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Leipzig: Auferstanden aus Ruinen

Schon mal auf den "Drallewatsch" gegangen? So nennt man in Sachsen den Kneipenbummel, die abendliche Tour durch Bars und Restaurants. Es lohnt sich! Ein Besuch in Leipzig, der Nightlife-Metropole des Ostens.

Von Helge Bendl

Was haben sie hier früher gespeist und getrunken, oft eher gefressen und gesoffen! Ein Mahl in 16 Gängen ließ sich Johann Sebastian Bach auftischen, nachdem er die neue Orgel der Liebfrauenkirche geprüft hatte - der opulente Orgelschmaus ging in die Geschichte ein. An heutige Essgewohnheiten angepasst serviert man ihn im Barthel’s Hof jetzt nur noch in fünf Gängen. Ein paar Schritte weiter, in Auerbachs Keller, war der junge Goethe zu Gast und schrieb Liebesgedichte an sein Käthchen oder seine Friederike, sicher genau so attraktiv wie die Studentinnen, die heute durch die restaurierten Passagen schlendern.

Gose - Weißbier mit Salz und Koriander

Eine Stadt der Musiker und Dichter also, dieses Leipzig. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Verse aber holpriger - vor allem, wenn eine Kneipentour ansteht, Ende offen, denn so etwas wie Sperrstunde (die lange von ihr geplagten Süddeutschen mögen sich erinnern) kannte man in der Stadt des Spätverkaufs noch nie. In der trotz seines nicht unbedingt allzu kreativen Namens gerade angesagten Bar "Barcelona" in der Gottschedstraße werden die Schönen der Nacht erst später ihren Auftritt haben, und auch für einen Cocktail im "Falco" im 27. Stockwerk des Westin-Hotels (hier kommt Leipzig dem großen New York so nahe wie nirgendwo sonst) ist es noch zu früh. "Was unter den Blumen die Rose, ist unter den Bieren die Gose!", ruft der angeheiterte Lokalpatriot und schleppt den unwissenden Gast in eine Gosenschenke.

Gose? Die Sachsen braten auch in Sachen Bier eine Extrawurst: Gose ist ein obergäriges, leicht säuerliches Weißbier mit 4,5 Prozent Alkoholgehalt. Reinheitsgebot hin oder her, die Braumeister würzen mit Kochsalz und Koriander; der säuerliche Geschmack ist biologischer Milchsäure zu verdanken. Erfunden haben es die Brauer in Goslar und nach dem Flüsschen Gose benannt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlagerte sich der Schwerpunkt vom Harz in das Gebiet des Fürstentums Anhalt. Fürst Leopold von Anhalt-Dessau soll die Gose 1738 in Leipzig eingeführt haben - mit Erfolg: Um 1900 war die Gose das meistgetrunkene Bier der Messestadt.

Heute führt sie ein Schattendasein, kann sich kaum gegen Radeberger und Köstritzer behaupten. Doch immerhin mehr als 40 Lokale schenken die Gose aus, manchmal auch als Mixgetränk: "Sonnenschirm" heißt die Gose, wenn Sirup sie verzuckert, und für Mon-Chérie-Liebhaber gibt es sie als "Frauenfreundliche" mit einem Schuss Kirschlikör. Wer’s urig mag, sollte sich zum Gose-Trinken in die Menckestraße 5 aufmachen: "Ohne Bedenken" ist die einzige noch existierende Gosenschenke an historischer Stelle.

Leipziger "Freisitzkultur"

In München rühmt man sich etwas selbstgefällig, die italienischste Stadt nördlich der Alpen zu sein. Auch wenn es nur vier Stunden nach Mailand sind und der Latte-Macchiato-Konsum rekordverdächtig ist, fehlt an der Isar aber trotzdem oft die Leichtigkeit. Zugegeben: Nun hat der für Menschen, die aus anderen Teilen der Republik stammen, leicht gewöhnungsbedürftige Akzent der Sachsen nur wenig mit dem melodisch-barocken Geschnatter gemeinsam, das man in Straßencafés von Palermo bis Genua erlebt. Was Sachsen und Italiener aber verbindet, ist der Drang nach draußen, sobald sich auch nur ein einziger Sonnenstrahl zeigt (oder in den kalten Wintermonaten ein Heizstrahler Wärme spendet).

In Leipzig spricht man stolz von "Freisitzkultur" und meint damit nicht nur die Holzbänke der Biergärten. Die meisten der über 1400 Restaurants und Kneipen bieten Sitzplätze unter freiem Himmel. Kein Zufall: Zum einen werden in Leipzig großzügiger Genehmigungen erteilt als in vergleichbaren Städten, zum anderen gibt es auch genügend Platz: Viele Messehäuser haben Innenhöfe, die Innenstadt ist in weiten Teilen verkehrsberuhigt, und die Fußwege wurden vielerorts verbreitert.

Lange Nächte und zum Abschluss gibt es süßen Kaffee

Wer in Leipzig etwas erleben will, muss sich deswegen entscheiden, wohin die Reise gehen soll - oder, noch besser, die Tour auf mehrere Tage aufteilen. Rund um das Barfußgässchen haben sich zwei Dutzend Leipziger Wirte vor gut zehn Jahren zusammen geschlossen und ihrem Areal ganz selbstbewusst eben jenen ursächsischen Namen gegeben, der ein Synonym ist für "einen drauf machen": "Drallewatsch". Hier beschnuppern sich Einheimische und Touristen gleichermaßen. Flippiger wird es im so genannten Schauspielviertel rund um die Gottschedstraße. Der Waschsalon "Maga Pon" hat sich zur Kultkneipe gemausert – was auch damit zu tun hat, dass das Lokal für den "Tatort" Lokalkolorit liefern durfte.

Links-alternativ dachte man ab Anfang der 90er Jahre im Stadtteil Connewitz: Hier, auf der "Südmeile", trafen sich damals Hausbesetzerszene und Clubber in provisorischen Lokalen, oft am Rande der Legalität. Inzwischen ist alles etwas gesetzter, aber immer noch bunt genug. Und wer nach einer langen Nacht im Westen der Stadt, in Plagwitz, venezianische Gondeln zu erblicken glaubt, hat richtig gesehen: Sie verkehren hier tatsächlich auf zahlreichen Kanälen, und am Ufer gibt es Cafés und Restaurants - mit Alkohol und am Morgen dann mit starkem, süßen Kaffee. Den braucht man auch nach einer nächtlichen Tour durch die Stadt. Und er sollte so sein, wie ihn einst ein Kardinal wie im Rausch beschrieb: "Schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle, rein wie ein Engel, süß wie die Liebe."

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