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Bahnfahrkarten bei Tchibo: Nicht zwingend ein Schnäppchen

Bis zu hundert Euro pro Fahrt können Bahnkunden ab Freitag sparen. Kaffeeröster Tchibo verkauft eine Million Zugtickets für 29 Euro. Die Rechnung wird allerdings weder für die Bahn noch für die Kunden aufgehen.

Von Jens Maier

Wer am Freitagmorgen bei Tchibo nur Kaffee kaufen will, wird vermutlich auf dem Absatz kehrt machen. Den über 1000 Filialen droht bereits vor der Öffnung ein Kunden-Ansturm. Die werden es wohl weder auf Bohnen noch auf Radiowecker abgesehen haben, sondern auf Bahnfahrkarten. Für 29 Euro pro Stück verkauft die Deutsche Bahn Fahrkarten beim Kaffeeröster. Was auf den ersten Blick nach Schnäppchen aussieht, könnte sich für manche Bahnkunden als Pleite erweisen. Denn wie immer steckt der Teufel im Detail.

Die Tickets, die ausschließlich im Zweierpack für 58 Euro verkauft werden, können für beliebig weite Fahrten innerhalb Deutschlands in der 2. Klasse genutzt werden, auch im ICE und Intercity. Für Nicht-Bahncard-Inhaber rechnet sich das Sonderangebot damit schon ab einer Entfernung von zirka 150 Kilometern. Eine Fahrt im ICE von Hamburg nach Hannover beispielsweise kostet zum Normalpreis 36 Euro - macht eine Ersparnis von sieben Euro. Wer gar bis nach München durchfährt, spart ganze 86 Euro. So weit so gut. Die Sache hat allerdings Haken: Die Tickets gelten nur vom 2. Januar bis zum 4. April, freitags überhaupt nicht und immer nur bis 10 Uhr des Folgetags.

Der Freitag ist kein Schnäppchen-Tag

Wochenendheimfahrer und -ausflügler, die am Freitag nach Büroschluss mit der Bahn in die Heimat oder in die Berge fahren wollen und beim Schaffner mit den Billig-Tickets wedeln, werden eine böse Überraschung erleben: Rauswurf oder Nachzahlen - und zwar den vollen Normalpreis. Auch Weihnachts- und Osterurlauber müssen die Schnäppchen-Karten stecken lassen. Den Gültigkeitszeitraum hat die Bahn so geschickt gelegt, dass er erst nach dem Weihnachtsansturm im Januar beginnt und rechtzeitig eine Woche vor Ostermontag endet.

Dahinter steckt natürlich Taktik. "Mit unserem Angebot erreichen wir Menschen, die bisher die Bahn noch nicht genutzt haben", sagte Dr. Nikolaus Breuel, Vorstandsvorsitzender der DB Fernverkehr AG. Übersetzt heißt das: Warum sollte die Bahn freitags, wenn die meisten Züge ohnehin überfüllt sind und von den treusten Kunden - den Pendlern - genutzt werden, mit Sonderangeboten locken? Dass dies auch nicht an gut frequentierten Urlaubsterminen wie Weihnachten oder Ostern nötig ist, versteht sich von selbst. Vielmehr will die Bahn ihre unter der Woche mit gerade mal 43,9 Prozent ausgelasteten Züge voll kriegen.

Kinder fahren umsonst mit

Und zwar offenbar insbesondere mit Familien. Denn Kinder bis einschließlich 17 Jahre fahren in Begleitung mindestens eines Eltern- oder Großelternteils kostenlos mit. Als besonderes Schmankerl legt Tchibo den Tickets außerdem zwei Gutscheine für Kaffee-Spezialitäten bei. Und wer besonders bequem reisen will, kann für 20 Euro Aufpreis pro Fahrt die 1. Klasse nutzen - pro Tchibo-Filiale werden zehn Erste-Klasse-Gutscheine verschenkt.

Ob die Aktion allerdings einen guten Eindruck bei Neukunden hinterlässt, bleibt fraglich. In ähnlicher Form gab es das Bahn-Sonderangebot bereits im Mai 2005 beim Discounter Lidl. Ausgerüstet mit Campingstühlen warteten Schnäppchenjäger vor den Türen der Filialen in immer länger werdenden Schlangen bis zur Ladenöffnung. Die eine Million Tickets deutschlandweit waren in den meisten Filialen innerhalb weniger Minuten ausverkauft, der Unmut bei den leer Ausgegangenen groß. Welcher Autofahrer, der schon zu bequem ist Bahn zu fahren, tut sich dieses Gedränge an?

Schwarzhandel im Internet befürchtet

Eine Tchibo-Sprecherin bestätigte, dass mit einem erheblichen Ansturm an Kunden gerechnet werde. Wie viele Tickets pro Filiale vorrätig seien, konnte sie allerdings nicht beantworten. "Wir verteilen die 500.000 Zweier-Tickets nach einem komplizierten Schlüssel, je nachdem wie hoch frequentiert die Niederlassungen sind", sagte sie. Außerdem gebe es, anders als bei der Lidl-Aktion, die Tickets auch auf der Internet-Seite von Tchibo zu kaufen.

Dahinter steckt offenbar zum einen das Bemühen, die Filialen zu entlasten, zum anderen will man windige Geschäftemacher vom Internetschwarzhandel abhalten. Die Fahrkarten sind nicht personalisiert und können an Dritte weitergegeben werden. Bei Ebay oder anderen Online-Auktionshäusern werden die 29-Euro-Tickets wahrscheinlich einen wesentlich höheren Preis erzielen können - sehr zum Leidwesen der Bahn und ihrer anvisierten Neukunden.

Daher werden wohl am Freitag nur eingefleischte Bahnfahrer den Kampf bei Tchibo auf sich nehmen. So lange der Vorrat reicht.

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