Geschichtsbewusstsein "Mangel an Verantwortung"


Auch 70 Jahre nach der "Machtergreifung" tun sich die Deutschen mit der NS-Zeit schwer. Bestimmte Bereiche der Forschung seien nur durch Außendruck angeschoben worden, stellt Volkhard Knigge fest, Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.

Der Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, sieht noch immer anhaltende Probleme der Deutschen beim Umgang mit ihrer NS-Vergangenheit. "Nach wie vor besteht eine große Zurückhaltung in Teilen der Gesellschaft, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen", sagte Knigge in einem dpa-Gespräch. Am 30. Januar 2003 jährte sich die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler zum 70. Mal.

Als Beispiel nannte Knigge die Debatte um die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter. "Es ist leider so, dass dies nur durch die Klage amerikanischer Anwälte zu einem öffentlichen Thema geworden ist." Aber auch bestimmte Bereiche der NS-Täterforschung seien nur durch Druck von außen angeschoben worden. Dies betreffe beispielsweise die Vergangenheit der Max-Planck-Gesellschaft, deren Vorgängerin, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, unter anderem an Medizinverbrechen an KZ-Häftlingen beteiligt gewesen sei.

Zugang zu neuen Quellen

"Bei der Erforschung des Nationalsozialismus hat die Geschichtswissenschaft vor allem in den letzten zwölf Jahren enorme Fortschritte gemacht", sagte Knigge. Durch die Öffnung der Archive in Osteuropa seien den Historikern neue Quellen zugänglich geworden. Davon habe unter anderem die Forschung über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Rolle der Wehrmacht profitiert.

Ein Erkenntniszuwachs sei auch zu NS-Tätern zu verzeichnen, insbesondere zu den so genannten "kleinen Profiteuren des NS-Regimes". Das gelte ebenso für die "Arisierung", die Enteignung jüdischen Besitzes durch die Nazis. Im Gegensatz dazu stehe eine Tendenz zum Trivialen in der Darstellung von NS-Themen durch die Medien. "Hinter Themen, die in erster Linie auf hohe Zuschauerquoten abzielen, wird die seriöse NS-Forschung zu wenig wahrgenommen."

Außenkommandos kaum erforscht

Großen Bedarf sieht Knigge noch in der weiteren Erforschung dessen, wie der Nationalsozialismus im Alltag der Deutschen verankert war. "Man darf nicht vergessen, dass das NS-Regime eine Diktatur war, der breite Bevölkerungskreise zustimmten." Verstärkt werden müsse auch die Konzentrationslagerforschung. "Die Historiker haben sich hier bisher vor allem auf die bekannten Lager wie Auschwitz oder Buchenwald konzentriert." Kaum erforscht seien hingegen die Außenkommandos der Konzentrationslager.

In das KZ Buchenwald bei Weimar hatten die Nationalsozialisten von 1937 bis 1945 etwa 250 000 Menschen verschleppt. Über 56 000 wurden ermordet oder erlagen den unmenschlichen Haftbedingungen.

DPA

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