HOME

"Bahnsinn", na und?: Für mich könnte immer Streik sein

Während die meisten Betroffenen überaus genervt sind vom Bahnstreik, entdeckt unsere Gastautorin die damit verbundenen Vorteile. Sie berichtet aus der Binnensicht einer Vielfahrerin.

Eine Glosse von Catrin Boldebuck

Der längste Streik der Geschichte der Deutschen Bahn wirkt sich am schlimmsten im Regionalverkehr und bei den S-Bahnen aus

Der längste Streik der Geschichte der Deutschen Bahn wirkt sich am schlimmsten im Regionalverkehr und bei den S-Bahnen aus

Dies ist mein dritter Bahnstreik. Beim ersten, Anfang November 2014, musste ich von Hamburg in die Provinz fahren: nach Bad Sooden-Allendorf in Hessen. Die letzten beiden Streiks, Ende März und diese Woche, erlebe ich als Pendlerin zwischen Hamburg und Berlin. Ich habe inzwischen den Überblick verloren, ob es bei dem Streik um mehr Gehalt oder um den Machtkampf zwischen den Gewerkschaften geht. Meine Mitfahrer sind jedenfalls genervt, im Zug hat keiner mehr Verständnis für das Auftreten der Lokführer und ihres Chefs Claus Weselsky. Für die Gewerkschaft ist das ein riesen Image-Schaden.

Aber mal davon abgesehen, könnte für mich immer Streik sein. Zwar fallen einige Züge aus und die vielen Pendler in den Regionalzügen beneide ich echt nicht. Aber die großen Verbindungen stehen mehr oder weniger. Als Vielfahrer nutzt man einfach die App der Bahn - die ist mit Abstand das Beste, was die Bahn zu bieten hat. Dort findet man detaillierte Infos zu den Zügen, welche ausfallen und welche fahren. Und die Züge, die fahren, sind vor allem eines: Sie sind pünktlich! Das lässt sich nämlich leider längst nicht immer von allen Zügen sagen.

Die Bahn bringt die Menschen auf Trab

Letzte Woche Montag, eine knappe Woche nach dem ersten Streik in diesem Jahr, hatten alle Züge in Hamburg morgens gegen acht Uhr Verspätung. Mindestens 20 Minuten. Mein Zug nach Berlin fiel nach mehreren Ansagen komplett aus. Der Grund dafür: In Altona waren die Züge nicht rechtzeitig bereitgestellt worden. Wie bitte ist das zu verstehen? Hatten die sich dort verzählt? Oder hatte einer seinen Einsatz verpasst? Erklärt wird einem das natürlich nicht. Auch Kaffee oder sonst was wird einem nicht angeboten.

Normal ist es schon, dass die Züge von Hamburg nach Berlin in der Hansestadt immer in "umgekehrter Reihenfolge" fahren. Das wird gern kurz vor Einfahrt des Zuges angesagt, damit die Reisenden morgens erst mal auf Trab kommen, während sie den Bahnsteig entlanghasten ans andere Ende, um ihren Waggon zu finden. Ein Wunder, dass bei dem Gedränge noch keiner auf die Schienen gefallen ist. Routiniers stellen sich bereits in der Mitte auf, um erst kurz vor Start loszuspurten.

Endlich freundlich

Regelmäßig haben die Züge Verspätung. Vor ein paar Wochen stand ein ICE zehn Minuten am Berliner Hauptbahnhof, die Gäste konnten weder ein- noch aussteigen, die Türen ließen sich nicht öffnen. Ein anderes Mal stand der Zug 50 Minuten im Bahnhof, weil der Computer nicht funktionierte, er musste hoch- und runtergefahren werden - "so wie Ihr Computer im Büro", erklärte ein verzweifelter, aber freundlicher Zugchef per Lautsprecher.

Die Freundlichkeit, noch so ein Punkt, der während des Streiks anders ist. Wenn die Kollegen streiken, tritt das Personal der Bahn oft höflicher auf und gibt von sich aus mehr Auskünfte als während der normalen Betriebszeit. Wahrscheinlich, um schon im Vorwege die Beschwerden der Kunden abzufedern.

Endlich Platz

Und noch einen dritten Vorteil hat der Streik: Die Züge sind nicht so voll. Es ist viel leichter, einen Platz zu bekommen. Viele Menschen verschieben offenbar ihre Reisepläne oder fahren Bus. Das sollte der Bahn zu denken geben.

Also was Pünktlichkeit und Freundlichkeit der Bahn angeht, könnte von mir aus immer Streik sein. Das Einzige, was wirklich nervt, ist, dass auch die Berliner S-Bahn von dem Streik betroffen ist. Aber inzwischen habe ich auch raus, wie ich ohne die vorankomme.

Wissenscommunity