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Das Leben der KZ-Aufseher: Massenmord als Tagesgeschäft

Verstörende Bilder von fröhlich-feiernden KZ-Aufsehern haben die Banalität des Bösen erneut beleuchtet. Im stern.de-Interview beschreibt der Historiker Werner Renz, ihren Alltag, weshalb sie kein Unrechtsbewusstsein hatten und warum sie oft mit milden Strafen davonkamen.

Auf den Bildern sind keine Opfer zu sehen. Keine Leichen, kein Blut, auch keine Transportwaggons. Und gerade deswegen machen die Fotos aus dem Album des SS-Offiziers Karl Höcker betroffen, die jetzt vom Washingtoner Holocaust-Museum der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Sie zeigen Lageraufseher aus Auschwitz, die sich trotz des von ihnen mit zu verantwortenden Massenmordes offenbar ausgelassen amüsieren. Da hocken fein frisierte KZ-Aufseherinnen auf einem Holzgeländer und essen fröhlich Blaubeeren. Höcker spielt mit seinem Schäferhund "Favorit", der Pfötchen gibt. Im SS-Erholungsheim "Solahütte" liegen die Täter und Täterinnen lachend in Sonnenstühlen, und ein Chor von Aufsehern in Uniform schmettert zum Klang eines Akkordeons Lieder.

Herr Renz, die nun vorliegenden Bilder erwecken den Eindruck, als hätten sich die Lageraufseher während ihrer Freizeit sehr gut amüsieren können. Konnte es angesichts des millionenfachen Massenmords so etwas wie Alltag geben?

Die Beteiligten hatten sehr wohl so etwas wie Alltag und Freizeit, selbst während sie nach Dienstplan die Vernichtungsmaschinerie am Laufen hielten. Es gibt meines Erachtens ein Missverständnis über die SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern: Viele glauben, dass es auf der einen Seite einen schrecklichen Auftrag wie den in Auschwitz gab und auf der anderen Seite den Versuch, ein normales Leben zu führen. Diese Aufspaltung hat es für die meisten SS-Angehörigen nie gegeben. Für viele waren die Ereignisse im Lager ein ganz normaler Vorgang, egal ob sie als Täter am Schreibtisch gesessen haben oder eigenhändig an den Morden beteiligt waren.

Wie kann man Massenmord als ganz normalen Vorgang sehen?

Der Dienst in Auschwitz wurde von den Tätern als eine Notwendigkeit aufgefasst. Ohne dass die meisten gedacht hätten, normwidrig zu handeln. Viele haben geglaubt, dass sie etwas tun, was sich im Rahmen der Befehle ihrer Staatsführung und der vorherrschenden politischen Ideologie bewegt. Sie handelten ihrem Selbstverständnis nach systemkonform. Ihr Dienst an dieser "Front" unterschied sich nach eigener Auffassung kaum vom Einsatz im Westen oder an der Ostfront.

Wie lebten die Lageraufseher?

Es ging ihnen recht gut, sie bekamen Sonderrationen und spezielle Vergütungen. Sie waren nicht in Kampfhandlungen verstrickt und mussten damit auch nicht fürchten, ums Leben zu kommen. Im Lager gab es sogar eine eigene Abteilung, die nur für die Truppenbetreuung zuständig war. Für die Aufseher wurden Theatervorstellungen organisiert, Filmvorführungen, Sketche. Man konnte sehr wohl morden, und sich in der Freizeit belustigen.

Hatten die Aufseher eigene Häuser? Wie weit wohnten sie vom Mordgeschehen entfernt?

Der Lagerkommandant Rudolf Höß hatte eine Villa, die sich unmittelbar neben dem sogenannten Stammlager Auschwitz I befand. Er lebte dort mit seiner Familie und hatte Bedienstete. Andere hochrangige SS-Angehörige lebten mit ihren Angehörigen ebenfalls in der Nähe des Lagers.

Gab es viele dieser Fotoalben wie das von Karl Höcker, in denen Erinnerungen über die Zeit als Aufseher im Konzentrationslager gesammelt wurden?

Offenbar ja. Wobei das mehr eine Vermutung ist. Es gibt ein weiteres bekanntes Album von einem der Hauptangeklagten des Treblinka-Prozesses. Er betitelte es mit den Worten "Schöne Zeiten". Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Täter viele ihrer Erinnerungsstücke an die Zeit im Lager aus Furcht vor Enttarnung vernichtet haben.

Karl Höcker wurde 1965 im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt, obwohl er Adjutant des Lagerkommandanten war und damit eine sehr einflussreiche Stellung im Mordsystem hatte. Sind die Strafen damals zu niedrig ausgefallen?

Definitiv ja. Man muss verstehen, wie die Prozesse in den 60er Jahren geführt worden sind. Höcker zum Beispiel war als Adjutant zwar eine wichtige Figur. Gleichwohl hat die Justiz seine Tätigkeit nur als "Beihilfe zum Mord" gewertet. Und für viele dieser Fälle wurden auch strafmildernde Umstände herangezogen. Höcker wurde im Mai 1944 ins Lager versetzt, er hatte davor im Konzentrationslager Majdanek seinen Dienst verrichtet. Das Gericht interpretierte, dass Höcker in ein schon perfekt laufendes Mordsystem kam. Somit sei sein Beitrag niedriger zu bewerten als der jener SS-Männer, die beim Aufbau der Vernichtungseinrichtungen mitarbeiteten. Schon in den 60er Jahren gab es Kritik an diesen Urteilen. Heute würde die Justiz sicher anders entscheiden.

Existieren auf deutschen Dachböden vielleicht noch mehr von diesen Erinnerungsalben?

Man müsste an die Nachkommen der Täter appellieren, nachzuforschen. Höcker etwa lebte nach seiner Haftentlassung noch 30 Jahre lang in Lübbecke, er hat Nachkommen. Und so wird das auch bei vielen anderen ehemaligen Lageraufsehern gewesen sein.

Welchen historischen Wert haben die Bilder aus Karl Höckers Album?

Sie zeigen, dass man sich als Aufseher offenbar ganz unbefangen seines Lebens erfreuen konnte, ohne von einem schlechten Gewissen sonderlich beschwert zu sein. Sie hatten einen gewissen Wohlstand und eine gute Versorgung genossen. Nach 1945 wollten davon freilich die wenigsten noch etwas wissen.

Interview: Sebastian Christ
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