Lateranverträge Der Pakt mit dem Teufel


Vor 75 Jahren unterzeichneten der "Duce" Mussolini und Kardinals-Staatssekretär Gasparri in Rom die Lateranverträge. Der Katholizismus wurde damit zur italienischen Staatsreligion. Sowohl der faschistische Staat als auch der Vatikan profitierten davon.

Als vor 75 Jahren, am 11. Februar 1929, der faschistische Diktator Benito Mussolini und Kardinals-Staatssekretär Pietro Gasparri in Rom die Lateranverträge unterzeichneten, begann für Italien und die katholische Kirche eine neue Ära. Der Katholizismus wurde zur Staatsreligion, der Kirchenstaat wurde für die durch die italienische Einigung 1870 erlittenen Gebietsverluste entschädigt, und der Vatikan erhielt die volle Souveränität. Mit einer Fläche von nur rund 44 Hektar im Herzen Roms ist er bis heute der kleinste Staat der Welt.

Die Lateranverträge beendeten das gespannte Verhältnis zwischen dem Papsttum und dem italienischen Staat - fast 60 Jahre lang hatten sich die Päpste als Gefangene im Vatikan betrachtet und diesen nie verlassen. Das dreiteilige Vertragswerk hatte zudem auch Signalwirkung für das vier Jahre später von Adolf Hitler mit dem Vatikan abgeschlossene Reichskonkordat.

Kirche unterstützte faschistische Propaganda

«Die Amtskirche hat von den Lateranverträgen sicherlich profitiert», meint der in Rom lehrende deutsche Faschismus-Experte Lutz Klinkhammer. Die nach jahrelangen Verhandlungen zu Stande gekommenen Lateranverträge seien vor allem «eine Bremse für die Bestrebungen des Faschismus gewesen, sich als Religionsersatz zu präsentieren». An den Schulen sei etwa der Religionsunterricht eingeführt worden. Allerdings sei auch der Faschismus ein Nutznießer der Einigung gewesen, da in den Folgejahren die Kirche die faschistische Propaganda unterstützt habe, sagt der am Deutschen Historischen Institut in Rom tätige Klinkhammer.

"Sie hat dem Regime enormen Rückhalt gegeben", analysiert der Experte. "Man kann sagen, dass die Lateranverträge den Faschismus katholisiert und den Katholizismus faschisiert haben." Die Faschisten nutzten für ihre Zwecke auch eine Äußerung von Papst Pius XI. über Mussolini. «Vielleicht war ein Mann nötig, wie ihn uns die Vorsehung hat treffen lassen», hatte der Papst gesagt. Daraufhin wurde Mussolini von den Faschisten unter Berufung auf Pius XI. verkürzt als «Mann der Vorsehung» bezeichnet.

Der politische Katholizismus war längst ausgeschaltet

Der politische Katholizismus, der den Faschismus ablehnte und folglich gegen ein solches Konkordat war, war 1929 von den Faschisten längst ausgeschaltet worden. Dessen wichtigster Repräsentant, der Priester Luigi Sturzo, hatte Italien verlassen müssen. Der Vatikan habe den politisch organisierten Katholiken damals aber wegen ihrer demokratischen Tendenzen ohnehin misstraut, betont Klinkhammer.

Die Lateranverträge, die nach dem Ort der Unterzeichnung, dem Lateranpalast, benannt sind, legten auch einen finanziellen Grundstock für den Vatikan. Der italienische Staat entschädigte die Kirche für die 1870 erlittenen Gebietsverluste mit 1,75 Milliarden Lire, einer für damalige Verhältnisse beachtlichen Summe. Viele Italiener mussten damals mit wenigen hundert Lire pro Monat über die Runden kommen. Das Geld wurde konservativ angelegt, mehrheitlich in Immobilien und Staatspapieren.

Hintergründe bleiben im Dunkeln

Außerdem wurden dem Vatikan die wichtigsten römischen Basiliken, mehrere Paläste in Rom und der päpstliche Sommersitz in Castel Gandolfo als exterritoriale Gebiete zuerkannt. Die Hintergründe der Vertragsverhandlungen werden jedoch noch einige Zeit im Dunkeln bleiben. Die Öffnung der vatikanischen Archive für das Pontifikat von Pius XI. ist erst ab 2006 vorgesehen.

Giovanni Facchini DPA

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