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Das Inselduell: Sylt gegen Rügen

Ewig wie das Meer ist der Streit unter Urlaubern: Welche Insel ist schöner? Der Sandhaufen in der Nordsee oder die Kreidefelsen in der Ostsee? Wolfgang Röhl kommt zu einem eindeutigen Ergebnis.

Der Spitzbart hasste die Insel. Badewanne des Klassenfeindes, Inbegriff der bourgeoisen Sommerfrische. 1953 ließ er in der "Aktion Rose" die schönen Hotels mit ihren aufgeputzten Fassaden enteignen. Die meisten Besitzer flohen gen Westen. Und dann setzte Walter Ulbricht, Zonenvogt von Stalins Gnaden, den verbliebenen Insulanern öde Plattenbauten vor die Nase. Zum Beispiel rund um die Friedrichstraße, wo …

Halt. Stopp. Alles auf Anfang. Da sind Notizzettel durcheinander gekommen. Das mit der "Aktion Rose" stimmt, geschah aber in Binz auf Rügen. Unser aktueller Standort ist die Friedrichstraße in Westerland auf Sylt. Auch hier sieht's aus, als hätten sich Ulbrichts Baubrigaden ausgetobt. Ein Appartementmeer aus Platte und hellem Klinker, gekrönt von Hochhausschachteln und einem monströsen Funkturm. Am Ballermann des Nordens, Westerlands Friedrichstraße, hocken bauchige Männer brustfrei vorm Bier, während ihre Frauen die Ramschläden plündern.

Thriller für Leib und Seele

Aber dann! Sobald der Sylt-Besucher das Westerländer Elend hinter sich hat und auf einem Dünenkamm steht - egal an welchem Abschnitt der 38 Kilometer langen Westküste, Sturm im Haar, Salzluft in der Nase, Augen auf unendlich gestellt, in den Ohren das Geschrei der Möwen und das Brüllen der Brandung -, geht ihm die Sonne des Urlaubsglücks auf. Kein anderer Ort bietet dieses Ur-Bild aus Kindertagen. Blauweiße Sand- und Strandkorbseligkeit, in Kombination mit einer archaischen Natur, der alles zuzutrauen ist - auch die alles verschlingende Flut. Allein das Brandungsbaden! Beschränkt sich ja nicht darauf, den Körper in H₂O zu tunken. Nein, das Klatschen der Gischt auf die Haut und das Einatmen der Aerosole machen euphorisch, regelrecht irre. Sylt ist ein Thriller für Leib und Seele. Man sagt, es mache Gesunde stärker und gäbe Moribunden den Rest.

Historie zum Grabschen in Stralsund

Auf Rügen wird man netter empfangen (siehe interaktive Grafik). Die Hansestadt Stralsund liegt zwar nicht direkt auf der Insel, aber unmittelbar davor: wassergerahmte Perle der Backsteingotik, noch nicht gänzlich saniert, aber voller Leben. Die Steine des altehrwürdigen, prachtvoll verzierten Rathauses anzufassen oder die der mächtigen St. Nikolai-Kirche, erzeugt ein seltsames Gefühl, so etwas wie ergrabschte Historie. Stralsund als Aperitif, und ab nach Rügen.

Früher war der Rügendamm gefürchtet, weil oft verstopft. Seit 2007 führt die längste Brücke Deutschlands - 200.000 Tonnen Beton und Stahl! - auf die Insel. Wer die Magie der allerersten Eindrücke liebt, biegt gleich dahinter in Richtung Gustow ab und fährt via Garz viele Kilometer durch jene dichten, dunkel umgrünten, tunnelartigen Alleen, für die Rügen berühmt ist. Um in Putbus in der letzten planmäßig erbauten Residenzstadt Europas zu landen, mit akkuraten Parks und klassischen weißen Palästen. In der Gruft der - bei Regen wundervoll gruseligen - Kirche von Vilmnitz ruht viel nobles Gebein in zerfallenen Prunksärgen.

Noch weiter gen Osten, und man ist in Binz, Rügens Vorzeigeort. Das mondänste Seebad der wilhelminischen Gesellschaft war es, das Ulbrichts Wut - siehe oben - weckte. Er machte daraus ein Zentrum des FDGB-Tourismus, den Urlaubsangeboten des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Binz verkam unter den Massen, behielt aber seine Bausubstanz. Die ist mit viel Geld aus dem Westen saniert und erweitert worden. Die Bäderarchitektur - der phantasievolle Stilmix der zwischen 1890 und 1910 gebauten Hotels und Pensionen mit ihren ziselierten Veranden -, ist hier grandios wiederauferstanden. Skandinavier kommen zuhauf, um das noble Flair zu schnuppern.

Sylts Promenade ist überschätzt

15 Autominuten ist es von Binz bis zu den Einsamkeiten windiger, wogender Boddenlandschaften. Bodden sind die schilfgesäumten Flachgewässer um und innerhalb der Insel. Auf Rügen hat man es zum Wasser nirgendwo weiter als sieben Kilometer. Die Halbinsel Mönchgut südlich der Prachtbäder Binz, Sellin und Göhren: Dorado der Leere. Noch abseitiger liegt Bug im Norden, wo man vom Isthmus auf zwei Gewässer gleichzeitig blickt. In Sichtweite der schroffe Norden von Rügens autofreier Schwesterinsel Hiddensee, die vollkommen solitär wirkt. Das definitive Ende Rügens scheint am Liddower Haken erreicht. Ein entrückter Platz, wo sich Kranich und Rohrdommel gute Nacht sagen. Wer kein Navi hat, findet nur mit Mühe hin.

Größe, die überzeugt

Es gibt viel mehr zu tun und zu sehen auf Rügen als auf Sylt. Buchenwälder und Kreideküsten, Schlosshotels und Kranichzüge - auf Rügen kann man sich mindestens sechs Tagen lang ganz unterschiedliche Pakete packen. Kein Wunder, die Insel ist zehnmal so groß wie der Sandhaufen in der Nordsee. "Nach Sylt fliegt man am Freitagabend hin, geht essen und guckt, wer alles da ist", sagt Ralf Hots-Thomas, Geschäftsführer der Tourismuszentrale Rügen. "Rügen hat eine ganz andere Klientel. 68 Prozent der Gäste suchen laut Umfrage das Naturerlebnis."

Doch auch Sylt, die Insel mit dem Hering in der Flagge (dänisch "Sild"), hat Plätze zum Verlieben. Reetgedeckte Kapitänshäuser hinter mit Heckenrosen überwachsenen Steinwällen. Jedes Anwesen eine ästhetische (und pekuniäre) Preziose. Keitum ist fraglos das schönste Dorf, Refugium für Stammgäste mit Geschmack und nicht zu schmaler Brieftasche.

Fluglärm und Bettenburgen

Doch warum ist gerade hier die Stimmung manchmal mies? Es hat auch damit zu tun, dass vor allem Keitum den Lärm abkriegt, den die Explosion des Flugverkehrs - 100 Prozent mehr Passagiere in einem einzigen Jahr - verursacht. Überhaupt murren viele Insulaner, weil ihnen die großen Räder nicht gefallen, die auf der Insel gedreht wurden und noch werden. Projekte wie das Tui-Hotel in Rantum oder das jüngst in Hörnum eröffnete, mit Zedernholz verkleidete, ganz Sylt-untypische Hotel Budersand nebst Golfplatz. In der guten Stube einer Freundin sitzen Maike Ossenbrüggen, die Ferienwohnungen vermietet und im Söl´ring Foriining (Sylter Verein) arbeitet, und die Keitumer Denkmalschützerin Traute Meyer. Wie sie da wettern gegen dämliche Lokalpolitiker! "Gibt genug Betten auf der Insel! Warum müssen wir immerzu wachsen? Ruhe ist es doch, was die Gäste hier suchen!"

Keine Stars, kaum Sternchen

Auf Rügen angesprochen, lächeln sie aber bloß milde. "Ein paar von unseren Gästen waren mal da. Im nächsten Jahr kamen sie wieder nach Keitum", sagt Frau Ossenbrüggen. "Wir haben so viel Schönes hier!"

Sylts Promidichte freilich wird überschätzt (siehe interaktive Grafik). Nur wenige wirklich Einflussreiche urlauben in Sylt, wie die Verlegerin Friede Springer. Ausländische Superstars? Never ever. Der letzte Weltmann, dessen Name auch für Sylt stand, war Gunther Sachs. Gefühlte 100 Jahre ist das her.

Und Rügen? Rügen ist fast promifrei. Da geht höchstens mal ein Mitglied der Gruppe "Puhdys" um, die zu DDR-Zeiten als Rockband galt. Oder es spielen die ollen Knautschzonies von der Combo "City" in Sassnitz auf. Dem sommerlichen "Meerkabarett" in Sylts Rantum setzt Rügen die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek entgegen. Doch nichts auf Rügen kann dem realsatirischen Auftrieb am Strönwai von Kampen das Salzwasser reichen.

Zwischen Whiskystraße und Gogärtchen

Menschen, die über etwas Geld verfügen - so der Inhaber einer Fabrik für Sanitäreinrichtungen - führen auf der "Whiskystraße" ihre Porsches Cayenne Gassi. Shoppen in umliegenden Boutiquen, bis die goldene Amexkarte glüht, schlabbern unter den Sonnenschirmen von "Gogärtchen", "Rauchfang" und "Leysieffer" Schampus, das Gläschen bis zu 16 Euro. Ein Hummer-Geländewagen röchelt heiser über die Hauptstraße. Aus einem tiefliegenden AMG-Mercedes quält sich ein sonnengegerbter Graukopf, im Schlepptau die unvermeidliche Bulgaribehängte.

Kampens Angeber-Zoo verlangt keinen Eintritt und lockt daher auch Bustouristen an. Zwei von ihnen entdecken im Schaukasten eines Maklerbüros ein "Einzelhaus mit Ausblick" für 4.450.000 Euro. Und versichern sich fröhlich, dass sie nie und nimmer so bekloppt wären, derlei Mondpreise zu zahlen, "un wänn isch de Schäckpott knacke tät". So ist denn Kampen letztlich für alle ein Gewinn.

Keine Dünen, keine Kurtaxe

Im Gegensatz zu Sylt hat Rügen keine Dünen, die Erwähnung verdienten. Aber auch keine Kurtaxen-Sheriffs am Strand, wie Sylt. Der Obolus wird über die Vermieter eingetrieben, Tagesgäste kommen ungemolken davon. Was dafür entschädigt, dass Rügens Strände nicht sehr breit sind und dass die Gastronomie vorwiegend bescheiden ausfällt. Rügen ist Räucherfischland. Den Ruch von Räucheröfen erschnuppert man an vielen Ecken. Der Fisch kommt meist fangfrisch aus den Bodden - im Gegensatz zu Sylt, wo die der meiste Fisch vom Festland kommt - und hüpft ohne Schnickschnack auf den Teller. Obwohl Rügen mittlerweile auch feinere Adressen besitzt: Die Lachsmanufaktur in Gagen zum Beispiel, mit dem hübsch gestylten Restaurant "Alte Bootswerft".

Rügen hat die Nase vorn

Gewiss, Rügen hat auch Schwächen. Westdeutschen stößt der graue Ostmuff auf, den die Insel hier und da noch immer verströmt. Verfallene Häuser, marodes Pflaster. Ostalgische Ausstellungen stinkender DDR-Zweitakter. Büros, in denen SED-Erben irgendeiner "Volkssolidarität" nachgehen. Der Umstand, dass man alle naselang durch irgendeine Karl-Liebknecht- oder Ernst-Thälmann-Straße fährt.

Und trotzdem, Rügen hat für mich die Nase vorn im Inselrennen. Mehr Raum. Mehr Freiheit. Mehr Abwechslung. Mehr Kultur. Weniger Nepp. Kaum PS-Protze. Keine Society-Schnepfen. Alles Garanten für einen entspannten Urlaub.

Nur eine Kleinigkeit stört. Die hat es in sich. Rügen liegt leider am falschen Meer. Die Ostsee ist eine Badewanne. Die Nordsee ein Whirlpool. Darin, und nur darin, liegt der Grund, weshalb es Sylt niemals bange werden muss.

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