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GIOVANNI BOCCACCIO: Die Liebe in Zeiten der Pest

Unsterblich wurde GIOVANNI BOCCACCIO mit dem »Decamerone«, 100 Geschichten voll Sinnlichkeit, Leben und Witz. In der 101. Geschichte hören seine Figuren nun staunend vom Leben des Mannes, der sie erschuf

Unsterblich wurde GIOVANNI BOCCACCIO mit dem »Decamerone«, 100 Geschichten voll Sinnlichkeit, Leben und Witz. In der 101. Geschichte hören seine Figuren nun staunend vom Leben des Mannes, der sie erschuf

Es kam der Tag, da sie bereits zwei ganze Wochen auf dem anmutigen Landgut nahe dem Städtchen Fiesole weilten und sich in seinen Gärten ergingen. Die vornehme kleine Gesellschaft, deren sieben schön anzuschauende junge Damen, verständig, von edlem Geschlecht und feiner Bildung, drei aber junge Herren, keiner jünger als 25 und von untadeliger Herkunft und Gesinnung auch sie - diese Gesellschaft also hatte sich an Blumen und Bäumen erfreut, dem Gesang der Vögel gelauscht, dem Plätschern der Brunnen und die Zeit sich vertrieben mit heiteren Gesprächen, Tanz und Gesang.

Vor allem anderen aber hatten sie sich Geschichten erzählt - jeder der zehn an jedem Tag eine, die Freitage und Samstage ausgenommen. Und da nun der 13. Tag verstrichen war, da waren auf diese Weise 100 Geschichten zusammengekommen - die eine abenteuerlicher, komischer, edelmütiger, sinnenfroher, weiser, ironischer als die andere, ein bunter Strauß, vielfarbig und vielfältig wie das Leben.

Darum sprach Panfilo, der »König«, nach der letzten Geschichte: »Morgen sind es 14 Tage, dass wir zu unserem Vergnügen und zur Erhaltung unserer Gesundheit sowie um dem Trübsinn zu entgehen, welche seit Beginn dieser Pest unsere Stadt verheeren, Florenz verließen, und dabei haben wir nach meinem Erachten sehr ehrbar gehandelt. Damit aber aus der langen Gewohnheit nichts entstehe, das uns die Dinge verleiden könnte, so sollten wir jetzt, wenn es euch angenehm ist, dorthin zurückkehren, von wo wir aufgebrochen sind.«

Wie nun die Gesellschaft noch über Panfilos Vorschlag beriet, bat Filostrato um das Wort. »Holde Freundinnen«, sprach er, »Ich bitte euch, mir erlauben zu wollen, unseren 100 noch eine 101. Geschichte hinzufügen zu dürfen. Ich versichere, dass sie ganz allein so viel Leben enthält wie all die anderen im Verbunde: Prall, saftig, witzig wird sie sein, aber auch traurig, bitter, erhaben. Denn wisst, da ihr glaubtet, in aller Freiheit euch zu bewegen, zu lachen, zu tanzen und zu erzählen, dass eure Schritte, eure Heiterkeit, eure mal ernste, mal lose Zunge doch nur gelenkt und geführt war von fremder Hand.

Erzählen will ich von diesem, der uns die Worte eingab. Staunend sollt ihr von einem Großen vernehmen, einem Denker, Neuerer und Gelehrten, der unserem verehrungswürdigen Dante nachstand in nichts. Einem Dichterfürsten, dessen Hauptwerk, genannt das ,Decamerone', wie kein anderes auf der ganzen Welt gekauft und verschlungen werden sollte. Von einem Sinnenfrohen sollt ihr hören, der sagte: ?Es ist besser, Genossenes zu bereuen, als zu bereuen, dass man nicht genossen hat', und der doch am Ende arm und verbittert nur seinen Tod noch herbeisehnte. Solltet ihr aber zaudern, so bedenkt wohl, dass die Pest so rasch ihr Wüten nicht einstellen wird und dass uns in Florenz wohl kaum ein besseres Leben erwartet als bei unserem Auszug vor zwei Wochen.»

Die Gesellschaft war voller Verwunderung, dass jemand ihnen Worte und Taten verliehen hätte, ohne dass sie dergleichen bemerkten. Da Damen wie Herren jedoch fanden, dass im Übrigen an Filostratos Worten viel Wahres sei, so baten sie ihn zu beginnen. Dieser war sogleich gerne bereit:

»Es war um die ruhmreiche Zeit zu Beginn unseres Jahrhunderts, da die Städte prosperierten, das Bankwesen entstand und die Tüchtigen es zu großen, fast sagenhaften Reichtümern brachten. Zu dieser Zeit lebte in Florenz ein Mann namens Boccaccino, der, aus dem Örtchen Certaldo im Elsa-Tal stammend, ein geschickter Kaufmann war, fleißig und klug, aber auch geldgierig, leichtfertig und wahrlich kein Frauenverächter. Diesem nun ward 1313 unehelich ein Söhnchen geboren, und es wird vermutet, dass eine von Boccaccinos Dienstmägden die Mutter war.

Giovanni freilich, so wurde der Knabe benannt, litt zeitlebens schwer unter diesem Makel seiner Geburt. Kaum herangewachsen, erfand er wortmächtig die Legende von einer ebenso edlen wie schönen Dame der Pariser Gesellschaft, die seinen Vater erhört habe, als dieser in Diensten der mächtigen Florentiner Bardi-Bank in der Seine-Stadt weilte.

Wie dem auch sei - Vater Boccaccino nahm seinen Sohn in seinem Hause auf und mühte sich, aus ihm einen tüchtigen Kaufmann zu machen. Zu diesem Behufe nahm er ihn im zarten Alter von erst 13 Jahren mit sich ins blühende Neapel. Denn infolge seines Geschicks und seiner Zielstrebigkeit war er dort zum Berater und Finanzier des Königs berufen worden. Hier nun verbrachte der junge Giovanni seine Tage in der Wechslerstraße, wog Silbermünzen, schrieb Listen über Einnahmen und Ausgaben, übte sich im Bilanzrechnen, nahm Einsicht in die Ladelisten der eingetroffenen Schiffe - und war bei alledem der unglücklichste Mensch von der Welt.

Als Boccaccino sah, dass aus seinem Sohn kein vernünftiger Händler zu machen sei, schickte er ihn zum Studium des Kanonischen Rechts, damit Giovanni wenigstens auf diesem Gebiet sein Leben einmal einträglich friste. Jedoch auch damit hatte dieser wenig im Sinn. Statt Krämer, Wechsler und Kirchenrechtler zu werden, lechzte er nach Bildung, Schönheit, Liebe und Anmut und barst schier vor Lebenslust. Und wo, so frage ich euch, hätte er all das, wonach er sich sehnte, reicher und verschwenderischer vorfinden können als hier, im Königreich Neapel? Denn der Hof König Roberts galt damals als der kultivierteste, vornehmste, reichste von allen, mit den verfeinertsten Sitten. Hier versammelten sich die größten Gelehrten und ruhmreichsten Dichter, hier schäumten Temperament, Vergnügungssucht, Leichtlebigkeit über und heiße Sinnlichkeit wie nirgendwo sonst in ganz Europa.

Der junge Giovanni stürzte sich ins Studium der Philosophie, der Medizin, der antiken und zeitgenössischen Literatur, in die provenzalische Liebesdichtung. Er verehrte Dante und Petrarca über die Maßen und schloss sich in Freundschaft bedeutenden Gelehrten an. Vor allem anderen aber genoss er in vollen Zügen das galante Leben bei Hofe, zu dem ihm der Rang des Vaters Zugang verschaffte. Seine Liebesabenteuer, so heißt es, seien ebenso leidenschaftlich wie zahllos gewesen und sein Feuer schier nicht zu löschen.

Wollt ihr von Fiammetta hören, jener schönen und edlen Dame, die sein Herz nie und seine Dichtungen kaum je mehr verließ? Am Ostersonnabend des Jahres 1334 sah er sie, die in Wahrheit Maria d'Aquino hieß, eine natürliche Tochter des Königs und verehelicht mit einem höfischen Edelmann, zum ersten Mal in der Kirche S. Lorenzo, und wie ein Blitz traf es ihn. Soll ich hinzufügen, dass die ebenso edelmütige wie leidenschaftliche Dame den entzündeten Jüngling alsbald erhörte? Dass sie nahezu zwei Jahre den Zauber, jegliche Freude und Wonne der Liebe genossen? Er sie sodann unglücklich weiterlieben musste, da die Leichtsinnige sich einem anderen zuwandte? Fiammetta jedenfalls, die heißblütig Begehrte, feurig Geliebte und Quell seiner bittersten Qualen, machte den Jüngling zum Dichter - unzählige Verse, Hymnen, Episteln an sie sowie ,Il Filocolo', der erste Prosaroman in unserer Literatur, künden davon.

Ach, heitere Zeit in Neapel! Schule des Lebens, der süßen Freuden der Sinnlichkeit. Hier sah er, durchlebte, genoss der junge Giovanni all das, woraus er fürderhin dichtend so überreich schöpfte. Bald schon jedoch wird die leichtlebige Stadt am Golf bloß noch Erinnerung sein, ein verlorenes Paradies, nach dem sich Boccaccio sein Leben lang sehnt. Sein Vater ruft ihn zurück nach Florenz, denn die Zeiten stehen schlecht. Nicht nur haben Hungersnöte das Land heimgesucht, es kommt auch zu Wirtschaftskrisen und Teuerungen infolge des englisch-französischen Krieges. Da der englische König Edward III. seine Schulden nicht zurückzahlen kann, brechen Handelshäuser zusammen, und die mächtigen Florentiner Banken, darunter die Bardi, in deren Diensten der Vater steht, sehen sich gezwungen, Bankrott zu erklären.

Nie soll es Boccaccio gelingen, in seiner Vaterstadt wieder ganz Fuß zu fassen. ,Über mein Dasein in Florenz schreibe ich euch trotz eures Wunsches nichts', teilt er einem Freund in Neapel mit, ,es müsste denn mit Tränen statt mit Tinte geschrieben sein.' Wo ihm Neapel ,heiter, friedlich, wohlhabend, prächtig' ist, erscheint ihm die Kaufmanns- und Handelsstadt am Arno triste und kalt: Florenz ist ,voll von hochtrabenden Worten und jämmerlichen Taten. Es wird von hochmütigen, geizigen und neidischen Menschen bewohnt und ist voll von unzähligen Ärgernissen.' Von der einmal gekosteten Liebe freilich mag er auch im düsteren Norden nicht lassen: Fünf Kinder von ebenso vielen Müttern wurden bekannt.

Von den Krisen, die unser Land heimsuchten, wie seit dem elften Jahrhundert nicht mehr, sprach ich schon. Die allerschlimmste aber stand noch bevor. War es die Einwirkung der Himmelskörper? Schickte sie der gerechte Zorn Gottes, der uns für unsere Untaten strafte? Ihr wisst, wovon ich spreche, denn ihr habt es am eigenen Leibe erlebt: Im Jahre 1348 kam die todbringende Pest über Florenz. Sie kam von China über Kleinasien und Afrika nach Europa. Es heißt, Genueser Seeleute hätten sie eingeschleppt. Wie dem auch sei: Mit rasender Geschwindigkeit ergriff sie Besitz von unserem Land, von Frankreich, Spanien und England.

Kaum je zuvor hat man solches Elend gesehen. Allein unsere Stadt Florenz hatte vom Monat März bis zum Juli mehr als 100000 Tote zu beklagen. Aus Furcht vor der Seuche, gegen die kein Arzt ein Mittel wusste, zerbrachen Freundschaften, ja sogar Familien. Es gab keine Ordnung im Gemeinwesen mehr, keinen Richter, der Recht sprach, und dass es noch einen Gott gebe, bezweifelten viele. Das Verhältnis der Menschen untereinander verrohte so sehr, dass selbst Väter sich weigerten, beim kranken Sohn zu bleiben.»

Die Gesellschaft, die aufmerksam gelauscht hatte, nickte hier nun eifrig und zustimmend: Jede, jeder hatte durch die Heimsuchung nahezu die ganze Familie verloren, Massengräber gesehen, die geldgierigen, höhnischen Totengräber, hatte den Gestank der Leichen, der Krankheit und Arzneien geatmet.

»Auch Boccaccio hatte seinen Vater als Opfer der Pest zu beklagen«, fuhr Filostrato fort, »und doch muss man sagen: Selten hat ein so entsetzliches Unglück eine so köstliche Frucht getragen. Denn es geschah jetzt ein Wunder, wie außer dem himmlischen Gott wohl nur ein ruhmreicher Dichter es zustande zu bringen vermag. Der große Boccaccio nämlich schrieb nun ein Werk, das all seinen Glanz, seine Vielfalt, seinen Witz, seine Schönheit vor diesem düsteren Hintergrund erst entfaltet, den die tödliche Pest in Florenz darstellt.«

Dies nun versetzte die Damen und Herren in großes Erstaunen, und sie wollten von Filostrato erfahren, wie denn das und warum.

»So hört denn«, sprach Filostrato, »wie es der Meister selbst in der Vorrede seines Werks sagt, das mit einer Darstellung der Pest beginnt: ?Der schreckliche Anfang soll für euch sein wie für Wanderer ein rauer und steiler Berg, hinter dem eine schöne und angenehme Ebene liegt. Ich hätte euch gern auf einem anderen Wege dorthin geführt. Aber das ist nicht möglich. Denn die Begebenheiten, von denen ihr später lest, haben ihren Grund in der Pest.' Was soll ich euch sagen über diese treffenden Worte hinaus? Als alle Ordnung zusammenbrach, das Chaos herrschte und die himmlischen wie die irdischen Gesetze außer Kraft gesetzt waren, da erschuf Boccaccio in seinem ,Decamerone' eine Gegenwelt, ein Utopia des guten, einfachen und richtigen Lebens, aber doch zugleich, wie ihr wisst, da ihr es selber durchlebtet, ganz irdisch, wahrhaftig und von dieser Welt. Tugend, Freiheit und Heiterkeit sollten hier herrschen, edle, vornehme Gesinnung, Freundschaft, Zuneigung und Achtung.

Zu diesem Behufe ließ er uns, liebe Freunde, die wir unter den letzten Überlebenden waren, in der Kirche Santa Maria Novella zu Florenz zusammentreffen und unseren Auszug aus der toten und ganz und gar verseuchten Stadt beschließen. Den Fortgang wisst ihr nun selbst: wie wir uns dieses Landgut erkoren für unsere Kurzweil; dass jeder von uns einen Tag lang ?Königin' oder ?König' ward mit der Pflicht, alle Anordnungen für ein fröhliches Leben zu treffen, da ein Leben ohne Ordnung nun einmal schwerlich von Dauer sein kann; dass wir uns, mit Ausnahme des ersten und neunten, für jeden Tag einen Gegenstand gaben, über den allein die Geschichten erzählt werden durften.»

Wie nun die Gesellschaft einsah, dass all ihre Worte und Reden von dem ruhmreichen Boccaccio ihnen eingegeben worden waren, so wollten die Damen von Filostrato wissen, wie denn bei einem einzigen Manne allein eine so überreiche Fülle von Abenteuer- und Liebesgeschichten, Schwänken, Possen und Legenden, Wundererzählungen, Witzen, ja selbst Zoten, sich versammeln könne. So viele und unterschiedliche, dass man beim Zuhören meinen könne, man tauche mitten hinein in die Fluten des Lebens.

»Eben darin bestand seine Kunst, die der Himmel nur wenigen Auserwählten verleiht«, gab Filostrato zurück. »Viele Geschichten gab es schon, er griff sie nur auf und formte sie um in seine geschmeidige, biegsame und erlesene Sprache. Andere erlebte oder erfand er, denkt nur an die reichen Erfahrungen, die die Zeit in Neapel ihm schenkte. Wie aber auch immer - niemand hat vor ihm geschrieben wie er - so voller Witz, diesseitig und genau den Menschen ins Antlitz und in den Seelengrund schauend. ?Ich schreibe die ganz gewöhnliche Sprache des Volkes von Florenz', sagte er, und so bescheiden dies klingt, so war er doch der Erste, der nicht in gelehrtem Latein, sondern in der ungebundenen Rede unserer Volkssprache schrieb. Und war er nicht auch der Erste, der in solcherart heiterem Parlando das Leben auch der Bürger und kleinen Leute unserer Zeit beschrieb, so wahr, wie wir es selber empfinden? Von den Gewohnheiten der Kaufleute erzählt er, von Tafelfreuden im Freien, Kennern toskanischer Weine, Arzneien und Kuren, Reise und Schifffahrt, den Dirnen von Palermo, Hochzeit und Tanz, von Bettlern, Spaßmachern und Schmarotzern bei Hofe und sinnestollen Mönchen, welche Letztere er vor allem mit Wonne verhöhnt.«

Als die Gesellschaft dies hörte, kam Unruhe auf, und eine der Damen, nämlich Lauretta, fragte den Filostrato, ob Boccaccio denn nie wegen dergleichen habe Tadel hinnehmen müssen.

»O doch«, antwortete dieser, »der Klerus war außer sich, als er sich in dieser Weise wahrhaftig dargestellt sah, und mühte sich, das Werk zu verbieten. Boccaccio aber hatte sich listig gegen derlei Vorwürfe gewappnet. ,Schließlich sind die Mönche gute Leute', schrieb er, ?aus Liebe zu Gott gehen sie jeder Mühsal aus dem Weg. Leider stinken sie wie die Böcke, aber sonst ist ihre Gesellschaft recht angenehm.'«

Nun bat auch Elisa ums Wort. »Mir hat die Geschichte der jungen Alibech viel Vergnügen bereitet«, sprach sie, »die ganz allein in die Wüste auszog, um Gott zu suchen, und dort auf den Mönch Rustico traf. Ihr erinnert euch, wie dem Armen das Fleisch auferstand und er Alibech weismachte, das Ding, das sich da bei ihm vordrängte, sei der Teufel und nur zu besiegen, indem man ihn in die Hölle schicke. Woran Alibech bald den allergrößten Gefallen fand und den Teufel gar nicht mehr missen mochte. Da wir nun einmal bei diesem Gegenstande sind, so wüsste ich gerne, Filostrato, wie denn die Leute außerhalb unseres paradiesischen Gartens dieserart sinnenfrohe Geschichten empfinden.«

»Gewiss ziehen einige Betschwestern lange Gesichter«, gab dieser lachend zurück, »doch sind diese Geschichten ja auch nicht für Kirchen und die Schulen der Philosophen gedacht. Folgt man Boccaccio, gibt es ohnehin nichts so Unzüchtiges, dass es, mit ehrbaren Worten erzählt, für irgendwen unschicklich sei. Und solche Worte zu finden ist dem Meister wahrlich gelungen.« Da die Gesellschaft nun viel über das »Decamerone« gehört hatte, war sie begierig zu erfahren, wie es mit dem Leben des Boccaccio weiterging, und bat Filostrato, fortzufahren.

»Da die Sonne schon lange Schatten wirft«, begann dieser, »so will ich mich im folgenden so kurz fassen, als es der Gegenstand mir irgend erlaubt. Nicht lange nach der Niederschrift des ?Decamerone' zog Boccaccio sich in das strenge und ernste Leben eines Gelehrten zurück. Auch auf diesem Gebiete sollte er sich als Neuerer ohnegleichen erweisen, war er doch der Erste, der Griechisch zu lesen vermochte, Homer in die lateinische Sprache übertragen ließ, gemeinsam mit seinem Freunde, dem großen Petrarca, die Antike wiederentdeckte und veranlasste, dass Florenz einen Lehrstuhl für die griechische Sprache einrichtete, den ersten in ganz Europa.

Jedoch bei all seinen Verdiensten, bei allem Ruhm - je älter er wurde, desto bitterer fühlte er, sogar gegen die Frauen!, desto enttäuschter fand er sich von den Menschen. Seine Armut und Gebrechen wie Krätze, Wassersucht, Milzschwellung und viele andere beschwerten ihn, doch der schwerste Schlag scheint mir, worüber er in einem Brief klagte: ?Die Musen sind verstummt; es schweigt mein kleines Zimmer, ich höre nicht mehr wie sonst das Echo meiner Lieder. Seit kurzem verfällt alles in mir in trostlose Trauer.'

?Aus dieser schlimmen Welt' ging er dahin am 21. Dezember 1375, nicht viel später als ein Jahr nach seinem innig geliebten Freund und Meister Petrarca, und in Certaldo, wo er am Ende lebte, liegt er begraben.»

Als Filostrato geendet hatte, saß die Gesellschaft schweigend, so traf sie das Ende des einst so sinnenfrohen Boccaccio. Dann ergriff Panfilo das Wort: »Meine Freundinnen, nachdem wir nun auch die 101., die Geschichte des großen Boccaccio, vernahmen, deren Schluss, so traurig er ist, uns ein wenig auf das unglückliche Leben, das uns erwartet, einstimmen mag, so sollten wir nun nicht länger säumen und morgen früh, bevor das neue Licht aufsteigt, uns auf den Rückweg begeben.«

So geschah es. Während sie aber dorthin zurückkehrten, von wo sie zwei Wochen zuvor aufgebrochen waren, wurden sie nicht müde, jenen zu loben und zu preisen, dessen Kunst noch im Mittelalter erstmals in schönsten Tönen eine neue Epoche einsang.

Christine Claussen