VG-Wort Pixel

Dauerfrost und Glatteis Deutschland wie es schlittert und stürzt

Sieben Wochen Schnee und Eis hinterlassen ihre Spuren: Streusalz ist knapp, Ärzte operieren im Akkord, der Frost zerstört Straßen. In Hamburg wurde ein Glatteis-Gipfel einberufen.
Von Swantje Dake

Der Winter will nicht weichen. Seit dem 13. Dezember müssen die Bundesbürger bibbern und schlittern. Der Schnee türmt sich an den Straßenrändern, zentimeterdick hat sich Eis auf Straßen und Plätzen festgesetzt. Vielerorts sind Geh- und Radwege schon seit Wochen eine unendliche Rutschbahn. Jeder Schritt wird zum Wagnis, reihenweise stürzen Fußgänger und Fahrradfahrer.

Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat sich ausrechnen lassen, dass derzeit 16 Milliarden Tonnen Schnee und Eis den Deutschen das Leben schwer machen. Es handle sich um den kältesten Winter seit 1987 und den zwölftkältesten seit 1900. Die Brisanz erkannt, will er zusätzliche Mittel für die Beseitigung von Straßenschäden zur Verfügung stellen. In Hamburg hat die Umweltbehörde heute ein Krisentreffen angesetzt, um die Gehwege in der Hansestadt vom Eis zu befreien.

Wärmer wird's nicht

Auf Tauwetter können Winterräumdienste, Autofahrer und Fußgänger nicht setzen. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) gibt es nur noch am Rhein Temperaturen über null Grad. Tagsüber kann hier und da die Sonne zum Vorschein kommen. Nachts wird es bitter kalt, vor allem in der Osthälfte und am Alpenrand wird der Frost im zweistelligen Bereich liegen. Am Dienstag schneit es im Südwesten und Westen wieder, im Rest der Republik dann ab Mittwoch.

Eisig bleiben die Vorhersagen bis März. "Die kalte Luft ist sehr hartnäckig. Über Nordeuropa hat sich ein dickes Kaltluftpolster angesammelt, das immer wieder angezapft wird und sich ständig generiert", erklärt Dominik Jung, Diplom-Meteorologe von wetter.net, in Wiesbaden.

So werden auch die Folgen des hartnäckigen Winters anhalten: Unfälle auf glatten Straßen, öffentlicher Nahverkehr, der durch Schneeverwehungen und Eis aufgehalten wird, und Frostschäden im Asphalt. "Eintretendes Wasser ist der Feind aller Straßen und Wege", erklärt Dieter Straußberger vom Tüv. "Bereits durch kleinste, kaum sichtbare Risse dringt Wasser an den vorgeschädigten Stellen ein und weicht den Untergrund auf." Kommt im Winter Frost dazu, sprengt das Wasser in den Rissfugen den Asphalt regelrecht auf.

Glatteis-Gipfel in Hamburg

In Hamburg sieht man mögliche Asphaltschäden noch nicht, da massives Eis den Straßenbelag überdeckt. Fuß- und Radwege neben Privatgrundstücken müssen von den Eigentümern eigentlich selbstständig und auf eigene Kosten von Schnee und Eis befreit werden. Grundstücksbesitzer erhielten am Wochenende und zu Wochenbeginn kostenlos Streugut. "Wer im Baumarkt kein Streumittel mehr kaufen kann, bekommt es von der Stadtreinigung, solange der Vorrat reicht", so ein Sprecher der Stadtreinigung. Allerdings waren die Vorräte schnell erschöpft. Ein Krisengipfel in der Umweltbehörde beschloss: Tausend zusätzliche Kräfte werden für die Glatteisbeseitigung eingesetzt, und eine Hotline, an der nicht gestreute öffentliche Flächen gemeldet werden können, wird geschaltet.

Das Glatteis-Problem haben viele Kommunen in Deutschland. Das Streusalz wird knapp. "Gut 50.000 Tonnen Salz werden derzeit täglich produziert", sagt Hartmut Behnsen vom Verband der Kali- und Salzindustrie (VKS). Mehr sei nicht möglich. Die gesamte Produktion geht im Prinzip direkt auf die Straße zu den Abnehmern." Die Prioritäten sind dabei klar geregelt: Erst werden die Autobahn- und Straßenmeistereien versorgt, dann die Kommunen. Da viele Städte und Gemeinde wegen ihrer Finanzprobleme offenbar keine Vorräte angelegt haben, müssen sie alle Hebel in Bewegung setzen. Salz wird mit Sand, Kies oder Splitt gestreckt, Meersalz aus Tunesien, Kristalle aus Serbien und Rumänien für den doppelten Preis geordert. Populistisch forderte die FDP nun schon eine nationale Streusalzreserve.

Deutschland fällt und schlittert

Die käme für viele Menschen, die sich mit geschienten Armen und Gipsbeinen durch die Gegend schleppen, zu spät. Verletzungen an Sprung- und Handgelenken, Brüche von Speiche und Elle, Platzwunden sind die Folge von Stürzen. "Es sind außergewöhnlich viele Frakturen. Das normale OP-Programm wird verschoben, um die akuten Fälle behandeln zu können", so ein Sprecher der Asklepios-Kliniken. Mehr als 200 Rettungseinsätze fuhr die Hamburger Feuerwehr am Wochenende für Glatteisopfer. In Hamburger Kliniken wurde die Zahl der Ärzte, Pfleger und Betten aufgestockt. "So viele Knochenbrüche über einen so langen Zeitraum wie zurzeit habe er noch nie gesehen, sagte Unfallchirurgie-Chef Professor Johannes Rueger. 22 Ärzte waren am Wochenende im Einsatz, normalerweise sind es acht. "Wir haben sogar Kollegen aus dem Urlaub zurückgeholt. In dieser Woche werden wir in drei anstatt zwei Sälen operieren." Im Magdeburger Klinikum sind 80 Prozent der Patienten in der Notaufnahme Winteropfer. "Unfallchirurgie und Orthopädie sind fast vollständig ausgelastet", so eine Sprecherin. 50 bis 75 Prozent mehr Patienten mit Knochenbrüchen zählt man in Kiel und Lübeck. In der Berliner Charité zählt man die Glatteisopfer schon gar nicht mehr.

Eine genaue Zahl der Verunfallten für den gesamten Winter kann kein Krankenhaus liefern. Derzeit wird erst operiert, dann gezählt. Die Krankenkasse hingegen rechnen bereits: Allein im Januar mussten rund 20.000 gesetzlich Versicherte nach einem Sturz wegen Arm- und Beinbrüchen oder offenen Wunden ins Krankenhaus, berichtet die Krankenkasse KKH-Allianz. "Es gab doppelt so viele Glatteisunfälle wie 2009." Der lange Winter wird für die Kassen damit richtig teuer, denn jede stationäre Aufnahme nach einem Glatteisunfall kostet durchschnittlich etwa 4000 Euro. Ein komplizierter Knochenbruch kann sogar mit bis zu 15.000 Euro zu Buche schlagen.

Große Probleme für ältere Menschen

Besonders hart ist das wochenlange Winterwetter mit vereisten Gehwegen und Schnee vor der Haustür für Senioren. "Ältere Leute kommen jetzt extrem schlecht zurecht", sagt Hilmar Ransch vom Seniorenbüro des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin. "Ich gehe davon aus, dass viele Senioren zurzeit unterversorgt sind." Einkäufe und Arztbesuche seien mit einem hohen Risiko verbunden. Fahrdienste seien komplett ausgebucht.

Eine Wetterbesserung ist nicht in Sicht: Vor März rechnet Meteorologe Jung nicht mit einer deutschlandweiten Milderung. "Alles in allem werden uns die Kälte und ihre Probleme erhalten bleiben ", so der Klimaexperte. Der Jahrhundertwinter geht erstmal weiter.

mit DPA/APN/AFP

Mehr zum Thema



Newsticker