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Akte 17. Juni 53 - Teil 2: Der Kampf

"Ulbricht, Pieck und Grotewohl, dass euch drei der Teufel hol", skandieren die DDR-Bürger am 17. Juni. Es wird gekämpft, geplündert, geschossen, Feuer gelegt. Am Mittag rollen die Panzer und vernichten die Hoffnung auf Freiheit.

Erich Loest steht in aller Herrgottsfrühe auf. Er muss gleich mit dem Zug von Leipzig nach Berlin. Alle schreibenden Bezirksoberhäupter sind vom Ersten Sekretär des Schriftstellerverbandes zu einer Sitzung geladen. Also schnell einen Muckefuck, eine Stulle und das Radio an für die Nachrichten.

Der 27-jährige Loest ist ein glücklicher Mensch. Ein paar Bücher hat er schon veröffentlicht, zuletzt schrieb er seinen Berlin-Roman. Jeden Tag fünf Seiten und fünf Zigaretten, und vor ihm steigt die Morgenröte des Kommunismus auf. Er hat Annelies geheiratet, einen Sohn bekommen und eine Zweieinhalbzimmer-wohnung mit Heizung, Bad, Balkon. Die Zensoren mäkeln kaum an seinen Texten, er ist auf der Siegerstraße, ist in der Partei, will aufbauen und dabei sein.

Nun sitzt er in der Küche und hört Nachrichten.

In zwei Tagen, heißt es, wird das jüdisch-amerikanische Ehepaar Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Es soll die Atombombe an die Sowjets verraten haben. Die Angeklagten beteuern seit Jahren ihre Unschuld. Letzte Massenproteste, Bittschriften und Telegramme von Sartre bis Papst Pius XII. - vergebens. Es ist Kalter Krieg.

Und nun der Wetterbericht für heute, Mittwoch, den 17. Juni: Vormittags heiter, nachmittags zunehmende Bewölkung, schwül, Gewitterneigung, Höchsttemperatur 25 Grad.

Am Leipziger Hauptbahnhof gibt es noch kein "Neues Deutschland". Zu früh. Hinter Jüterbog sieht Erich Loest durchs Zugfenster lauter Lastwagen mit Rotarmisten. Sie rollen in Richtung Berlin. Die Mützen ans Kinn geriemt, die Gewehre zwischen den Schenkeln, wird er später in seiner Biografie "Durch die Erde ein Riß" schreiben.

Im amerikanischen Sektor Berlins, in Kreuzberg, ruft kurz vor sieben Uhr Egon Bahr, Chefredakteur vom Rias, einen seiner "Amis" zu sich ins Büro. Er möchte doch bitte mal im Jeep rüberfahren zur Stalinallee. Strausberger Platz. Bis vier Uhr früh haben sie den Streikaufruf der Gewerkschaft gesendet. Bahr möchte wissen, ob sich im Ostsektor was tut.

Um sieben saust der Kollege ab.

Als er zurückkommt, sagt er: Es sind Tausende unterwegs. Der ganze Sektor summt. Wir hatten die Nacht im Sender verbracht, erzählt Bahr. Nun saßen wir da, unrasiert und zufrieden und haben erst mal Kaffee kochen lassen und Brötchen gekauft.

Zu dieser Zeit bitten die Kollegen vom Funkwerk Köpenick den Abteilungsleiter für Hochfrequenz-Industriesender, Siegfried Berger, die einberufene Betriebsversammlung zu leiten. Er kann das am besten, und sie wollen über Streik oder Demonstration entscheiden.

Berger ist einverstanden. Vorher aber lässt er zwei zuverlässige Mitarbeiter kommen. Sie sollen sofort zu ihm nach Hause fahren, nach Karlshorst in die Cäsarstraße 16a, und ein paar verbotene Bücher vernichten, Bücher über Geheimprozesse, Ostverhöre, unbedingt auch Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis". Und bitte das Funkgerät im Keller vernichten. Er hat es von der Ost-SPD bekommen. Das darf unter keinen Umständen gefunden werden.

Gefunden? Warum sollte das gefunden werden?

Weil Berger eine Hausdurchsuchung fürchtet. Er glaubt nicht an einen glücklichen Ausgang dieses Tages. Als er am frühen Morgen aufwachte und aus dem Schlafzimmerfenster sah, rollten russische Panzer vorbei. Und ihre Peitschenantennen, so erzählt er den Kollegen, schlugen an die Oberleitung der Straßenbahn, dass die Funken nur so flogen. Kurz vor acht quetschen sich Bert Brecht, seine Geliebte Käthe Rülicke, Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch in Brechts Zweisitzer, einen Steyr. Sie fahren von Weißensee ins Theater am Schiffbauerdamm. Der Meister und seine Schüler hatten die ganze Nacht hindurch in Brechts Wohnung diskutiert.

Nun hören sie den Rias. Hören, wie der Westen Anweisungen für den Osten gibt. Und was bringt Radio DDR? "Puppchen, du bist mein Augenstern" und "Immer nur lächeln". Da bekommt Brecht einen Wutanfall. Und mit der ihm eher ungewöhnlichen Attitüde eines Generalstäblers, schreibt Wekwerth in seiner Autobiografie "Erinnern ist Leben", ruft er ihn und Elisabeth Hauptmann, die inzwischen auch eingetroffen ist, zu sich. Die beiden sollen sofort zum Rundfunk fahren. Dieses schwachsinnige Operettengedudel muss aufhören!

Die beiden fahren im kleinen DKW, dem Theaterauto, los. Da sind die Straßen schon verstopft. Sie wenden, rangieren, nehmen Umwege und kommen schließlich zwanzig nach zehn in der Nalepastraße an. Künstlerausweis beim Pförtner vorzeigen und durch zum Chef vom Dienst.

Aha, vom Brecht kommen Sie.

Da bietet er doch gleich Platz und einen Schnaps an. Aber Elisabeth Hauptmann schießt schon los: Ob er mit diesen blöden Schlagern den Untergang der DDR herbeisingen wolle! Und Wekwerth sagt, Brecht, Helene Weigel, Ernst Busch und das ganze Ensemble seien sofort bereit, das Programm zu übernehmen. Mit Liedern und Gedichten. Und man müsse natürlich auch Gespräche mit den Arbeitern führen.

Der Chef vom Dienst kriegt einen Lachanfall. Wieso Untergang? Kann er nicht sehen. Sind wohl eher die Bauchschmerzen eines Intellektuellen. Ja, das kön- nen sie ihrem Chef ruhig so bestellen. Er muss sich wirklich nicht in unser Programm einmischen.

Im Haus der Ministerien ist seit 9 Uhr 30 Alarmstimmung. 15 000 Protestler versuchen, ins Regierungsgebäude einzudringen. Fenster gehen zu Bruch. Polizeiwagen drängen die Menge zurück, die Vopos mit Gewehr im Anschlag.

Die Partei hat zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Alle Angestellten sind schon durch den hinteren Ausgang losmarschiert. Wo bleibt nur Genosse Leuschner? Er als Mitglied des Zentralkomitees und Fritz Selbmann, Minister für Hüttenwesen und Erzbergbau, sollen den Oberbefehl über die Aktion haben. Das ZK hat gerade angerufen. Aber keine Spur von Leuschner.

Der steht wenig später leichenblass in der Tür.

Mein Herz, flüstert er nur, mein Herz! Fritz Schenk, damals Leuschners Assistent, nach seiner Flucht in den Westen Co-Moderator von Gerhard Löwenthals "ZDF Magazin", Schenk erzählt, wie er und die Sekretärin Elsa den Stöhnenden zu seiner Couch bringen, ihm den Kragen öffnen, damit er Luft kriegt, die Fenster aufreißen und ein Glas Wasser holen. Der Chef hat doch erst vor ein paar Tagen einen Herzanfall gehabt. Durchatmen, sagen sie und legen ihm Kompressen auf die Brust.

Von der Straße her dringen nun Brüllen und Schreie hoch. Schenk, sagt Leuschner keuchend, das kann doch kein Irrtum sein. Das sind doch die Leute, um die wir seit Jahren ringen. Haben wir denn alles falsch gemacht?

Als er sich etwas erholt hat, erzählt er, was ihm vorhin zugestoßen ist. Dass sein Fahrer plötzlich an der Wilhelmstraße in die Demonstranten geraten ist, gerade noch ausweichen konnte, sonst wäre der Wagen umgeworfen worden. Sie also raus, der Fahrer mit seinem Mantel und der Aktentasche los, er wollte sich damit in die Volkskammer retten.

Und ich bin mit den Demonstranten gelaufen, sagt er. Wie bitte? Ja, was blieb ihm denn übrig? Er ist dann ein Stück in den Westen gegangen, hat Luft geschöpft und sich schließlich von hinten ans Ministerium herangeschlichen. Was für ein Glück, dass niemand Sie erkannt hat, sagt die Sekretärin erleichtert. Wieso, antwortet Leuschner, mich kennt doch kein Mensch.

Inzwischen haben sich in Köpenick

die Arbeiter vom Funkwerk auf ihrer Betriebsversammlung für Demonstration entschieden. Nur 20 von 2000 Beschäftigten stimmen dagegen. Also gut, dann gehen wir.

Siegfried Berger übernimmt die Führung. Er hat drei Forderungen aufgestellt: Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen und die Wiedervereinigung. Jubelnd ziehen sie los. Aber bitte keine Ausschreitungen! Und nichts beschädigen!

Einen Sprung von den Linden entfernt tagen zu dieser Zeit die Schriftsteller unter Leitung ihres Ersten Sekretärs Kurt Barthel, genannt Kuba. Erich Loest hatte schon am Morgen auf dem Weg vom Bahnhof Friedrichstraße zum Verbandshaus merkwürdig viele Leute gesehen, Arbeiter mit Aktentaschen, Hausfrauen und ziemlich verwegene Jugendliche, komische Typen, Westler ganz offenbar.

Nun sitzen sie also da, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Armin Müller, Stefan Heym und die ganzen Bezirksvorsitzenden der DDR, diskutieren über Stipendien und wie man den Nachwuchs fördern soll, und durch die offenen Fenster werden die Rufe und Schreie immer lauter.

Und plötzlich, erzählt Erich Loest, fliegt die Tür auf, und Max Zimmering steht da mit zerrissenem Jackett und einer blutenden Platzwunde auf der Stirn, Zimmering, der proletarische Hymniker: Es beginnt erst der Mensch, / wo die Ausbeutung endet, / wo das Brot, das du ißt, / keinen würgt?

Ich bin das erste Opfer der Konterrevolution!,

sagt er lachend, weil gerettet. Er war mit dem Wagen aus Dresden gekommen, war in die Menschenmenge geraten, wurde aus dem Auto gezerrt, und als sie ihm das Parteiabzeichen runtergerissen haben, hat er sich gewehrt. Aber die anderen, sagt er, waren stärker.

Kuba ist besorgt. Telefoniert mit dem Zentralkomitee. Was, um Himmels Willen, ist da draußen los? Aha. So. Also gut. Diskutieren, nicht provozieren. Verstanden. Und zu diesem Zweck, sagt Loest, schickte Kuba nun seine Mannen - immer zu zweit - auf die Straße hinunter.

Loest geht mit Armin Müller aus Erfurt, dem Dichter des Weltfestspiellieds "Im August blüh‘n die Rosen". Ihr Parteiabzeichen stecken sie in die Tasche. Sie wollen ja diskutieren. Und nicht verprügelt werden.

Brecht diktiert in dieser Stunde seiner Geliebten Isot Kilian drei Briefe. Einen an Walter Ulbricht, den Generalsekretär der SED, einen an Regierungschef Otto Grotewohl, den dritten an Wladimir Semjonow, den Hochkommissar der UdSSR. Werter Genosse Ulbricht? lässt er in die Maschine tippen. Er zollt Respekt, mahnt die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des Aufbaus an und versichert seine Verbundenheit mit der sozialistischen Einheitspartei.

Isot Kilian, schreibt Werner Mittenzwei in seiner großen Brecht-Biografie, ist so aufgeregt, dass sie sich dauernd vertippt. Käthe Rülicke muss alles noch ein- mal sauber abschreiben. Dann schickt Brecht gegen zwölf Uhr seinen Fahrer Lindemann und Wekwerth mit den Briefen los. Sie sollen den Steyr nehmen und zunächst ins Haus des Zentralkomitees der SED fahren.

Ihr Weg führt direkt in die Masse hinein.

Brüder zur Sonne, zur Freiheit, hören sie und denken: Dann ist ja alles gut. Doch als sie näher kommen, schreien die Protestanten: Freie Wahlen! Und weg mit Ulbricht. Fangen auch schon an, Brechts schönen Zweisitzer umzuschaukeln. Da ruft Wekwerth: Wir sind Einzelhändler! Wir müssen zu unserem Laden nach Weißensee. Das rettet sie. Einzelhändler haben es schwer in der DDR.

Um die Briefe kümmert sich im Haus der Partei im Moment niemand. Herbert Häber, der 22-jährige Mitarbeiter des ZK, erlebt damals mit, wie Semjonow am Vormittag durch die Gänge rast. Türen knallen, und der Hochkommissar staucht Ulbricht und seine Mannen zusammen. Wild gestikulierend. Verstehen kann Häber nichts.

Das ganze Politbüro wird dann nach Karlshorst zitiert, allen voran Ulbricht, Grotewohl, Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt, der reformfreudige Chefredakteur des Parteiorgans "Neues Deutschland".

Da einige Genossen ihre Fahrer schon wieder fortgeschickt haben, verteilen sie sich auf wenige Wagen und fahren in geschlossener Kolonne. Ulbricht nimmt Herrnstadt mit. Der beschreibt später in seinem Tagebuch, wie die aufgebrachte Menge ihnen mit erhobenen Fäusten droht. Ulbricht sagt kein Wort.

Gegen elf Uhr kommen sie in Karlshorst an

und stehen im Zimmer von Semjonow herum und warten. Und denken: Was denkt Ulbricht jetzt wohl? Wie oft hatte der sich beschwert, dass alle Last immer nur auf ihm ruht. Und dass Grotewohl nur repräsentieren will. Pieck auch. Ich habe es satt, ihre Gouvernante zu sein!, sagt er einmal zu Herrnstadt. Dabei weiß doch jeder, dass Ulbricht sich überhaupt nicht helfen lassen will. Weil er niemandem traut. Auch Semjonow nicht, dem großen Bruder, dem er gehorchen muss.

Als der Hochkommissar nach endlosen Gesprächen schließlich ins Zimmer kommt, behandelt er seine deprimierten Gäste mit ausgemachter Liebenswürdigkeit. Bespricht die Situation mit ihnen und kann sich dann doch einen ironischen Schlenker nicht verkneifen, sagt so ganz nebenbei: Rias gibt durch, daß es in der DDR keine Regierung mehr gibt. Dann setzt er sich zu seinen sowjetischen Kollegen an den Tisch und sagt mit Blick aufs Politbüro: Na, fast stimmt es doch.

Marschall Scholokowski greift Zaisser an.

Er will wissen, weshalb der Staatssicherheitsapparat so elend versagt hat. Hatten Sie denn überhaupt keine Ahnung, Genosse Zaisser?

Kurz darauf telefoniert Ulbricht dann vom Vorzimmer aus mit Karl Schirdewan, einem hohen Funktionär im ZK, Antifaschist und Reformer. Schirdewan ist den ganzen 17. Juni über im Haus der Einheit, in seinem Arbeitszimmer im 5. Stock. Er lässt sich seit Stunden aus der Republik berichten. Aus Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt, aus Buna, Leuna, Bitterfeld, aus Halle und Magdeburg, aus Gera und Görlitz. Er fordert Schilderungen ohne jegliche Schönfärberei.

Davon erzählt er nun seinem Chef. Er weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Aufstände überall im Land. Und Menschenmassen in Berlin. Sie rufen: Nieder mit der Regierung! Da hängt Ulbricht den Hörer ein und sagt nur ein Wort: Aus.

Gegen zwölf Uhr erscheint Semjonow noch einmal.

Er sagt, Moskau habe für 13 Uhr die Verhängung des Ausnahmezustands angeordnet. Also kurz nach eins ist der Spuk vorbei. Und wie immer, wenn er unter Druck ist und sich beruhigen muss, setzt er sich ans Klavier und spielt eine Fuge von Bach oder einen Brahms.

Der Aufstand hat sich also auf die ganze DDR ausgebreitet. In fast 700 Städten und Gemeinden streiken und protestieren die Arbeiter. Als am Vormittag die ersten Demonstrationszüge laut durch Leipzig ziehen, glaubt der Oberbürgermeister noch, seine Landsleute wettern gegen die in Amerika beschlossene Hinrichtung von Julius und Ethel Rosenberg. Für die DDR waren die beiden schließlich Friedenskämpfer an der unsichtbaren Front.

Doch der Protest gilt der Regierung.

Und am Ende des Tages gibt es sieben Tote. Sie werden in einer streng geheimen Aktion eingeäschert, und die Urnen bleiben vier Wochen in Stasi-Gewahrsam. Bloß keine Märtyrer! Es war ja schon schlimm genug, dass der erste Tote, ein 19-jähriger Arbeiter, drei Stunden lang durch Leipzig getragen wurde, begleitet von Tausenden - schweigend.

Hans Bentzien, damals Kulturfunktionär und später der letzte Generalintendant des DDR-Fernsehens, sitzt allein mit dem Hausmeister und einer Sekretärin im Stadthaus von Gera. Sie telefonieren wie die Wilden. Aber in allen Betrieben melden sich nur Vorzimmerdamen. Die Wismut-Kipper, besetzt mit Fahnen schwenkenden Bergleuten, sind längst auf dem Weg zu ihnen.

Bentzien beschreibt in seinen Erinnerungen "Meine Sekretäre und ich", wie sie nun zu dritt Büromöbel vor die Eingangstür schieben, Aktenschränke, Tische und alles, was sie bewegen können.

Plötzlich steht ein Redner auf dem Sockel

vor der Tür und feuert die Arbeiter an: Räuchert sie aus da drinnen! Bentzien hat inzwischen im Tresor des Stadtsekretärs eine Pistole gefunden. Er öffnet ein Fenster, zeigt die Waffe und ruft in die Menge hinein: Gibt es keinen Genossen mehr unter euch? Also wer hier reinkommt, lebt nur noch Sekunden! Dann hält er eine feurige Rede. Und siehe da: Nach ein paar Sätzen spritzt die Meute auseinander. Rennt davon. Was ist los? War tatsächlich er das?

Nein. Am Ende der Strasse steht ein T-34, ein sowjetischer Panzer. Der schwenkt das Kanonenrohr über die Kipper, und ein Offizier kommt aus der Luke hoch und brüllt: Dawaitje! Haut ab!

In Görlitz wird der Stadtfunk besetzt, der Oberbürgermeister abgesetzt und für einen halben Tag eine neue Regierung eingesetzt - freundlich und zuvorkommend. Der "Rädelsführer" wird es mit fünf Jahren Zuchthaus bezahlen. 50 000 Arbeiter der Chemiehochburgen Leuna und Buna marschieren nach Merseburg, singen das Deutschlandlied und "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit".

Die Bitterfelder fordern: Sofortiger Rücktritt des Politbüros, freie Wahlen, Freilassung aller politischen Häftlinge und Abschaffung der kasernierten Volkspolizei. Sie bilden eine Übergangsregierung, halten glühende Ansprachen, und ein SED-Funktionär entgeht mit knapper Not dem Untergang, als zornige Bürger ihn einfach in den Fluss werfen.

In Halle werden die SED-Bezirksleitung

und das Haus der Einheit gestürmt. Ulbricht-Bilder fliegen unter dem Jubel der Masse auf den Hof, hinterdrein flattern Parteibroschüren und Stalin-Biografien. Volkspolizisten werden entwaffnet, Funktionäre verstecken sich für Stunden in der Besenkammer, und am Händel-Denkmal, dem Wahrzeichen der Stadt, prangt die Losung des Tages: Spitzbart, Bauch und Brille - Nicht des Volkes Wille!

Und weiter geht‘s in Halle zum "Roten Ochsen", dem Zuchthaus der Stadt. Als Lastwagenfahrer das Tor einrammen und Hunderte auf den Hof rennen, schießen die Vopos in die Menge. Fünf Tote gibt es und viele Verletzte.

In der Untersuchungshaftanstalt nahe dem Hallenser Marktplatz gelingt die Gefangenenbefreiung. Die Volkspolizistin in der Effektenkammer ist so geschockt, dass sie umkippt. Die Straßenkleider können nicht mehr ausgeteilt werden. Die Häftlinge laufen in Gefängniskluft in die Freiheit. Und Wirt Meyer, der seine Gaststätte gegenüber dem Knast hat, ruft: Kommt rein und trinkt erst mal was.

In Berlin wälzt sich von Osten her, vom Alex und vom Marx-Engels-Platz der gewaltige Demonstrationszug aus der Stalinallee. Zehntausende schieben sich langsam unter die Linden in Richtung Brandenburger Tor. Und die Masse wächst und wächst von Straße zu Straße, von Bau zu Bau, von Haus zu Haus. Ernst und entschlossen. Frauen mit Einkaufsbeuteln und Arbeiter mit abgeschabter Aktentasche. Es hat keinen Zweck, der Spitzbart muss weg, skandieren sie. Oder Butter, Brot und Speck fressen uns die Bonzen weg.

Genossen aus den umliegenden Ämtern werden auf die Straße gejagt. Sprecht mit den Arbeitern! Haltet sie auf! Überzeugt sie! Aber wovon? Am 17. Juni geht kaum ein Gespräch so resignierend humorvoll aus wie das zwischen dem Funktionär Ernst Hermann Meyer, einem Komponisten, und dem Bauarbeiter von der Stalinallee: Was bist du denn von Beruf?, fragt der Arbeiter den, der ihn bekehren soll. Musiker, antwortet der. Na, Kolleje, sagt der vom Bau, denn jeh du man bei deine Jeije.

Jetzt wird auch geprügelt.

Ein Kiosk steht in Flammen. Fetzen vom "Neuen Deutschland" fliegen durch die Luft. HO-Schaufenster klirren, Verletzte werden weggetragen. Die rote Fahne wird vom Brandenburger Tor geholt und in Stücke gerissen. Das ist das Signal für die Russen einzugreifen.

Da kochte der Topf über, sagt Erich Loest. Und die Arbeiter lassen nicht mit sich reden. Zeigt eure Hände!, sagen sie nur. Und dann: Haut ab. Ihr gehört nicht zu uns.

Geschlagen, enttäuscht und verbittert geht Loest mit seinem Kollegen zum Klub des Kulturbunds. Sie haben Hunger. Während sie noch über die Anstifter aus dem Westen schimpfen, über die bezahlten Agenten des Pentagon, öffnet der Himmel seine Schleusen, und ein Gewitterguss mit Blitz und Donner prasselt auf die Masse nieder. Die bricht auseinander. Löst sich auf. Alles flieht und flüchtet in U-Bahn-Schächte, Hauseingänge und Ruinen. Die kochende Straße kühlt sich für kurze Zeit ab.

Bei Rotwein, Kotelett und Brühe mit Ei diskutieren die Dichter und Denker im Klub die Lage. Da haben die Genossen nun die Quittung! Diese hohen Preise. Und diese hohen Strafen. Ein Jahr Gefängnis für eine gestohlene Tafel Schokolade. Arme Teufel, die Arbeiter. Und wo sind die Verantwortlichen? Man hört nichts und sieht nichts von ihnen. Bitte noch einen Wodka.

Als Loest ins Verbandshaus zurückkommt, ist die Lage richtig ernst. Die Menge tobt. Will ins Haus eindringen und die roten Fahnen von den Fenstern holen. Kuba hatte sie raushängen lassen. Demonstrativ. Das wolln wir doch mal sehen! Unseren Sozialismus kaputtmachen.

Der Hausmeister verbarrikadiert die Eingangstür und verteilt Axtstiele und Schlagwerkzeug. Draußen brüllen sie: Aufmachen. Wir schlagen alles kurz und klein. Wir auch, ruft Loest von innen.

Oben telefoniert der entsetzte Kuba mit Brecht.

Schildert die Lage, den Druck, die Masse, die Schreie, die schrecklichen Parolen. Was soll er bloß tun? Wenn der Mob nun hochkommt? Diese krakeelende Meute? Als Brecht einhängt und seine Schüler ihn fragen, wer das denn war, sagt er: Kuba. In Erwartung seiner Leser.

Mit dem nächsten Regenguss kommen die Panzer. Langsam rollen sie die Linden hoch, mit klirrenden Ketten, schwenken schwerfällig in die Friedrichstraße ein, rollen runter zum Checkpoint Charlie. Nun, da es gefahrlos war, schwärmten die Schriftsteller aus, schreibt Stefan Heym im "Nachruf". Und es ist für ihn ein Symbol, dass plötzlich die Sonne wieder durchbricht. Sie verlieh den Tropfen auf den Geschützrohren der Panzer diamantenen Glanz.

Auch Kuba, Loest, Müller und Zimmering laufen auf die Straße runter und begrüßen die Panzer mit erhobener Faust. In Zimmerings "Lied vom guten Freund" heißt es: Ihr, Sowjetsoldaten, geschmäht und gescholten, / habt Argwohn und Dummheit mit Freundschaft vergolten?

Brecht, seine Schüler und Erwin Strittmatter, der später mit dem Roman "Der Laden" berühmt werden wird, gehen nun auch mitten ins Gewühl. Unter den Linden, bei der sowjetischen Botschaft, kommen immer mehr Panzer an. Als eine junge Frau unter die Ketten gerät und überrollt wird, werden die graugrünen Monster mit Steinen beworfen und angespuckt.

Doch davon bekommt Brecht nichts mit. Er schwenkt seine Mütze, schreibt Strittmatter, und begrüßt die Sowjets mit Hurra. Der parteilose Kommunist, wie Brecht sich immer nennt, überlegt sogar, in die SED einzutreten. Jetzt, sagt er, wäre der richtige Zeitpunkt. Die kleine Gruppe kämpft sich bis zum Marx-Engels-Platz durch, bis zur Tribüne, wo Redner versuchen, die Stimmung zu dämpfen oder anzuheizen. Alles wogt zwischen roten Fahnen, Transparenten und Schwarzrotgold. Die einen brüllen die Internationale, andere grölen das Deutschlandlied. Und im Steinhagel auf die Panzer fallen die ersten Schüsse.

Da steigt, so erzählt Manfred Wekwerth,

ein Volkpolizist auf die Tribüne und geht ans Rednerpult. Was will denn der Vopo da? Ruhe vor dem Sturm. Doch der hält einen Schuh hoch und ruft in reinem Sächsisch: Da habch een eenzelnen Schuh jefundn, wema jehört, der solls saachn. Befreiendes Gelächter. Und der Volkszorn, schreibt Wekwerth, wollte nicht mehr recht in Schwung kommen. Im Radio wird um 13 Uhr der Ausnahmezustand verkündet. Er gilt ab sofort. Alle Versammlungen mit mehr als drei Personen sind verboten. Und von 21 Uhr bis fünf Uhr früh herrscht Ausgangssperre. Wer gegen den Befehl verstößt, wird nach den Kriegsgesetzen bestraft.

Die Funkwerker aus Köpenick hören davon natürlich nichts. Sie marschieren und skandieren: Ulbricht, Pieck und Grotewohl, dass euch drei der Teufel hol! In der Puschkinstraße, wenige Schritte vom Westsektor entfernt, kommt ihnen ein Tatra entgegen. Ein Regierungswagen. Otto Nuschke sitzt drin, der stellvertretende Ministerpräsident. Als die Demonstranten ihn erkennen, ist sein Wagen auch schon umzingelt. Der Chauffeur, erzählt Siegfried Berger später, will gerade Gas geben und davonjagen, da zieht ein Kollege den Zündschlüssel raus. Und unter Gejohle schieben sie Nuschke über die Brücke vom Landwehrkanal in den amerikanische Sektor. Als man ihn dort verprügeln will, nehmen Westpolizisten ihn in Schutzhaft.

Auf der Warschauer Straße werden die Köpenicker

dann von der Volkspolizei bedroht. Gewehr im Anschlag. Zurück! Oder wir schießen! Noch einen Schritt, und es knallt! Da gehen die Arbeiter langsam zurück. Schritt für Schritt. Als 50 Meter zwischen ihnen und den Polizisten liegen, schießen die. Schießen mitten in den Zug hinein.

Die Köpenicker schleppen ihre Verletzten rüber in den Westen. Und dort erfahren sie, dass seit 13 Uhr der Ausnahmezustand herrscht. Da wissen sie - es ist aus. Sie haben verloren. Auf Schleichwegen, durch Ruinen und über Hinterhöfe läuft Berger die lange Strecke nach Karlshorst zurück. Nach Hause. Und ahnt, dass er bald im Gefängnis sitzen wird.

In der Innenstadt wächst die Wut auf die Volkspolizisten. Sie werden als Schweine, Banditen und Volksverräter beschimpft. Da rastet ein Vopo aus. Brüllt seinen Kollegen Knüppel frei! zu, und die treiben einen Keil in die Menge und schlagen verbissen und brutal auf die Arbeiter ein. Gegen halb fünf wird auf dem Potsdamer Platz Feuer im Columbus Haus gelegt, wo die Volkspolizei stationiert ist. Die wenigen, die noch im Gebäude sind, stürzen auf die Straße. Um 20 Uhr brennt das Haus lichterloh. Die Flammen springen über auf das Café "Vaterland", Zeitungsstände und einen HO-Laden.

Und die Volkspolizisten schießen wieder scharf. Schießen einfach rein in die Demonstranten. Es beginnt ein Kesseltreiben gegen die letzten versprengten Arbeitertrupps.

Im Haus der Ministerien, erzählt Fritz Schenk,

waren die Gänge im Keller und das ganze Erdgeschoss voll mit Verhafteten. Durchs offene Tor treiben Russen und Vopos die Besiegten mit Fußtritten und Fausthieben hinein. Oben diskutieren die Genossen im Sitzungszimmer über Tonnen, Ernte, Anbau, Mengen und Mark, unten wird geprügelt und geschrien. Es war gespenstisch, sagt Schenk. Spätabends werden die Gefangenen in Lastwagen abtransportiert, kommen in Stasi-Gewahrsam und Untersuchungshaft.

Dann ist es still. Die Straßen wie leer gefegt. Um 22 Uhr verirren sich ein paar Panzer in den französischen Sektor. Sie wenden und rasen in den Osten zurück. An allen wichtigen Plätzen schlagen Sowjetsoldaten ihre Zelte auf, zünden Lagerfeuer an, essen und rauchen und bewachen die Friedhofsruhe der Stadt.

Birgit Lahann / Mitarbeit: Dieter Krause

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