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Audio-Guides: Zugführer im MP3-Format

Fahrten in Intercity oder U-Bahn müssen gar nicht langweilig sein. Audioguides im MP3-Format erzählen live, was man links und rechts der Strecke sieht. Die zum Teil kostenlosen Dateien verkürzen die gefühlte Reisezeit.

Von Carsten Görig

Reiseinfos aus Handy und Ipod

Reiseinfos aus Handy und Ipod

Audioguides sind ein bisschen wie Opas, die im Krieg waren. Erzählen immer die gleichen Geschichten, nur dass sie statt der Ostfront vom Brandenburger Tor, der Tower Bridge oder dem Eiffelturm handeln. Das macht die gesprochenen Reiseführer ein wenig absurd. Warum sollte man sich etwas über Touri-Highlights erzählen lassen, über die man schon ein Dutzend Mal was erzählt bekommen hat und die in jedem Stadtführer auftauchen?

Doch in jüngster Zeit haben Audioguides dazugelernt: Mehr und mehr Angebote spezialisieren sich auf die unbekannten Ecken, manche können sogar eine langweilige Bahnfahrt zu einer Bildungsreise machen. Solche Reiseführer für die Ohren sind ebenso nützlich wie naheliegend: Man lädt sich einfach die gewünschte Sounddatei aus dem Internet herunter und spielt sie auf einen MP3-Player - beim nächsten Ausflug kommen Erklärungen über die Umgebung dann einfach live über die Ohrstöpsel.

Zum Beispiel bei einer Bahnfahrt zwischen Eisenach und Dresden: Für diese Strecke gibt es das Hörprogramm "Zugbildung", ein Projekt der TU Dresden. Den Reisenden erzählt der mehr als zwei Stunden dauernde Reiseführer während der Fahrt vom Bau des Leipziger Hauptbahnhofs und von der Geschichte der Chemiewerke in Leuna. Sprecher berichten von sächsischen Weinbergen, von Johann Sebastian Bach und der Bahnstrecke, über die der Zug dabei rollt. Aufgeteilt ist die Hörreise in 18 Teile, die jeweils etwa acht Minuten dauern.

Gestartet werden die Abschnitte an bestimmten Stellen der Reise: beim Passieren eines Bahnhofs, bei der Überquerung eines Flusses oder beim Anblick einer Silhouette am Horizont. Dadurch kommt man auch bei Zugverspätungen nicht durcheinander. Wer dennoch unsicher ist, kann die Startpunkte mit Bildern im zugehörigen Booklet vergleichen. Dazu gibt es außerdem Lektionen in Kunst- und Literaturgeschichte.

U-Bahn im Ohr

Das ist so spannend, dass man sich fragt, wann es das endlich für alle Bahnstrecken gibt - oder sogar für Flugrouten: In der Chartermaschine nach Fuerteventura würde man dann nicht mehr allein auf die GPS-Landkarte auf dem Monitor starren, sondern auch erfahren, was genau gerade unter einem liegt.

Zumindest für den öffentlichen Nahverkehr in Hamburg gibt es etwas Vergleichbares: Die dortige Hochbahn stellt auf ihrer Website einen MP3-Führer für die U-Bahn-Linie U3 als Download bereit. Die U3 ist die Bahn, die sich malerisch am Hafen entlangschlängelt, um dann kurz im Untergrund zu verschwinden und schließlich wieder über Tage weiterzufahren - auf einer brückenartigen Metallkonstruktion unter anderem durch den vornehmen Stadtteil Eppendorf. Lädt man sich den MP3-Guide herunter, hört man während der Fahrt Geschichten über den Lord von Barmbek, erfährt, wie die Haltestelle Schlump an ihren merkwürdigen Namen kam, oder lernt, dass das Hamburger Rathaus auf Tausenden von Eichenpfählen gebaut wurde.

Bahnfahren mit den Ohren

Die einzelnen Stücke sind nicht länger als zwei Minuten - so lang, wie die Bahn von einer Station zur nächsten braucht. Da der Download kostenlos ist und man eine Tageskarte für 5,10 Euro bekommt, handelt es sich um die wohl günstigste Möglichkeit, eine Hamburg-Rundfahrt zu absolvieren.

In Berlin beschränkt sich das digitale Informationsangebot auf den Hauptbahnhof. Für den hat die Deutsche Bahn einen Audioführer auf ihre Seiten gestellt: Erzählt wird von der Bedeutung der Bahn, vom Bau des Bahnhofs und von seiner Umgebung. Ein Wegweiser für Menschen, die dort schnell umsteigen müssen, fehlt leider - dabei wäre der dringend nötig. Wer den Zug verpasst, kann sich jetzt zumindest gut die Zeit bis zum nächsten vertreiben.

Natürlich gibt es Audioguides im MP3-Format auch im Ausland. Man muss sich hier nur auf fremdsprachige Führung einlassen. Außergewöhnliche Orte hat zum Beispiel die BBC im Programm. Wer Küstenstädte Großbritanniens kennenlernen möchte, lädt sich Gänge durch Falmouth, Leith oder Whitby von der Website des Senders herunter - und lernt dabei weniger über die großen Sehenswürdigkeiten als vielmehr darüber, wie das Meer das Leben dort beeinflusst.

London im Audio-Format

Auch in der eigentlich touristisch vollkommen erschlossenen Stadt London lassen sich noch Überraschungen finden. Wer kein Problem mit der englischen Sprache hat, kann sich zum Beispiel vom Autoren und Musikkenner Alex Wheatle akustisch durch Brixton führen lassen - auf diese Weise bekommt man Schilderungen eines Augenzeugen der Rassenunruhen von 1981 und 1985. Sogar im Auge des touristischen Londons, dem am Wochenende sonst besser gemiedenen Camden Town, finden Audioguides noch unbekannte Seiten.

Der MP3-Führer des Radiojournalisten Robert Elms etwa führt seine Zuhörer mitten durch den brodelnden Camden Market und vorbei an ein paar legendären Pubs des Viertels, vermeidet dabei aber jeden Touristennepp. Oder man lässt mit den Erzählungen des britischen Autors und Musikers Max Décharné eines der Epizentren des Swinging Londons, die King's Road, in ihrem ehemaligen 60er-Jahre-Glanz auferstehenen.

Nur eines bleibt in London den leibhaftigen Touristenführern überlassen: Die "Jack the Ripper"-Touren. Selbst bei fünfzig Teilnehmern kann Ripper-Experte Jack Rumbelow noch die Faszination des früher düsteren und heute so hippen East Ends auferstehen lassen - damit hält kein Ipod mit.

FTD

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