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Botschaftsbesetzung: Sturm auf den "Satan"

Die Aufnahme des Schahs durch die USA vor 25 Jahren hatte iranische Studenten dermaßen provoziert, dass sie spontan die amerikanische Botschaft in Teheran besetzten. Der "Kamikaze-Akt" gilt als Anfang der islamischen Bewegung.

Aus der amerikanischen Botschaft in der Stadtmitte Teherans ist 25 Jahre nach der dramatischen Botschaftsbesetzung ein Museum geworden, wo mit Dokumenten und Bildern "die imperialistische Natur des großen Satans" entlarvt werden soll. Die Aktion in der iranischen Hauptstadt von 1979 wird von vielen Politologen als Anfang der islamischen Bewegung ausgelegt, ohne die viele internationale Entwicklungen möglicherweise einen ganz anderen Verlauf genommen hätten.

"Kamikaze-Akt damals richtig"

"Die Geiselnahme amerikanischer Diplomaten war ein Aufschrei eines unterdrückten Volkes in einer revolutionären Situation. So etwas würde sich heute nicht mehr wiederholen", sagt der reformorientierte Staatspräsident Mohammed Chatami rückblickend zur Besetzung der Botschaft. Auch Ebrahim Asgarsadeh, einer der Botschaftsbesetzer von damals und inzwischen Generalsekretär der Reformpartei Hambastegi, bezeichnet die Aktion als "einen Kamikaze-Akt, der zum damaligen Zeitpunkt richtig war, jetzt aber keinen Sinn mehr machen würde".

Die Aufnahme des Schahs durch die USA provozierte Dutzende von damals noch revolutionstreuen Studenten dermaßen, dass sie am 4. November 1979 spontan die Botschaft besetzten. Kurz danach fanden die Studenten auch die Unterstützung des Großajatollahs Ruhollah Khomeini, der wenige Monate davor die Islamische Republik Iran gegründet hatte. Die von vielen Beobachtern als Studentenstreich abgestempelte Aktion sorgte über ein Jahr lang für internationales Aufsehen. Erst nach der Amtsübernahme von US-Präsident Ronald Reagan und etlichen diplomatischen Bemühungen weltweit kamen die 52 amerikanischen Geiseln nach 444 Tagen endlich frei.

"Wir leiden immer noch unter den Folgen der Botschaftsbesetzung", sagt einer der Studenten, der anonym bleiben will. Die Schäden der noch andauernden Wirtschaftssanktionen, besonders in lukrativen Öl- und Gasprojekten, der zivilen Luftfahrt und auch Nukleartechnologie, haben das einst moderne Land im Nahen Osten und in Zentralasien beträchtlich zurückgeworfen.

"Der Nuklearstreit in Wien und die Haltung der Europäer haben erneut gezeigt, dass die politische Isolation Irans in der derzeitigen Lage ohne die Wiederaufnahme der Beziehungen zu den USA nie ein Ende findet", sagt ein EU-Diplomat in Teheran. Auch der Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, Gholam-Resa Aghasadeh, räumt ein, "dass auch technische Belange, wie das iranische Atomprogramm, ohne politische Lösungen nicht vorankommen".

"Tod den USA" immer noch Standardslogan

Unbestätigten Berichten zufolge soll der reformorientierte Staatspräsident Chatami in einer geschlossenen Diskussionsrunde mit Parteifreunden die Botschaftsbesetzung - neben dem von Khomeini 1989 verkündeten Mordaufruf gegen den britischen Autor Salman Rushdie - als eine der Ursachen für das schlechte internationale Image des Landes genannt haben. Die USA haben Iran als "Schurkenstaat" und Teil der "Achse des Bösen" bezeichnet und der Unterstützung des Islamismus und internationalen Terrorismus beschuldigt. Trotz kurzfristiger Bemühungen, die Feindseligkeiten zumindest zu mindern, konnten beide Seiten nie eine gemeinsame Linie finden. Immer noch gilt "Tod den USA!" als Standardslogan bei öffentlichen Veranstaltungen in Iran.

Ironie des Schicksals: Abbas Abdi, damals Anführer der Studenten, sitzt nun im Gefängnis, weil in einer von ihm angeordneten Umfrage über 70 Prozent der befragten Iraner für eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu den USA gestimmt hatten. Mohammed-Resa Chatami, der Bruder des Präsidenten, ist nun als Leiter der Reformpartei IIPF führender Widersacher des konservativen Klerus. Genauso wie sein Parteifreund Mohsen Mirdamadi. Die damalige Übersetzerin der Studenten, Massumeh Ebtekar, agiert seit 1997 als Vize-Präsidentin unter Chatami und betreut die Umweltbehörde. Auch sie gehört in der Zwischenzeit zu den Kritikern des islamischen Fundamentalismus.

Farshid Motahari/DPA / DPA