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Deutschland: Ein schöner Land: Auf Weinradtour durch Württemberg

Der Württemberger Weinradweg führt durch malerische Fachwerkstädte. Und Täler mit terrassierten Hängen, an denen Reben wachsen. Eine Tour für Genießer.


Ein idyllischer Blick ins Tal bei Roßwag. Die Hänge sind voller Weinreben

Von Wein umgeben: Bei Roßwag, einem Stadtteil von Vaihingen, schlängelt sich die Enz durchs Tal

Naain“, warnen mich die beiden Damen, „hiir niiikt, dah ist nüur Wuaßer.“ Mist, kaum in Marbach losgeradelt, droht meinem Weinwandertag das Ende. Ich radle noch ein wenig, hoffend, dass die Ladys nur zu dusselig sind zur Einschätzung der Lage. Aber nach ein paar Hundert Metern sehe ich ein: Hm, die beiden haben recht. Sturmtief Axel hat den Neckar in einen Orinoco verwandelt und den Württemberger Weinradweg überschwemmt.

Ich wende also und hole die Damen an der Brücke ein, wo sie sich über Karten neu orientieren. Sie heißen Janice und Susan, wie ich erfahre, und sind aus Kingston in Ontario. Dies ist nicht ihre erste Deutschlandtour, stets fahren sie ohne ihre Kerle, und immer finden sie es super. Dieses Mal wollen sie nach Besigheim und dann noch weiter – wie ich. Meinen Antrag, mich ­ihnen anzuschließen, finden sie (nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen) nicht so toll, aber sie sind zu höflich, um abzulehnen. Zudem: Ich habe Google Maps, sie nicht. Vorteil Gamerschlag.

Bert Gamerschlag mit seinen beiden Wegbekanntschaften Susan und Janice

Auf dem Württemberger Weinradweg traf stern-Autor Bert Gamerschlag Susan (l.) und Janice (r.) aus Kanada – und schloss sich ihnen einen Tag lang an

Links des Flusses liegt die Trasse höher und ist beradelbar. Es ist eine Klangwelt schmetternder Buchfinken und schmachtender Nachtigallen! Der Zilpzalp zilpt und zalpt, der Kuckuck ruft, und der Feldschwirl schnarrt ein metallen Lied, das an das Freilaufgeräusch der Radnabe erinnert und zur Reise bestens passt.

Dass durch Württemberg ein mehr als 350 Kilometer langer Weinradweg die Flüsse Neckar, Kocher, Jagst, Tauber und Vorbach entlangführt, wusste ich bis vor Kurzem nicht; wohl aber Janice und Susan, die sich in Konstanz Räder gemietet haben, Nacht für Nacht ihr Gepäck vorausschicken ­lassen und so unbeschwert die Kilometer fressen.

Sie wollen „Old Europe“ sehen. Mich reizt nur der Genussaspekt des Weinradwegs, wo sich mir hinter jeder Biegung neue Weingärten eröffnen, deren Erträge ich allesamt verkosten und mir nach Hause schicken lassen könnte.

So fährt ein Trio mit zwei Agenden durch den Auenwald. Zur Rechten wälzt sich der Neckar, zur Linken türmen sich 20 Meter hohe Schilf­sandsteinklippen. Hineingeschachtelt liegen Terrassen, die vor tausend Jahren geschichtet wurden und mit Wein bestockt sind. Es sind dies die unter Schwaben weltberühmten, im weiteren Deutschland aber kaum bekannten ­Württemberger Steillagen. Wo immer die ­Neigung die Einrichtung eines Äckerchens erlaubt, hat Schwabenfleiß eines ­angelegt.

Wir fahren durch die grüne Landschaft und hören bis auf Gezwitscher keine Geräusche: Sind wir hier wirklich im Ländle? Müsste man dessen notorische Geschäftigkeit nicht deutlicher vernehmen? Es ist die Herzkammer des Autobaus, aber den Lindwurm Verkehr hören wir nur, wenn wir eine Schnellstraße unterqueren.

Alle Weiler sind gepflegt. Restaurierte Fachwerkhäuser lassen ihr Balkenwerk leuchten, und ich verspüre Appetit, in all jene Gasthäuser einzukehren, die hier „Zum Ochsen“, „Adler“ oder „Hirschen“ heißen und Maultaschen servieren, überschmelzte Rostbraten, saure Kutteln. Aber dafür ist es noch zu früh.

Ausflug in die Gelehrsamkeit

Vor einer Steillage wechseln wir die Jacken, und Susan fragt leichtsinnig, warum die hingetupften Weingärten so zwergig sind und dabei so wohlproportioniert: „Ist das normal?“ Leichtsinnig ist die Frage, weil sie den Erklärbären in mir einen Ausflug in die Gelehrsamkeit wittern lässt. Wir ­blinzeln hinauf. Tatsächlich, der Hang ist terrassiert, die Parzellen liegen so, als lehnte man Schokoladentafeln schräg und hochkant an eine gewundene Wand.

„Nein, außerhalb von Württemberg ist das nicht normal“, sage ich. Der Grund liegt in der, und jetzt kommt’s, tätäää: in der „Württembergischen Realteilung“ und ihrer stückelnden Vererbung von Grund und Boden. Ich schiele auf die Damen und finde mich ermuntert, die beiden schalten nicht gleich ab, sondern fragen auch noch nach, was das denn sei: „Realteilung“.

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Nun, in Altwürttemberg ging es zu, ­erkläre ich, dass jegliches Erbe zu gleichen Teilen unter alle Kinder verteilt wurde und dies zu notorischer Zersplitterung und ­Armut allenthalben geführt habe, zugleich aber zum Zwang, sich nebenerwerblich zu betätigen und zu tüfteln. Der Ingenieur-Reichtum von heute fuße auf alter Armut.

„Was konkret den Wein betrifft, Susan, hör zu, führt das dazu, dass jeder Hans und Franz zwar seinen eigenen Wengert hat, dass mit den Minimengen aber kein Staat zu machen ist. Zugleich ist die Qualität des Weines sehr verschieden“, sage ich: „Der eine, Hans, mag was vom Wein verstehen, der zweite, Franz, schon wieder nicht. Um es zu verkomplizieren, liefern sie ihre Weine an Genossenschaften, wo ein Kellermeister entscheidet, ob er die Weine in den Großtank kippt oder einzelne Chargen getrennt auf Flaschen zieht.“ Manche Qualitäten seien bestens, andere nur Mittelmaß.

Aha, sagt mir der Blick der Damen, der nun doch ermattet. Darum beschließe ich die Unterrichtseinheit mit einem Fahrradklingeln, denn ohnehin radeln wir auf ­Besigheim zu, ein betürmtes, fachwerkhutzeliges Städtchen mit Kopfsteinpflaster, Winkelgassen und Gasthäusern. Im „Rats­stüble“ nehmen wir Aprikosenkuchen und Kaffee zu uns, und ich frage die beiden, ob sie denn auf ihrer Reise bereits einen Württemberger getrunken hätten?

Fachwerkhäuser in Esslingen

Die Altstadt von Esslingen

Das schon, erwidern sie, aber sehr grandios sei ihnen der jetzt nicht erschienen. Na ja, erkläre ich, in Württemberg werde der meiste Wein zum Essen geschlabbert, und in den Gasthäusern bekämen gerade Touristen nur Schoppenware vorgesetzt. „Wären wir jetzt bei Stuttgart, könnte ich euch ins Collegium Wirtemberg führen, wo es sehr gute Weiß- und Rotweine gibt.“

„Was, auch Rote?“, staunen Janice und ­Susan, dachten sie doch, Deutschland sei Riesling-Land. „Ist es auch weitenteils“, sage ich, „aber in Württemberg liegt die ­Sache anders.“ Am Vortag hatten die beiden, wie sie mir sagten, unter Oh! und Ah! das fachwerkreiche Esslingen passiert. Dort wächst am Fuße der Burg in der Einzellage „Dicker Turm“ ein vorzüglicher Rotwein. Aber das konnten sie ja nicht ahnen.

Jürgen Seybold sitzt, mit Fisch in der Hand, an seinem Netz

Neckarfischer Jürgen Seybold gehen auch seltene Arten wie Aland, Döbel, Barbe oder Schlei ins Netz. Im Hintergrund: die Regiswindiskirche in Lauffen, gebaut ab 1567 im spätgotischen Stil

Überhaupt sieht man der Landschaft nicht an, was ihre Fassaden bergen. Dass etwa in Lauffen der Fischer Jürgen Seybold prächtigste Fische aus der Neckarschleife holt, von Arten, die man sonst nur im Buch findet, Aland und Döbel, Barbe und Schlei, und dass er diese Fische auch in den Gasthäusern auf die Karte zu setzen weiß.

Wein der Erkenntnis

Bei der Jause in den Neckarwiesen höre ich, dass Neckarsulm das Ziel der Damen ist. Ich denke mir, dass dieser Ort auch noch von mir zu schaffen wäre. „Wisst ihr was? Kurz vor Neckarsulm liegt in Heilbronn das Weingut Drautz-Able. Da kauf ich euch eine Flasche Rotwein, die Jodokus heißt, die wird euch überzeugen.“ Die beiden ­haben sich an mich gewöhnt, befinden mich für harmlos und stimmen zu.

Wir erreichen das Weingut unbeschadet, wo uns Frau Drautz den Jodokus natürlich nicht nur so verkaufen kann. Sie beglückt die Kanadierinnen auch mit einer Trockenbeerenauslese, die sie vor Freude trällern lässt. Den Jodokus in Seidenpapier gehüllt und im Gepäck verstaut, radeln wir bis ­Neckarsulm, wo wir uns trennen.

Bis heute sind wir im E-Mail-Kontakt, die Janice, die Susan und ich. So habe ich erfahren, dass ihnen der Jodokus geschmeckt hat. Und ich weiß inzwischen, dass ich zwei emeritierte Hochschullehrerinnen durch den Tag begleitete, von denen die eine – Susan – eine Webseite zur modernen deutschen Lyrik unterhält. Kein Wunder, dass der Erklärbär sie nicht schreckte.

Ja, Württemberg, ja, seine Weine und ja, Damen aus Kanada: Hinter den Fassaden steckt oft mehr, als man vermuten mag.

Tipps: Hotels, Lokale und Winzereien für die Weinradtour

Radfahren

Lauterbikes: Fahrradvermietung im Raum Heilbronn. Touren- räder kosten 15 Euro, E-Bikes 35 Euro pro Tag. Bad Wimpfen, Rappenauer Straße 1, Tel. 07063/267 97 55, www.lauterbikes.de

Übernachten

Parkhotel Schiller­höhe: gepflegte Zimmer neben dem Schiller-Archiv. DZ/F ab 128 Euro, Marbach am Neckar, Schiller­höhe 14, Tel. 07144/9050, www.parkhotel-­schillerhoehe.de

Seybolds Gästehaus: Beim Neckarfischer kann man tafeln und nächtigen. Fisch- und Wildküche, modernes Design. Aber: Das Haus liegt im Gewerbegebiet. DZ ab 110 Euro, Lauffen am Neckar, Hoher Steg 20, Tel. 07133/2042970, www.seybold-fisch.de

Landhotel Hirsch: Wer die Radtour erholsam beenden will, steige hier ab. Schöne Räume, gute Küche. DZ/F ab 110 Euro, Tübingen-Bebenhausen, Schönbuchstraße 28, Tel. 07071/60930, www.landhotel-hirsch-bebenhausen.de

Essen und trinken

Ratsstüble: In dem gutbürgerlichen Lokal wird schwäbische Traditionsküche ­serviert. Besigheim, Kirchstraße 22, Tel. 07143/35941, www.ratsstueble- besigheim.de

Collegium Wirtemberg: Die Winzergenossenschaft liegt am Fuß des Mausoleums von König Wilhelm I. und Gattin Katharina. Stuttgart-Rotenberg, Württembergstraße 230, Tel. 0711/3277 7580, www.collegium-wirtemberg.de

Weingut Drautz-Able: Hier werden hervor­ragende Rot- und Weißweine verkauft, aber auch günstigere für jeden Tag. Heilbronn, Faißtstraße 23, Tel. 07131/177908, www.drautz-able.de

Lauffener Weingärtner eG: Winzergenossenschaft mit 120 Hektar terrassierten Steil­lagen. Viele Weine sind bezahlbare Qualitäten der Mittelklasse, ­besonders gute Weine ­tragen das Etikett „Vinitiative“. Lauffen am Neckar, Im Brühl 48, Tel. 07133/1850, www.wg-lauffen.de

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