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Ostpreußen: Die große Flucht

Für mehr als zwei Millionen Ostpreußen war die "Frische Nehrung", ein schmaler Landstreifen zwischen Königsberg und Danzig, der einzige Fluchtweg vor der Roten Armee in Richtung Westen. Zehntausende führte er in den Tod.

Monatelang hatten nationalsozialistische Gauleiter Durchhalteparolen ausgegeben und den Rückzug in sicheres Gebiet verboten. Erst als die Artillerie der Roten Armee bereits zu hören war, begann an vielen Orten im deutschen Osten die Flucht. Seit Oktober 1944 hatte die große Flucht in Ostpreußen eingesetzt, im Januar und Februar 1945 wurde sie auch in Schlesien, Pommern und Westpommern zu einer Massenbewegung, die Zehntausende in den Tod führte. Vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen versuchten sich mit dem Allernotwendigsten in Sicherheit zu bringen - zu Fuß oder mit Pferdewagen, bei Minustemperaturen und in ständiger Angst, von der Front eingeholt zu werden.

"Das ist das Ende"

Parteibonzen versuchten bis zum letzten Augenblick den Anschein zu wahren, dies sei nicht das Ende. "Nur für zwei Wochen" sollte die Zivilbevölkerung evakuiert wurden, wurde etwa der damals 16-jährigen Rita Raabe erzählt. "Ich sah meinen Vater an, der beim Volkssturm war, und er schüttelte langsam nur den Kopf", erinnert sie sich noch Jahrzehnte später an den Tag der Flucht. "Da wurde mir klar, das ist das Ende." Ihre Mutter und Tante brachen mit vier Kindern überstürzt aus ihrer oberschlesischen Heimatstadt bei Kattowitz (Katowice) auf, gelangten erst nach monatelanger Irrfahrt über Tschechien und Österreich nach Bayern.

Andere hatten nicht das Glück, immerhin mit dem Leben davongekommen zu sein. Etwa zwei Millionen Menschen kamen auf der Flucht ums Leben. Allein aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße flohen etwa zehn Millionen Menschen. Nach dem von Deutschland begonnenen Krieg und dem brutalen Besatzungsterror vor allem in Polen und der Sowjetunion wurden sie zudem oft die Opfer von Racheakten, die von den Nationalsozialisten für Gräuelpropaganda ausgenutzt wurden.

Zu den dramatischsten Kapiteln der Flucht aus den deutschen Ostgebieten gehörte die Flucht von rund 2,5 Millionen über die Ostsee an Bord von etwa 1.100 Schiffen, gejagt von sowjetischen U-Booten. Am 30. Januar 1945 sank das einstige Kreuzfahrtschiff "Wilhelm Gustlow" mit mehr als 10.000 Flüchtlingen und verwundeten Soldaten an Bord, nachdem es von Torpedos getroffen wurde. Mehr als 9.000 Menschen ertranken in der eisigen Ostsee.

"Leidensweg der Ostpreußen"

Keine zwei Wochen später, am 10. Februar, wurde das Flüchtlingsschiff "Steuben" mit 4.500 Menschen versenkt. Etwa 6.800 Menschen ertranken an Bord der "Goya", die am 16. April 1945 torpediert wurde. Die drei Schiffsuntergänge gelten als die schwersten Katastrophen der Seefahrtgeschichte. Insgesamt starben mindestens 30.000 Menschen bei der Flucht über die Ostsee, die oft auch als "Leidensweg der Ostpreußen" bezeichnet wird.

Noch während die Menschen in Massen flohen, legten die Alliierten auf der Konferenz von Jalta die Nachkriegsordnung Europas fest. Darauf wurde nicht nur die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze vereinbart, sondern auch der Verlust der polnischen Ostgebiete, die bereits im Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugeschlagen worden waren. Polen, das erste Opfer des Zweiten Weltkrieges, verlor nicht nur einen großen Teil seines Territoriums, zwei Millionen Polen verloren ihre Heimat. Sie wurden ins heutige Westpolen umgesiedelt - in Städte und Dörfer, deren deutsche Bewohner entweder bereits geflohen waren oder nun Opfer von Vertreibung und Umsiedlung wurden.

Eva Krafczyk/DPA / DPA