Migration Das russische Berlin


Die gewaltsame Verwandlung des russischen Zarenreichs in einen Sowjetstaat hatte einen riesigen Exodus zur Folge, der seinen Höhepunkt in den Jahren 1922/23 erreichte. Die Sympathie zwischen Einheimischen und Emigranten scheint indessen eher einseitig gewesen zu sein.

Eine russische Stadt in Deutschland - mit allem, was eine solche Stadt ausmacht: außer 350 000 Russen auch russische Zeitungen und Zeitschriften, Verlage, Buchhandlungen, Theater, Restaurants, Kabaretts, Berufsvereinigungen, Hilfsorganisationen, Kirchen. Sie gab es vor rund 80 Jahren in Berlin. «Charlottengrad» und «Sankt Petersburg» am Wittenbergplatz wurden gängige Begriffe. Man hat dieses Berlin auch als zeitweise Hauptstadt Russlands jenseits der Grenzen bezeichnet. Die gewaltsame Verwandlung des Zarenreichs in einen Sowjetstaat hatte einen riesigen Exodus zur Folge gehabt.

Rund 600 000 Flüchtlinge in den Jahren 1922/23

Seinen Höhepunkt erreichte der Zustrom nach Deutschland 1922/23. In diesen beiden Jahren hielten sich hier rund 600 000 russische Flüchtlinge auf. Von ihnen hatten mehr als die Hälfte allein in der Vier-Millionen-Metropole Berlin Zuflucht gefunden - meist Offiziere und Beamte des alten Staatsapparats, Politiker, Bankiers, Freiberufler.

Sie verdienten ihr Geld als Taxichauffeure und Portiers, Sekretärinnen und Gelegenheitsarbeiter. Sie arbeiteten in Übersetzungsbüros, Ballettschulen, Antiquariaten, in der Gastronomie und im Handel. Nicht wenige lebten die erste Zeit auch vom Verkauf mitgebrachter Wertgegenstände.

«Herren mit guten Manieren»

Wohl keiner kannte Berlin so gut wie ein Universitätsprofessor, der sich als Autor Alexander Kareno nannte. Er musste sich für seine Prüfung als Taxifahrer die Namen und Lagen von 12 000 Straßen und mehr als hundert Plätzen einprägen. Die Russen waren in dem international geprägten Taxigewerbe am stärksten vertreten. Kareno schrieb über sie: «Man lernt sie am besten kennen, wenn man den so genannten Ball der russischen Chauffeure besucht: hier findet man fast durchweg Herren mit sehr guten Manieren, die ihren Frack oder Smoking zu tragen verstehen und tadellos französisch und englisch sprechen.» Auch wegen ihrer militärischen Haltung und der großen Sympathie der Fahrgäste wurden sie bevorzugt eingestellt.

Die Sympathie zwischen den Einheimischen und den Emigranten scheint indessen eher einseitig gewesen zu sein. Die Russen blickten vielfach geringschätzig auf ihre Umgebung. Davon zeugen viele Texte des später international berühmten Schriftstellers Vladimir Nabokov («Lolita»), der mit kurzen Unterbrechungen von 1922 bis 1937 in der Berlin lebte.

«Hass auf alles Deutsche»

Ein anderer Autor, der ebenfalls aus Petersburg stammende Lew Lunz, konstatierte: «Es gibt Emigranten, die vier bis fünf Jahre in Berlin wohnen und außer 'bitte" kein Wort Deutsch zustande bringen. Weil sie sich nur mit Russen unterhalten, in ihren russischen Läden einkaufen, russische Zeitungen lesen. Der einzige Vertreter der deutschen Nation, mit dem der Emigrant zu tun bekommt, ist die Zimmerwirtin. Daher also der Hass auf alles Deutsche.» Wenn sie einmal nach Potsdam fuhren, sagten sie: «Bei uns in Zarskoje Selo und Petersburg ist das aber viel schöner.»

Das russische Berlin belieferte das weltweite Exil mit Zeitungen und Büchern und exportierte auch ins sowjetische Russland. Es produzierte zwischen 1918 und 1924 mehr Bücher als Moskau oder Petersburg - etwa 2100 bis 2200 Titel, herausgegeben von 86 Verlagen. Die Zeitungen analysierten die Lage «daheim» und präsentierten Chroniken des Emigrantenlebens, Veranstaltungskalender, internationale Debatten, Suchmeldungen, Exilklatsch, Karikaturen.

Wo das russische Berlin am russischsten war

Das Restaurant «Russki Ugolok» (Russische Ecke) warb mit täglichen Moskauer Filippow-Piroggen, Moskauer Soljanka, Schaschlik" Sibirischen Pelmeni, Ukrainischen Wareniki, Fleischklößchen und anderen heimatlichen Gerichten. In seiner Gegend, zwischen Kantstraße, Nollendorfplatz, Prager Platz und Bayerischem Platz, war das russische Berlin mit all seinen Balalaika-Orchestern und Kosakenhemden am russischsten.

Für die meisten Flüchtlinge war Berlin damals nur ein Zwischenstopp von ein paar Jahren auf dem Wege weiter nach Westen. 1927 hielten sich nur noch etwa 150 000 Russen in Deutschland auf, 1933 rund 100 000.

Rudolf Grimm DPA

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