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Dauerwinter: Deutschland steht vor neuem Schnee-Wochenende

Der Winter bleibt. Für das Wochenende sind ergiebige Schneefälle vorhergesagt. Die Folgen des Dauerwinters sind wenig erfreulich - Tote und Verletzte bei Verkehrsunfällen, erfrorene Obdachlose, Staus auf Autobahnen, die Schifffahrt ist stark eingeschränkt, Inseln sind abgeschnitten.

Mit heftigen Schneefällen vor allem im Nordosten ist am Freitag das Tief "Keziban" über Deutschland hinweggezogen. Auch am Wochenende werden kräftige Schneefälle und klirrende Kälte erwartet. Der Deutsche Wetterdienst warnte vor starken Schneeverwehungen. Darauf sollten sich vor allem Autofahrer im östlichen Brandenburg und Vorpommern einstellen. Auf seinem Weg gen Osten lädt "Keziban" seine Schneefracht zunächst über den westlichen Mittelgebirgen ab, dann soll es den Nordosten des Landes treffen. Bei klarem Himmel können die Temperaturen in der Nacht zum Sonntag auch im Süden auf unter minus 15 Grad fallen, während es in den übrigen Landesteilen mit Graden lediglich um den Gefrierpunkt deutlich wärmer werden kann.

Von Donnerstagabend bis Freitagnachmittag gab es häufig Glätteunfälle, die aber meist glimpflich ausgingen; ein Fahranfänger wurde bei einem Zusammenstoß getötet. Im hessischen Hilders kam ein 18-jähriger Autofahrer ums Leben, als er gegen 6 Uhr auf einer Steigungsstrecke ins Schleudern kam und mit einem Linienbus zusammenstieß. In Wilhelmshütte (Hessen) rutschte ein Autofahrer an einem unbeschrankten Bahnübergang auf die Gleise und wurde von einer Regionalbahn erfasst. Er kam leicht verletzt davon. Auf der A1 und A45 in Nordrhein-Westfalen staute sich der Verkehr am Donnerstagabend laut Polizei zeitweise bis zu 15 Kilometer. In Sachsen sorgten Neuschnee, überfrierende Nässe und teils stürmischer Wind auf den Straßen vielerorts für Behinderungen. Es kam zu zahlreichen Unfällen.

Neunjähriger Fußgänger lebensgefährlich verletzt

Ein neunjähriger Junge wurde am Freitagmittag in Geesthacht bei Hamburg lebensgefährlich verletzt, als er am Straßenrand auf dem glatten Fußweg ausrutschte und vor ein Fahrzeug geriet. Mit Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma, Hals- und Wirbelsäulenverletzungen wurde er mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen. In der Region um Flensburg führte der seit den Morgenstunden andauernde Schneefall zu starken Verkehrsbehinderungen. Teilweise wurden bis zu 30 Zentimeter Neuschnee gemessen. Die Autobahn 7 südlich von Flensburg war aufgrund der Schneemassen stundenlang in beiden Richtungen nur einspurig befahrbar, obwohl die Streudienste pausenlos im Einsatz waren. Auf mehreren Landstraßen versperrten liegengebliebene Lkw die Strecken und verursachten kilometerlange Staus.

Schiffe kollidieren im Hamburger Hafen

Im Hamburger Hafen kollidierten zwei 80 Meter lange Binnenschiffe mit drei kleineren Sportbooten, nachdem sich am Donnerstagabend Eisschollen zwischen die Frachter und die Kaimauern geschoben und so die Leinen zum Reißen gebracht hatten. Darauf trieben die Schiffe führungslos im Hafenbecken und stießen mit den anliegenden Sportbooten zusammen. Nachdem der Schiffsverkehr bereits auf der Elbe südlich von Hamburg bis Wittenberge wegen starken Eisgangs eingestellt wurde, sperrte die Hafenbehörde (HPA) am Freitagnachmittag nun auch einen Teil des Hamburger Hafens. Drei festgemachte Schiffe sollten außerdem aus dem Bereich der Norderelbe gezogen werden, um die Gefahr von Eisblockaden zu verringern. Seit etwa drei Wochen sind im Hafen mehrere Eisbrecher im Dauereinsatz. Sie zerkleinern dasEis und sollen es in Bewegung halten, so dass die Schollen bei Ebbeabfließen können. Nach Angaben der HPA ist die Wasserfläche im Hamburger Hafen derzeit zu 100 Prozent Treibeis bedeckt. Die Eisschollen sind bis zu 30 Zentimeter dick.

Die Insel Hiddensee bleibt weiter vom Eis eingeschlossen. Die Fähre "Vitte" scheiterte am Freitag bei einem Versuch, den vereisten Bodden zwischen Rügen und der Nachbarinsel zu durchqueren. Das Schiff fuhr sich im Eis fest und bekam einen Maschinenschaden. Zunächst werde es bis einschließlich Samstag keinen Schiffsverkehr geben, sagte der Sprecher der "Weißen Flotte". Trotz aller Warnungen überquerten Urlauber mit Koffern den an der schmalsten Stelle rund zwei Kilometer breiten Schaproder Bodden in Richtung Insel. Auch ein Auto wurde von Augenzeugen gesichtet. Die rund 1050 Bewohner Hiddensees hatten sich in den vergangenen Tagen mit Lebensmitteln eingedeckt. Die Versorgung sei für das Wochenende gesichert.

Bereits 15 Kältetote

Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt lief der Flugverkehr weitgehend planmäßig, es seien nur in der Vorplanung bereits 43 Flüge annulliert worden. Signifikante Verspätungen habe es zunächst nicht gegeben.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe wurden inzwischen 15 Kältetote gezählt. Seit dem Winter 1996/97 habe es nicht mehr so viele erfrorene Wohnungslose in Deutschland gegeben. Damals waren bundesweit mindestens 25 Tote gezählt worden. Die Arbeitsgemeinschaft appellierte an die Kommunen, menschenwürdige Unterkünfte mit einem Mindestmaß an Privatsphäre anzubieten. Diese sollten auch tagsüber und in der Nacht geöffnet bleiben. Der Aufenthalt dort dürfe nicht auf wenige Tage im Monat beschränkt sein. In den kalten Nächten sollten U-Bahnstationen, Bahnhöfe und andere geeignete öffentliche Gebäude geöffnet werden.

Der Klimaforscher Mojib Latif sieht keinen Widerspruch zwischen der Kältewelle und einer vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Wer angesichts der Minusgrade die Erderwärmung bestreite, zeige nur, dass er nichts von der Dynamik des Klimas verstehe, sagte der Meteorologe der Universität Kiel am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Um den Einfluss des Menschen auf das Wetter festzustellen, müssten sehr lange Zeiträume beobachtet werden.

DAPD/DPA / DPA

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