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Museumseröffnung in Warschau: Tausend Jahre jüdische Geschichte

Symbolischer Ort, symbolisches Datum: 70 Jahre nach Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto öffnet das Museum der Geschichte der polnischen Juden erstmals seine Türen für die Öffentlichkeit.

Wir wollen die Toten ehren, indem wir daran erinnern, wie sie gelebt haben", sagt Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Programmdirektorin für die geplante Dauerausstellung im Museum der Geschichte der polnischen Juden. Auf mehr als 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche soll vom kommenden Jahr an die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden multimedial erzählt werden - von den Anfängen, als Polen den in Westeuropa verfolgten Juden Toleranz und Zuflucht gewährte, bis zur Katastrophe des Holocaust im Zweiten Weltkrieg und zum jüdischen Leben in der Gegenwart.

Auch wenn das für die Ausstellung vorgesehene Untergeschoss noch eine Baustelle ist: Zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto (19. April) beginnt am 20. April die pädagogische Museumsarbeit. Bereits am vergangenen Sonntag brachte der polnische Oberrabbiner Michael Schudrich die Mesusa (Schriftkapsel) am Eingang des Museums an, die in diesem Fall aus einem Ziegel des Warschauer Ghettos gefertigt wurde. "Nun können wir dieses Gebäude wirklich unser Haus nennen", sagte er. In einem traditionell religiösen jüdischen Heim wird ein Thoraspruch in der Mesusa am Türrahmen angebracht. Für Kirshenblatt-Gimblett ist die Mesusa aus dem Ghetto-Ziegel "ein stummer Zeuge".

"Die Geschichte Polens ist nicht vollständig ohne die Geschichte der polnischen Juden", betont Kirshenblatt-Gimblett. Die Professorin der New York University will die Vielfalt des polnischen Judentums - assimiliert, chassidisch oder orthodox, sozialistisch oder bürgerlich, religiös oder nichtreligiös - in den Mittelpunkt der Ausstellung rücken.

Polen war das Zentrum der aschkenasischen Kultur, in dem Jiddisch über nationale Grenzen hinweg die verbindende Sprache war. Über Jahrhunderte hinweg war es das Land der größten jüdischen Diaspora weltweit - vor dem Zweiten Weltkrieg stellten die rund 3,3 Millionen polnischen Juden ein Zehntel der Bevölkerung.

Kein Holocaust-Denkmal

Der finnische Architekt Rainer Mahlamäki, dessen Museumsentwurf in einem internationalen Wettbewerb unter 280 Vorschlägen aus 36 Ländern ausgewählt wurde, hat ein Gebäude geschaffen, das lichtdurchflutet und voller Bewegung durch die wellenförmigen Steinwände ist. Die Einheit ist gebrochen durch einen gläsernen Riss, der den Geschichtsbruch, die Narbe des nationalsozialistischen Judenmords symbolisiert. Symbolisch ist auch der Ort - vom Museum fällt der Blick auf das Denkmal der Ghettokämpfer.

"Dieses Museum soll kein Holocaust-Denkmal sein, denn ein Denkmal gibt es an diesem Platz schon", sagt Kirshenblatt-Gimblett. In der Glasfassade sind polnische und hebräische Buchstaben ineinander verwoben, bilden viele Male das Wort "Polin" - so wurde Polen auf Jiddisch bezeichnet. "Polin" bedeutet aber auch auf Hebräisch "Hier kannst du ruhen". Einer Legende nach hörten aus Westeuropa geflohene Juden diese Worte in einem polnischen Wald, eine göttliche Botschaft, die ihnen eine sichere Zuflucht versprach.

Doch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde das deutsch besetzte Polen zum Friedhof der europäischen Juden. Dem Holocaust wird ein eigenes Kapitel der Ausstellung gewidmet sein. Es soll aber auch deutlich gemacht werden: Jüdische Geschichte in Polen ist weit mehr als Auschwitz. "Wir wollen ein lebendiges pädagogisches und kulturelles Zentrum für Juden und Nichtjuden, Polen und Besucher aus aller Welt", sagt Kirshenblatt-Gimblett. Und Museumsdirektor Andrzej Cudak ergänzt: "Wir wollen zum eigenständigen Nachdenken anregen." Mit dem Start des Seminar- und Kulturprogramms zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstands soll auch ein Zeichen gesetzt werden, dass die jüdische Geschichte Polens weitergeht.

Eva Krafczyk, DPA / DPA
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