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M.Streck: Last Call: Heute blau, morgen blau und übermorgen wieder

Premierministerin Theresa May wollte ihren Landsleuten zu Weihnachten etwas Gutes tun: Die weinroten EU-Pässe werden durch blaue ersetzt - als Symbol für “Unabhängigkeit und Souveränität". In Wahrheit ist es ein Symbol für Schlangestehen am Flughafen.

Blauer Pass Großbritannien

Pässe haben mich nie richtig interessiert. Außer beim Fußball natürlich, da sind mir schöne Pässe wichtig. Pässe waren und sind für mich ansonsten eher notwendiges Übel, weil ich sie entweder ständig verliere oder mindestens verlege. Außerdem sehe ich auf Passfotos seit frühester Jugend bemerkenswert dämlich aus. Noch weniger als Pässe interessiert mich die Farbe von Pässen. Mit einer Ausnahme. Als endlich die fiesen grünen abgeschafft wurden, war ich froh. Sie erinnerten mich farblich an irgendwas zwischen Wehrmachtsuniform und DDR-Grenzer. Dann kamen die weinroten, mein Passfoto sah nach wie vor bemerkenswert dämlich aus. Aber ich hatte subjektiv das Gefühl, in der EU angekommen zu sein.

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Stolze, große Nation = blaue Pässe

In Großbritannien ist das ein bisschen anders. Die Briten lieben ihre alten blauen Pässe, die 1988 auch durch weinrote ersetzt wurden. Zumindest wird ihnen eingebläut, dass sie die blauen Pässe lieben. Das steht ständig in der Zeitung. Kurz vor Weihnachten wollte die Premierminister Theresa May ausnahmsweise mal was Gutes tun und verkündete, ihre Landsleute bekämen ihre blaue Reisepapiere zurück. Sie schrieb auf Twitter, das sei ein Ausdruck von “Unabhängigkeit und Souveränität einer stolzen, großen Nation“.

Die üblichen Verdächtigen stimmten ein in diesen verschwiemelten Choral. Brandon Lewis, ein hoher Beamter aus dem Innenministerium, erklärte "eines der größten und ikonischsten Dinge Brite zu sein, ist, einen britischen Pass zu besitzen". Nigel Farage, der oberste Anti-Europäer und frühere UKIP-Boss twitterte freude- oder auch richtig trunken: "Happy Brexmas. Wir wollten unsere Pässe zurück, nun haben wir sie zurück." Und Boris Johnson, ranghöchster Brexiter und Außenminister, sekundierte aus dem fernen Russland, in das er noch mit dem verhassten, weinroten Dokument gereist war - "Ich erinnere mich noch gut an den persönlichen Verlust und das Gefühl von Wut, als sie uns genommen wurden." Er meinte die Pässe. Klang aber eher so, als hätte die EU seine Kinder zur Zwangsadoption freigegeben.

Das Zentralorgan aller üblichen Verdächtigen, die "Daily Mail", widmete dem blauen Pass sogar den Titel. Heute blau, morgen blau und übermorgen wieder…

Das Land wird immer wunderlicher

In Wahrheit ist das Ganze natürlich eine ziemlich abgeschmackte PR-Nummer und nichts anderes als ein Nostalgie-Stunt, wie sogar ein ehemaliger Mitarbeiter von Maggie Thatcher, selig, sagt. Sie vergessen darüber, dass sie mit den blauen Papieren in Zukunft immer weniger anstellen können. In den Worten des Labour-Abgeordneten David Lammy: "Wir geben das Recht auf, in 27 Ländern arbeiten und leben zu können für einen neuen Pass." Aber keine Sorge, führte er aus, "wenn wir künftig stundenlang in den Schlangen am Flughafen stehen, haben wir genug Zeit auf unsere Pässe zu gucken und uns darüber zu freuen, wie blau sie sind." 

Dieses Großbritannien ist ein zunehmend wunderliches Land. Und einige in diesem wunderlichen Land können sich nur noch wundern. Vor allem die störrischen Schotten und dort allen voran deren First Ministerin Nicola Sturgeon, die eher belustigt auf den Süden blickt. Sturgeon antwortete der Kollegin May auf Twitter und nannte die Debatte einen "insularen, nach innen gerichteten Blau-Pass besessenen Unfug". Schadenfroh setzte sie gleich noch einen obendrauf. Es könnte durchaus sein, dass die neuen Pässe ausgerechnet aus der EU importiert werden müssten. Hergestellt in einer deutschen oder französischen Pass-Manufaktur. Das wäre ein Alptraum für die üblichen Verdächtigen und deren Zentralorgan "Daily Mail".

Die Briten hätten ihre Pässe nie ändern müssen

Das Dollste zum Schluss, wie sich das gehört: Es gibt gar keine EU-Regularien über die Farbe von Pässen. Es gab sie nie. Die Briten hätten ihre blauen einfach behalten und in der EU bleiben können. Das stand damals aber nicht in den Zeitungen. 

Nun ist es zu spät. Der britische EU-Mitgliedspass läuft Ende März 2019 ab. Falls nicht noch ein Wunder geschieht. Ein blaues natürlich.

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