte entfacht - im Land der Heuchler. Aus stern Nr. 46/2003

Die Empörungskette schleppt Sandsäcke. Wieder mal. Wider den Dammbruch, die Aushöhlung der Menschenwürde, die Überflutung des Abendlandes, die lauernde Armada von Forschung und Kapital. Prall gefüllt sind die Säcke, mit schwerer Erde aus deutscher Geschichte. "Selektion", ruft Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche -und die Vokabel beleuchtet die Rampe von Auschwitz. Es werde "aus Menschen Material" gemacht, protestiert Maria Böhmer, die katholische Vorsitzende der CDU-Frauenunion - und das Licht wird angeknipst in den düsteren Labors der NS-Rassezüchter. Die Grünen spenden Sandsäcke.

Ein in Deutschland verbotener Gedanke

Was ist geschehen? Wer legt Hand an die heiligen Werte der Humanität? Wo bricht der deutsche Damm? Brigitte Zypries, als Bundesministerin der Justiz Hüterin der Verfassung und Wegbegleiterin des Kanzlers, hat gewagt, öffentlich zu denken. Einen in Deutschland streng verbotenen Gedanken, der jenseits des großen Dammes treibt, auf dessen Krone grell die Leuchtschrift blinkt: "Wehret den Anfängen." Wer solches tut, der wird bestraft: mit aufgeschäumter Erregung, mit Stigmatisierung, mit intellektueller Unterschlagung.

Es braucht Mut, sich solcher Tortur auszusetzen. Und es braucht stoische Gelassenheit, darüber nicht die Hoffnung auf die Überwindbarkeit betonierter Meinungskartelle zu verlieren. Brigitte Zypries hat in einem Vortrag an der Berliner Humboldt-Universität bestritten, dass Artikel eins des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist unantastbar") auch das im Reagenzglas gezeugte Klümpchen aus Ei- und Samenzelle bedingungslos schützt. "Die lediglich abstrakte Möglichkeit, sich in diesem Sinne weiterzuentwickeln, reicht meines Erachtens für die Zuerkennung von Menschenwürde nicht aus."

Therapeutisches Klonen

Für die gentechnische Forschung, für die Medizin der Neuzeit, ist das im Großen so existenziell wie für Eltern, Kranke und Behinderte im Kleinen. Denn aus dem Zellklümpchen ließen sich durch therapeutisches Klonen nicht nur rettende Ersatzgewebe für schwere Krankheiten gewinnen: Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Querschnittslähmung und Herzinfarkt. Es ließen sich bei künstlicher Befruchtung auch vor Einpflanzung des Embryos in die Gebärmutter Behinderungen erkennen.

Beides ist in Deutschland verboten - in England ist das therapeutische Klonen in den ersten 14 Tagen des embryonalen Wachstums erlaubt. Brigitte Zypries hat das in einer abwägenden, differenzierten Rede hin- und hergewendet, Skepsis angemeldet gegenüber dem therapeutischen Klonen, die Präimplantationsdiagnostik (PID) gar verworfen. Und dennoch eine Lockerung des erst ein Jahr alten Stammzellgesetzes, das nur den streng kontrollierten Import embryonaler Zelllinien für die Forschung erlaubt, für verfassungsgemäß und damit denkbar erklärt. Wer die Verhältnisse zum Tanzen bringen will, sollte seine Liedlein erst mal leise aufspielen. Die Pauke kommt von ganz allein - manchmal aus dem Publikum. Wie geschehen.

Eine Flut der Heuchelei

Bricht hier ein Damm? Jene, die vorgeben, ihn zu verteidigen, stehen längst bis zur Schulter im Wasser. In einer Flut haarsträubender Widersprüche, umspült von Wogen der Heuchelei. Denn dieselbe Gesellschaft, die der im Reagenzglas befruchteten Eizelle die Unantastbarkeit der Menschenwürde zuspricht, schweigt zu 130000 Abtreibungen, im Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes akribisch klassifiziert. Sie erlaubt den Import embryonaler Stammzellen, als wären sie minderwertiger als deutsche. Sie gestattet Samenspenden, verbietet aber die Spende von Eizellen - dafür dürfen Forscher Keimzellen aus abgetriebenen Föten entnehmen. Sie untersagt die Verwendung von Embryonen, die bei künstlicher Befruchtung übrig geblieben sind, toleriert aber deren Vernichtung. Sie verteidigt künstlich befruchtete Eizellen, akzeptiert aber, dass natürlich befruchtete durch Spiralen oder die "Pille danach" in den Abort gespült werden. Sie verbietet die vorbeugende PID, gestattet aber - bis zur Geburt! - die blutige Abtreibung schwerbehinderter Föten. Was ist hier human, was inhuman?

Ethisch konsequent ist einzig die katholische Kirche; sie kämpft kompromisslos für den Lebensschutz vom Moment der Zeugung an. Wer aber schon bei der befruchteten Eizelle Menschenwürde schreit und zur Abtreibung schweigt, der erstickt in himmelschreienden Widersprüchen. Der hat selbst den Damm gebrochen, und für den gilt, an seinen doppelten Standards gemessen: Hinter der edlen Maske der Humanität grinst die Fratze der Unmenschlichkeit.

Hans-Ulrich Jörges / print