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M. Streck: Last Call: Big Ben und das Schweigen der Hämmer

Die Uhr am berühmtesten Wahrzeichen Londons muss überholt werden. Das soll vier lange Jahre dauern. Unser Kolumnist fragt sich, wie lange die Briten dann wohl für die wirklich wichtigen Dinge brauchen

Vor einigen Wochen hatte ich im Parlament zu tun und traf dort einen Historiker. Wir schlenderten durch die alten Flure, er erzählte mit Liebe und Leidenschaft über das Gebäude, und ich fragte ihn, ob er das nicht alles vermissen werde, wenn Westminister irgendwann schließen muss für die überfälligen Renovierungsarbeiten. Er sagte: “Und wie.“ Er wolle gar nicht daran denken, während er auf Bauarbeiter starrte, die sich gerade daran machten, den Turm einzurüsten.

Die wunderbare alte Uhr im Elizabeth-Tower, der Welt fälschlicherweise als Big Ben geläufig, bedarf nach 157 Jahren Dienst nach Vorschrift einer Überholung. Also wird gleich mal alles renoviert. Die angegriffene Fassade, die langsam vor sich hin bröckelt, das Uhrwerk auch, nur die massive Glocke nicht, im Betrieb seit 1859. Sie, die Glocke 13,7 Tonnen schwer, ist der eigentliche Big Ben. Benannt nach…Man weiß es nicht genau. Ein Kneipier am Trafalgar Square beansprucht das Namensrecht, eine andere Version besagt, sie sei nach dem Baumeister und Politiker Sir Benjamin Hall benannt; einer weiteren Lesart zufolge wurde sie nach einem Schwergeswichtsboxer getauft, Benjamin “Big Ben“ Caunt. Vielleicht stimmen alle nicht. Big Ben ist aber mit Sicherheit so etwas wie die Mutter aller Glocken, der vier namenlose Glöcklein zur Seite stehen, die den Viertelstundentakt klopfen dürfen. So geht es, mit kleinen Unterbrechungen, seit fast 160 Jahren.

Eine Pause, daran kann es keinen Zweifel geben, haben sich Uhr und Glocken allemal verdient, drei Parlamentsausschüsse stimmten zu. Aber die Politiker wachten diese Woche wie vom Schlag getroffen auf, als das ganze Ausmaß der Reparatur deutlich wurde: Big Ben schweigt für sage und schreibe vier Jahre. Nur zu besonderen Anlässen soll sie läuten und dann wieder verstummen bis tief ins Jahr 2021. Das ist verdammt lang. 

Vier Jahre sind 1460 Tage. In sechs Tagen schuf Gott die Welt, die Jules Verne in 80 Tagen umrunden ließ. In vier Jahren kann man ganze Städte bauen oder Flughäfen, abgesehen von dem in Berlin. In vier Jahren kann man sogar ein ganzes Land ruinieren, obschon Donald Trump dafür nicht mal vier Jahre brauchen wird. Vier Jahre bemessen den Zeitraum zwischen Olympischen Spielen, der Zeitraum dazwischen heißt Olympiade.

Big Ben schweigt also eine ganze Olympiade lang.

Nun dämmert den Politikern, dass sie womöglich das Kleingedruckte nicht gelesen haben beim Kostenvoranschlag, 29 Millionen Pfund, und Zeitplan und wollen alles noch mal überdenken. Aber zum Überdenken ist keine Zeit. Am Montag um 12 Uhr läutet Big Ben zum letzten Mal und geht dann vorübergehend in Altersteilzeit.

Die BBC überträgt das Geläut jeden Tag live

Es ist, man kann’s nicht anders sagen, ein ziemliches Chaos. Das Wahrzeichen, eingerüstet bis zur Halskrause, ist ja nicht nur ein simpler Turm mit Uhren dran und Glocken drin, es ist DAS Symbol Großbritanniens. Die Glocken verstummten nicht mal während des Krieges und “Blitz“, obschon eine Bombe den Turm kratzte. Die BBC-Radionachrichten um sechs Uhr abends und um Mitternacht werden mit einer Live-Übertragung (!) des Glockenschlags eingeläutet, und nun müssen sie das ikonische Geläut wohl oder übel aufzeichnen und verwarfen auch einen Plan, “Little John Bell“ aus Nottingham ersatzhalber bimmeln zu lassen, weil Big Ben eben doch einmalig und unersetzlich ist und schon gar nicht von einem Little John.

Touristen aus der ganzen Welt stehen davor und knipsen und lauschen. Und hören fortan ohrenbetäubende Stille. Die „Daily Mail“, das Zentralorgan des „Brexit“, zitiert – ganz gegen ihre Art und aus purer Not – kontinentale Bezugsgrößen und dabei auch das Glockenspiel am Münchner Rathaus, „neun Monate Reparatur und das für weniger als 700 000 Pfund“. 

Nun wird debattiert, warum die Arbeiter nicht einfach Kopfhörer über die Ohren stülpen sollten. Oder ob man nicht Big Ben wenigstens nach Schichtende wieder in Betrieb nehmen könnte, von 17 Uhr bis zum nächsten Morgen um sieben, oder ob man nicht notfalls ein Band aufnehmen könnte mit dem weltberühmten Bong und damit die Gegend beschallt zu jeder vollen Stunde. Oder ob man nicht nur nachts arbeiten sollte, mit Hochdruck und flott. Jetzt plötzlich kann es gar nicht schnell genug gehen. Der konservative Abgeordnete James Gray nennt die Bimmelpause „bonkers“, irre, und sorgt sich obendrein sehr ernsthaft ums „mentale Wohlergehen der Nation“, wenn die Hämmer erst mal schweigen.

Vor diesem ganzen Hintergrund ist eher wenig hilfreich, dass die Briten von der anderen Seite des Kanals penetrant daran erinnert werden, dass die Uhr gnadenlos tickt bis zu ihrem Abschied aus der EU im Frühjahr 2019. Es vergeht kaum ein Tag ohne Warnung aus Brüssel, tick-tack, tick-tack. Auf dieser Seite des Wassers fragte sich ein Twitter-User schon, wie sie das wohl hinbekommen mit dem Entknoten und Entwirren des komplizierten Vertragswerks, wenn schon eine mit Verlaub und vergleichsweise simple Uhrenreparatur eine ganze Olympiade dauert. Womöglich, der Verdacht könnte naheliegen, wollen sie gar nicht wissen, wem die Stunde schlägt.

Bis zum großen Finale mit Schlussgong, Big Bang.

 

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