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Ferien vom Discounter: Vorsicht vor der Reise-Resterampe

Ein Pfund Butter, einen Liter Milch und dann bitte noch eine Kreuzfahrt in die Karibik - jeder Supermarkt hat inzwischen Urlaubsreisen im Angebot. Doch Vorsicht: Die Ferien vom Discounter sind nicht zwangsläufig ein Schnäppchen.

Von Swantje Dake

69 Euro für ein Wochenende in Prag - das klingt verlockend. 779 Euro für neun Tage Thailand - das scheint ein unschlagbares Schnäppchen. Der bunte Prospekt mit Städtetrips, Traumstränden und Familienurlaub auf dem Bauernhof liegt zwischen Äpfeln, dem Stück Gouda und der Nudelpackung im Einkaufswagen. Ab an die Kasse des Supermarktes und auf in die Ferien!

Doch so unkompliziert wie der Lebensmittelkauf ist die Urlaubsbuchung nicht. Obst und Käse zahlt man an der Kasse. Für den Reisekauf muss man erst nach Hause gehen, eine gebührenpflichtige Hotline wählen oder sich vor den Computer setzen. Und dann sollte man vor allem das Angebot genau lesen, nachrechnen und vergleichen, ob das Schnäppchen wirklich eines ist. Denn hinter den plakativen Niedrigpreisen verstecken Reiseveranstalter gern ihre Restkontingente, die mitunter wenig attraktiv sind und im Nachhinein teuer werden können.

"Wirklich günstige Reisen vom Discounter gibt es höchstens in der Nebensaison", so Achim Schröder von der Stiftung Warentest. Aber auch da sollte der Urlaubswillige vergleichen. "Lassen Sie sich vom Preis nicht blenden. Gucken Sie genau, wo das Hotel liegt und welche Leistungen im Angebot enthalten sind", rät Schröder.

Günstiger als Aldi

Das Prager Design-Hotel "Andel's", das Aldi im Mai-Katalog für 69 Euro pro Wochenende feil bietet, liegt nahe der Altstadt, macht auf der eigenen Homepage einen modernen Eindruck und erhält gute Bewertungen in Hotelportalen. Aber das Wochenende könnte man auch direkt beim Hotel für den gleichen Preis buchen. Und auch die Traumreise nach Thailand gibt es bei Bucher, der Last-Minute-Marke von Neckermann, zum gleichen Zeitraum und mit dem gleichen Abflugort bereits für 140 Euro weniger.

"Die Kernkompetenz von Aldi oder Tchibo liegt darin, dass sie alles verkaufen können", sagt Karl Born, Honorarprofessor für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Harz. Kaffee, Küchenprodukte und seit einigen Jahren auch Reisen. "Niemand überprüft, ob die Produkte der Discounter wirklich günstig sind", so Born. Dabei verhalte es sich mit den Reisen, so ein Insider, wie mit dem restlichen Angebot der Discounter auch. Einige Produkte sind günstig, einige richtige Schnäppchen, aber für Markenprodukte zahle man den gleichen Preis wie im gehobenen Supermarkt.

Ein bisschen Tui steckt überall drin

Kaffeeröster Tchibo bietet seit mehr als zehn Jahren Urlaub an. Penny und Plus sind schon mehrere Jahre im Geschäft. Vor drei Jahren begann Lidl, vor zwei Jahren Aldi. Erst zögerlich mit nur fünf Reisen im Monat. Mittlerweile ist das Angebot breit und vielfältig, viele Lebensmittelketten haben eigene Reiseseiten im Internet geschaltet. Dabei sind die Discounter, Super- und Baumärkte nur Vermittler, nicht Veranstalter. Die bekannten Namen der Branche findet man nicht zwischen Konserven und Gemüsekisten. Tui und Thomas Cook spielen dennoch mit. Paneuropa, dessen Reisen bei Lidl und Plus im Regal stehen, gehört zu Thomas Cook. Berge & Meer, deren Reisen bei Praktiker, Tchibo und Aldi feilgeboten werden, ist die Direktvertriebstochter von Tui.

Der Direktvertrieb, also der Verkauf vom Veranstalter direkt an den Kunden ohne ein zwischengeschaltetes Reisebüro, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Vertriebsweg entwickelt. Anfang des Jahres kurbelte die Reederei "Aida" ihren Verkauf durch eine zeitlich begrenzte Aktion mit Tchibo an. Günstiger waren die Kreuzfahrten nicht. Die Hoffnung der Reederei: Mit der Werbung werden Kaffeekäufer zu Kreuzfahrern, die vorher gar nicht an einen Urlaub auf dem Wasser gedacht haben.

Restkapazitäten der Reiseveranstalter

Die Direktvertreiber produzieren Reisen nach dem Baukastenprinzip. Ein günstiger Flug von dort, eine preiswerte Unterkunft von hier, dazu noch ein Kaufanreiz wie ein Tankgutschein, ein Abendessen bei Kerzenschein, eine Riesenradfahrt. "Weiße Ware" nennt die Branche diese Reisen, die die Veranstalter nicht unter ihrem Namen anbieten wollen oder können.

Es sind Restkapazitäten, die unter einem neuen Namen angeboten werden. Nicht die unverkauften Katalogurlaube, sondern Hotel- und Flugkapazitäten, die die Veranstalter eingekauft haben, aber noch nicht abgesetzt haben. "Die größten Verluste fahren Hoteliers und Fluglinien ein, wenn sie nicht voll ausgelastet sind", erklärt Born. Ob ein Flugzeug mit 120 oder mit 145 Passagieren abhebt oder ein Hotelbetrieb mit 450 oder 500 Gästen läuft, spiele für die Kosten kaum eine Rolle. "Aber zusätzliche Passagiere und Gäste essen, trinken, kaufen ein, schaffen also Umsatz. Daher werden Betten und Flugzeugsitze billig verkauft, um den Umsatz zu steigern", so Born. Ein Hotelier, dessen Haus im November leer steht, überlässt seine Betten für wenig Geld einem Direktvertrieb. Das bringt Umsatz und die Garantie, dass das Haus ausgelastet wird.

Qualitätsabstriche sind somit nicht zwangsläufig zu befürchten. Man sitzt zumeist im gleichen Flugzeug oder liegt am gleichen Hotelpool wie Urlauber, die beim großen Veranstalter oder im Reisebüro gebucht haben. In den Katalogen sind die Reisen so nicht zu finden. "Der Kunde soll nicht so leicht vergleichen können", so Born. Er rät nachzufragen, welche Veranstalter das Hotel in ihrem Katalog haben und die Fluglinie in Erfahrung zu bringen. So kann man sich vor unliebsamen Überraschungen schützen und den Preis einschätzen.

Wie groß der Anteil des Direktvertriebs am Reisemarkt ist, wollen die Veranstalter nicht mit Zahlen belegen. Branchenführer "Berge & Meer" will lediglich seine Qualität mit 500.000 Kunden pro Jahr unterstreichen, über Daten und Vereinbarungen mit Aldi verliert das Unternehmen kein Wort. Aldi schweigt ebenfalls. "Für die Discounter ist der Reisemarkt noch keine große Nummer", sagt Tourismus-Professor Born. "Der Gewinn ist gering. Es ist eine Marketingaktion, um präsent zu bleiben und das eigene Angebot abzurunden." Für die Direktvertreiber sind die Supermärkte ein weiterer Vertriebsweg, der, so ein Insider, auf hohem Niveau wachse.

Wenig Auswahl, keine Beratung

War der Urlaub doch nicht so schön wie erhofft, das Hotel dreckig, das Essen kläglich, die Fahrt im Riesenrad nicht möglich, hilft eine Beschwerde bei der Kassiererin nicht. Der Reiseveranstalter ist verantwortlich - und der ist nur über eine Hotline oder schriftlich zu erreichen. "Wer bei den Preisen spart, ist bei der Erstattung selten großzügig", so Born. Da es bei Reisen aus dem Discounter zudem keinen Katalog gibt, sollte man zumindest den Prospekt oder die Anzeige aufheben, um der Stimme aus dem Callcenter etwas entgegen halten zu können.

"Die Reisen werden immer nur für bestimmte Zeiträume, häufig in der Nebensaison angeboten", so Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV). So gibt es den günstigsten Thailand-Preis nur für das Drei-Sterne-Hotel und nur an drei Terminen im Mai und nur, wenn der Flug in Berlin startet. Will man höherwertig wohnen, anders fliegen oder zu anderen Terminen fahren, erhöht sich der Preis um 340 Euro. "Jeder Supermarkt arbeitet nur mit einem Veranstalter zusammen. Die Auswahl der Reiseziele und der -termine ist stark eingeschränkt", so die Sprecherin des DRV, der sowohl Reiseveranstalter als auch Reisebüros vertritt.

Während die Veranstalter davon profitieren, dass ihre überschüssigen Kapazitäten einem breiten Publikum angeboten werden, das eigentlich nur Butter und Milch kaufen wollte, aber jetzt doch auf eine Urlaubsidee gekommen ist, sind die Reisebüros die Leidtragenden der Supermarktverkäufe, da sie im Direktvertrieb überflüssig werden. Beratung von der freundlichen Dame an der Kasse oder dem smarten Studenten, der die Regale bestückt, dürfen Urlaubswillige nicht erwarten. Die findet - wenn überhaupt - an der gebührenpflichtigen Hotline statt.

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