HOME

"Europeana": EU-Projekt digitalisiert Erinnerungen aus Erstem Weltkrieg

Briefe, Tagebücher, Fotos: Jahrzehntelang lagerten Objekte aus dem Ersten Weltkrieg auf Dachböden und in Schubladen. Zum 100. Jahrestag wurden sie digitalisiert - und auf einem Portal veröffentlicht.

Mit herzlichen Grüßen von der Front - ziemlich lange halten die Soldaten des Ersten Weltkriegs den Schein der Normalität aufrecht. Wie Urlaubsgrüße muten die Botschaften in die Heimat an. Postkarten aus der Ferne für die Lieben daheim, mit Fotos von Landschaften, Straßenzügen, Häfen. Solche Feldpost und andere Erinnerungsstücke aus dem Krieg sind nun im Internet zu finden. Hundert Jahre nach Kriegsausbruch entsteht mit der Datenbank "Europeana 1914-1918" ein Netz der Erinnerung über Grenzen hinweg.

Bereits seit 2011 sammelt das EU-Projekt die Zeugnisse aus dem "Großen Krieg". Bürger können in Bibliotheken die Fundstücke aus Familienbesitz vorlegen. Die Objekte werden dort eingescannt oder fotografiert und mit genauen Angaben über Herkunft und Eigentum online gestellt. "In vielen Familien werden diese Stücke bis heute aufbewahrt - jetzt können sie in einem größeren historischen Zusammenhang betrachtet werden", sagt der Historiker Frank Drauschke, der die Aktionstage auf deutscher Seite koordiniert.

Mehr als 80.000 Objekte und Dokumente aus zwölf Ländern

In der kommenden Woche ist es wieder soweit. An diesem Donnerstag (30. Januar) und Freitag jeweils von 10.00 bis 18.00 Uhr werden in der Berliner Staatsbibliothek die Fundstücke aus Familienbesitz entgegengenommen und digitalisiert. Sie können danach wieder nach Hause mitgenommen werden.

Die Beiträge werden auf der Europeana-Website veröffentlicht. Wissenschaftler und Kulturinstitutionen sollen in Zukunft die Objekte für Forschung und Bildung erschließen. Mittlerweile sind unter www.europeana1914-1918.eu mehr als 80.000 Objekte und Dokumente aus zwölf Ländern digitalisiert.

Zum Beispiel von Hans Beck. Der Grenzwächter, der an den Folgen eines Lungenschusses aus dem Jahr 1917 starb, hinterließ seiner Familie ein Miniaturkartenspiel mit Konterfeis deutscher Persönlichkeiten aus Militär und Politik. Oder Hugo Honrath (1897-1984). Seine Nachfahren haben eine ganze Sammlung ins Netz gestellt mit Fotos, Aufzeichnungen, Anekdoten, die er als Telegrafist in Rumänien und später in der Ukraine sammelte.

"Sehr emotionale Momente"

Abzeichen, Fernrohre, Helme - Drauschke berichtet von sehr emotionalen Momenten, wenn Familien ihre Fundstücke präsentieren. Zwar sei die kollektive Erinnerung an den "Großen Krieg" vom Horror des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust überlagert. "Doch die Objekte aus dem Ersten Weltkrieg lösen starke Gefühle aus." Schließlich sei von jeder Familie jemand in den Krieg abkommandiert worden. In den Erzählungen seien die Erfahrungen mit der Katastrophe von Generation zu Generation weitergegeben worden.

So verwebt Europeana Einzelschicksale zu einer gemeinsamen europäischen Erzählung, bei der auch die nationalen Eigenschaften deutlich werden. "Besonders die Deutschen haben viel gesammelt", sagt Drauschke. Freilich hielt sich der Optimismus der ersten Kriegsmonate nicht lange. "Je mehr der Krieg im Schlamm stecken blieb, desto düsterer wurden die Briefe", sagt der Historiker.

Esteban Engel, DPA / DPA
Themen in diesem Artikel