50 Jahre Anwerbeabkommen Niemand dachte an Integration


Am 20. Dezember 1955 wurde das Abwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien unterzeichnet. Wenige Wochen später folgten die ersten "Gastarbeiter" - eine Entwicklung die damals ohne politische Weitsicht in Gang gesetzt wurde.

Von italienischen Gastarbeitern redet heute keiner mehr. 50 Jahre ist es mittlerweile her, dass am 20. Dezember 1955 in Rom die Bundesrepublik mit Italien ein Anwerbeabkommen schloss. Weitere Verträge mit anderen Ländern folgten. Die Wirtschaft im Wirtschaftswunderland brummte, die Arbeitskräfte wurden knapp. Ohne die vor allem für einfache körperliche Arbeit dringend benötigten "Gastarbeiter" wäre der Wirtschaftsmotor schnell ins Stottern geraten.

Damals wurde eher unbewusst und daher auch ohne Weitsicht eine Entwicklung in Gang gesetzt, die - nach dem großen Flüchtlingstreck Mitte der 40er Jahre - die Bevölkerungsstruktur in Westdeutschland nochmals nachhaltig veränderte. Dass die Angeworbenen auf Dauer bleiben könnten, daran dachte keiner. Legendär ist die Feststellung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch: "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen."

Anfangs spielte sich die Entwicklung in relativ bescheidenem Rahmen ab. Der Vertrag mit Rom sah zunächst nur die Beschäftigung von 100.000 Italienern vor. Es wurde mehr und mehr, Spanier und Portugiesen, Griechen und Türken, Tunesier und Jugoslawen folgten. Heute leben etwa 6,7 Millionen Ausländer in Deutschland. Das sind acht Prozent der Bevölkerung.

Ein Moped als Willkommensgruß

Den höchsten Anteil haben Industriestädte wie Stuttgart mit 22,6 Prozent. Dort am Band "beim Daimler", wie es im Schwäbischen heißt, wurden schon in den 50er und 60er Jahren dringend die Arbeitskräfte aus Südeuropa gebraucht. Am 10. September 1964 entstieg in Köln-Deutz schon der millionste Gastarbeiter dem Zug. Der damals 38-jährige Portugiese Armando Rodrigues de Sa erhielt als Willkommensgruß ein Moped.

Die Geschichte der Italiener in Deutschland steht eher auf der positiven Seite der Zuwanderung in ein Land, das sich Jahrzehnte nicht als Zuwanderungsland verstand. Nach der Unterzeichnung des Abkommens trafen am 5. Januar 1956 die ersten Italiener im niederrheinischen Siersdorf ein. Überall im Land wurden die "Gastarbeiter" - oft äußerst bescheiden in Baracken - am Rande der Städte untergebracht, misstrauisch von der heimischen Bevölkerung beäugt. Abschätzig wurden sie "Ithacker", "Spaghettifresser" genannt. Heute sind viele Angehörige der zweiten und dritten Generation in die deutsche Gesellschaft integriert.

Für andere Ausländer verlief die Eingliederung weitaus weniger gut. Die Probleme hat sich auch der deutsche Staat zuzuschreiben. Da die Migranten als "Gastarbeiter" galten, dachte niemand an Integration. Es gab keine Angebote des Staates und auch keine Anforderungen an jene, die hier bleiben wollten. So kam es, dass Ausländer - oft aus dem islamischen Kulturkreis - 20 Jahre hier leben und kein Wort Deutsch sprechen, dass Migrantenkinder ohne jegliche Sprachkenntnisse an die Grundschule kommen. In manchen Regionen etablierten sich Parallelgesellschaften.

Als auch in Deutschland Vollbeschäftigung nicht mehr garantiert war, verhängte die Bundesregierung schon 1973 einen Anwerbestopp. Der Tatsache, dass aber Millionen Ausländer im Land lebten, trug die Regierung 1978 Rechnung. Sie ernannte den vormaligen nordrhein- westfälischen Ministerpräsidenten Heinz Kühn (SPD) zum ersten Ausländerbeauftragten. Seine heutige Nachfolgerin Maria Böhmer wurde von Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) zur Staatsministerin im Kanzleramt aufgewertet.

Für den Italiener Salvatore Azzolina ist das Geschichte. Er kam vor Jahrzehnten auf der Suche nach Arbeit aus dem warmen Sizilien ins kalte Deutschland. Heute, obwohl ohne deutschen Pass, sagt er: "Ich bin Deutscher."

Norbert Klaschka/DPA DPA

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