HOME

Bodensee: Der Eulenspiegel vom Schwäbischen Meer

Mit der vollbusigen "Imperia" war es noch lange nicht vorbei. Peter Lenk foppt mit kalkulierten Provokationen weiterhin Auftraggeber und Prominenz. In seiner Welt aus Beton gibt es für den Bildhauer kaum ein Tabu, das nicht gebrochen wird.

Von Helge Bendl

Dieses Autogramm, das war ein Fehler. Der Autor hätte es dem Bildhauer nicht geben sollen, auch nicht nach jener Vorlesung über Goethe und Eckermann, als im Auditorium leider nicht nur Studenten saßen und fleißig mitschrieben, was der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes, des Ordens "Pour le mérite" und zahlreicher Literaturpreise vortrug.

Denn einer in der Zuhörerschar zeichnete mit Hingabe Entwurfsskizzen. Und als sich Peter Lenk später ein Autogramm von Martin Walser holte, tat er der Künstler das nicht aus Bewunderung für einen der berühmtesten Schriftsteller der Republik. Sondern zum eingehenden Studium der Nasenlöcher.

Provokation und Skandal

Das Ergebnis steht heute, für jeden zu besichtigen, in des Dichters Heimatstadt Überlingen. "Wie von der eigenen Moralkeule getroffen", sagt Skulpturenbildner Peter Lenk, habe er den Prominenten griesgrämig als "Bodenseereiter" auf einem müden Gaul sitzend dargestellt, samt Schlittschuhen an den Füßen - "damit er nicht ausrutscht auf dem Glatteis der deutschen Geschichte".

Dem auf diese Weise Geehrten scheint die Darstellung nicht sonderlich gefallen zu haben. Walser war, als das Kunstwerk entstand, nicht nur mit Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki im Clinch, weil man ihm vorwarf, sein Buch "Tod eines Kritikers" sei antisemitisch und auf den populären Rezensenten gemünzt. Der Schriftsteller grollte nach der Enthüllung der Skulptur von Peter Lenk auch Überlingen. In einem Interview drohte er sogar, die Stadt wegen der Darstellung seiner Person als Brunnenfigur zu verlassen. Provokation und Skandal: Der Eulenspiegel vom Bodensee hatte es wieder einmal geschafft.

Die personifizierte Respektlosigkeit, das verrät der bellende weiße Hund, ist nicht zu Hause. Stattdessen begrüßt einen hinter der großen Trauerweide ein Empfangskomitee der besonderen Art. Kaiser und Papst, Konzernherren und Politiker, Dichter und Adel, füllige Damen und runzelige Herren, barocke Leibespracht und sich selbst kasteiende, alle Freude verwehrende Bürger.

Eine Welt aus Beton, die lebendiger kaum sein könnte und bei der nicht unbedingt immer klar ist, ob der voluminöse Hintern nun einem Fabelwesen gehört oder einem badischen Sparkassendirektor. Entwürfe und Prototypen, Experimente und Arbeitsproben sind hier im Skulpturengarten des Bildhauers versammelt. Wer sein Atelier finden will, muss die beschürzte Bäuerin fragen, die sich unten im Dorf um ihre Geranien kümmert und nur unwillig mit den Händen voller Gartenerde den Weg weist: "Dort, den Lenk-Buckel rauf."

Erlaubnis zur Karikatur…

Der Mann, nach dem man inzwischen schon Hügel benennt, ist nach Klosterschule und Kunstakademie (die er im Streit verließ) im Dörfchen Bodman am Bodensee angekommen. Hier entwirft Peter Lenk, Jahrgang 1947, seine Skulpturen, schweißt deren stützendes Innenleben, modelliert sie in Ton, baut eine Form und gießt sie mit Zement oder Kunststein aus.

Ein neues Projekt steht an, doch der Gemeinderat hat sich noch nicht endgültig entschieden. "Die Leute denken: Dieses Mal wird es bestimmt harmlos. Aber mir fällt immer etwas ein, um meine Figuren sinnlich oder humorvoll zu gestalten." Die endgültige Version seiner Kunstwerke bekommt kaum jemand zu sehen - und so ist bei den Enthüllungen die Überraschung oft groß. "Die Politik kann der Kunst doch nicht die Erlaubnis geben, sie zu karikieren - das wäre ja verrückt." Respektlos geht Peter Lenk in seinen Skulpturen mit den unfreiwillig Portraitierten um, sucht sich gerade bei den so genannten "Stützen der Gesellschaft" seine Motive und macht keinen Hehl aus seiner Freude, die Prominenz aus Politik und Wirtschaft, Kirche und Kultur vorzuführen.

"Provozieren will ich dabei nicht", versichert er - und kaum jemand will es ihm glauben. Dabei hasse er, sagt der Bildhauer und redet sich dabei in Rage, nur das Schönfärben und Ästhetisieren. Er will das Verklemmte nicht mitmachen und keinesfalls idealisierte Figuren darstellen.

Graf Bernadotte, Hausherr auf der Insel Mainau, den manche am Bodensee nach ein paar Gläsern Wein dank seiner zahlreichen Nachkommen gerne scherzhaft-freundlich "Spermadotte" nennen, hat der Bildhauer deshalb dargestellt als Schmetterlingsmann - mit mächtigem Gemächt, also einer deutlichen Anspielung auf die Zeugungskraft des "Bestäubers". "Ich schätze den Mann, und ich schätze auch Walser als Dichter", sagt Lenk, und wahrscheinlich meint er das auch ernst. "Wenn man den eingerollten Penis nicht als Witz versteht, ist das doch die eigentliche Provokation."

Manch einer fährt in dieser Kontroverse allerdings unchristlich schwere Geschütze auf. Ein Pfarrer schalt den Künstler per Leserbrief und verwünschte Peter Lenk mit einem Bibelzitat: "Es wäre besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde."

Lenk will die Deutung der Geschichte nicht "religiösen Eiferern" überlassen, bemitleidet fast ein wenig diejenigen, die sich über Engel mit Gasmasken oder einen Papst mit nackten Mätressen aufregen und deswegen ein Kruzifix mit einem Brett zunageln, um dem Gekreuzigten den Anblick eines "schändlichen Mach- und angeblichen Kunstwerks" zu ersparen.

Sein wohl berühmtestes Produkt, die vollbusige "Imperia" im Hafen von Konstanz, hievte er vor gut zehn Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion auf ihren Sockel - und musste sich vorwerfen lassen, er mache ein blasphemisches Kunstwerk zum Wahrzeichen der Stadt. Inzwischen stört sich kaum jemand mehr an dem nackten Papst und dem nacktem Kaiser, die auf den Händen der Kurtisane thronen. Obwohl, sagt Lenk augenzwinkernd, das ja eigentlich nur Gaukler seien, die sich der Insignien der hohen Herren bemächtigt hätten...

"Make love and war"

Freizügig hat er jüngst auch Rudolf Scharping dargestellt, den durch seine Flirts im Pool ins Gerede gekommenen ehemaligen Verteidigungsminister. "Make love and war" lautet dessen Motto nach Lenk'scher Auffassung, und der "Oberstaatsbootmann" auf einem U-Boot grüßt dann auch nicht nur militärisch zackig, sondern zeigt deutliche Regungen in der Hose, weil nebenan eine nackte Frau lockt.

Wobei sich Lenk dagegen wehrt, immer nur als Schöpfer praller Geschlechtsteile angesehen zu werden: "Viele meiner Skulpturen kommen ohne sexuelle Darstellungen aus." Das seiner Meinung nach provokanteste Kunstwerk ist ohnehin die "Karriereleiter", bei der Männer in Aktentaschen nach unten treten und gleichzeitig versuchen, sich nach oben zu hangeln.

Lenk sagt von sich, er arbeite gerne im Verborgenen. Den Skulpturengarten in Bodman schützt an einer Stelle ein meterhoher Holzzaun - und obwohl dahinter eigentlich nichts zu sehen ist, treffen sich hier bisweilen Neugierige, die auf Zehenspitzen stehend durch die Ritzen blicken. So spielt Lenk nicht nur mit seiner Kundschaft, sondern eben auch mit den unangemeldeten Besuchern.

"Ich reise nicht mehr, ich bin schon 85 Jahre alt", hat er den Redakteuren eines Fernsehsenders mit brüchiger Stimme weisgemacht, die ihn als streitender Gast in eine Talksendung einladen wollten. Und der Mann mit Schnauzer und üppig wallendem Haar will sich auch nicht neben seinen Skulpturen fotografieren lassen: "Das sieht doch abscheulich aus."

Dieses spleenige Einsiedlertum hat indes auch ihren Preis. Einmal, da stand der Bildhauer vor seinem Konstanzer "Triumphbogen", betrachtete die 30 skurrilen Brunnenfiguren zum Thema "Autowahn" mit unzähligen Motor-Narren. Ganz besonders stolz ist er auf die Fabeltiere am Boden, die er als "Erdferkel mit badischen Honoratiorenschädeln" bezeichnet. Zwei junge Damen standen davor, amüsierten sich über die imposanten Hodensäcke und fragten sich: "Was will der Künstler damit ausdrücken?" Peter Lenk war bereit, es ihnen zu erklären. Zwei abschätzige Blicke trafen ihn und eine deutliche Antwort: "Von Ihnen wollen wir das gar nicht wissen."

Wissenscommunity