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Norddeutsches Wattenmeer: Der platte Dschungel

Wer sich auf eine Reise in den hohen Norden begibt, findet eine faszinierende Welt an, deren Herrscher nicht auf Erden wandelt. Hier trifft der Meeresgrund den Horizont: im Wattenmeer am der deutschen Nordseeküste.

Von Erdmann Wingert

Es ist dieser Himmel, der überwältigt, der Wechsel seiner Farben, die Pracht seines Sonnenuntergangs. Jede Tages- und Nachtzeit am Meer besitzt eine eigene Atmosphäre, die freier atmen lässt. Man durchwandert sie bis zur schönsten Erschöpfung: Auf Deichkämmen gegen den Wind gebeugt, Tanggeruch und Salzgeschmack in Nase und Mund, wenn flaschengrüne Wellen anrollen und sich Schaum spuckend brechen. Am schönsten aber bei Ebbe an stillen Sommertagen, wenn es über die salzige Grauzone zwischen Land und Meer geht.

Bleigrau liegt sie unter nackten Füßen, im Wellenschlag der Flut geriffelt, von Kothäufchen des Pierwurms gesprenkelt, am Horizont mit Vogelschwärmen bewölkt. Lau und tonig schmatzt Schlick durch die Zehen, wadentief die Stapfen in der weichen Wattwölbung des Prielufers. Kleine schweflig riechende Pfützen suppen in den Spuren. Die nächste Flut wird sie tilgen. Denn nichts - außer dem Wandel - ist beständig in diesem Sechsstundenland, das nach dem Mond geht.

Der Herrscher des Wattenmeers

Er nämlich beherrscht dieses amphibische Zwischenreich, das nicht Land ist und nicht Meer. Ein ferner, in die Schwerkraft der Erde gehängter Trabant, der den Pendel der Gezeiten schwingt und Naturgewalt ausübt: Mit der Ebbe saugt er das Meer ab - bis zu zwanzig Kilometer nach Westen, mit der Flut pulst sechs Stunden später das Wasser zurück, quillt aus dem Adernetz der Priele. Läuft gurgelnd über Muschelbänke, und wenn ein Sturm beispringt auch übers Vorland, überspült Lahnungen und Salzwiesen, schäumt in schlimmen Fällen über Warften und Deiche, bricht jeden Widerstand, alles, was Kanten und Ecken entgegensetzt, ersäuft Mensch und Tier. Manchmal zu Tausenden.

In der ersten "groten Mandränke" von 1362 wischte eine Sturmflut die nordfriesische Küste, die damals noch im weit vorgelagerten Bogen zwischen Sylt und der Halbinsel Eiderstedt verlief, in wenigen Stunden von der Landkarte, schlug das dicht besiedelte, moorige Land in ein Dutzend Stücke, die knapp dreihundert Jahre später erneut in einer Sturmflut zerbrachen. Damals zerriss die Insel Strand in drei Teile. Pellworm, Nordstrandischmoor und Nordstrand heißen sie heute.

Man vergisst so etwas leicht und gern, wenn es übers Watt geht, das sich bei Ebbe so sanft gibt. Kaum vorstellbar, dass hier zwischen Nordstrand und den Halligen, die ein paar Kilometer entfernt über einer silbrigen Wasserlinie zu schweben scheinen, die alte reiche Handelsstadt Rungholt in einer Nacht mit Mann und Maus versank. Aus Hochmut sei sie gefallen, sagt Detelev von Liliencron, der Dichter und ehemalige Kirchspielvogt von Pellworm. "Trutz, blanke Hans!" hätten die hagestolzen Rungholter Pfeffersäcke dem titanischen Ungeheuer zugerufen, das auf dem Meeresgrund schläft, Ebbe und Flut atmet und eine alles verschlingende Welle speit, wenn man es verhöhnt. "Heut bin ich über Rungholt gefahren", so beginnt die berühmte Lesebuchballade, "die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren..."

Wunderwelt Wattenmeer

Mit Naturgewalten ist nicht zu spaßen, so lautet die Moral des Gedichtes. Erfreulicher ist es, in diesem Wanderrevier aber erst einmal nahe liegendes aufzugreifen und sei es auch nur der Wattwurm. Er ist nicht so einfach zu lokalisieren, weil sich das Tierchen in einer dreißig Zentimeter tiefen, U-förmigen Röhre vergräbt und nur durch seine allgegenwärtige, in Spiralen aufgehäufte Verdauung zu orten ist.

Aber höchst wunderlich scheint es doch, dass dieser Wurm, Arenicola marina, an einem Ende seiner U-Röhre puren Sand verschlingt, was an abertausend flachen Mulden im Watt zu erkennen ist, um sich am anderen Ende in höchster Eile zu entleeren, was aussieht, als drücke da jemand graue Zahnpasta aus einer unterirdischen Tube. Die Eile tut Not, denn bei Flut schnappen Schollen, bei Ebbe Vögel nach seinem nahrhaften Hinterteil, das zum Glück und nach Würmerart auch mehrfache Amputationen regenerieren kann.

So trägt sogar ein schlichter, Sand fressender Wurm seinen Teil dazu bei, dass im Wattenmeer Fische gedeihen, Jungtiere vor allem, die später die Nordsee besiedeln. Den überreich sprudelnden Nahrungsquellen des Watts - Standort, Laichgrund und Kinderstube für zwanzig Fischarten, darunter Scholle, Seezunge, Aal, Hering und Makrele - verdanken wir es, dass die Nordsee noch immer eines der ertragreichsten Fanggebiete der Weltmeere ist. Allerdings auch eines der am stärksten gefährdeten.

Doch solange noch Pierwürmer und abertausend andere amphibische Lebewesen im Watt gedeihen, ist nichts verloren. Auch Muscheln bilden ein wichtiges Glied der Nahrungskette, die sich im Watt von schwebenden einzelligen Algen über Plankton bis zu Krabben, Fischen und damit bis zum Menschen aufbaut. Muscheln schleusen Unmengen Wasser durch ihren Organismus. Die nur ein bis zwei Zentimeter großen Plattmuscheln fahren dazu eine Art Schnorchel aus, bis zu zehn Zentimeter lang, der wie ein Staubsauger funktioniert, mit dem Wasser winzige Lebewesen einzieht, aussiebt, verdaut und als Kotbällchen auf dem Grund absetzt, womit er erheblich zur Landgewinnung beiträgt.

Die See gibt mehr, als sie nimmt

Forscher haben errechnet, dass im Sommer jede Woche das gesamte Wasservolumen des Wattenmeers einmal die Kiemen der unzähligen Muscheln passiert - eine wahre Sintflut, wenn man sich die Dimensionen dieses rund fünfhundert Kilometer langen Gebietes vor Augen führt, der größten zusammenhängenden Wattfläche der Welt, die vom niederländischen Den Helder bis zum dänischen Esbjerg reicht und vor der Küste Schleswig-Holsteins bei Ebbe bis zu zwanzig Kilometer weit trocken fällt.

Wissenschaftler haben die Menge der Schwebstoffe, Algen und Sandteilchen geschätzt, die bei jeder Tide mit den Wassermassen durch weit verzweigte, bis zu fünfzig Meter tiefe Wattströme und Priele bewegt werden. Es ist ein stattlicher Berg, der da zwei Mal am Tag konturlos verschwimmt, gefressen, verdaut und ausgeschieden wird, in Buchten anlandet, in denen sich die Strömungen stauen. Hinter den windgeschützten Ostseiten der Inseln können die Feinsedimente absinken und neues Land aufbauen.

Die See gibt mehr, als sie nimmt. Man muss ihr nur Zeit lassen, ein wenig nachhelfen und vermeiden, ihren Gewalten in die Quere zu kommen. "Nie gegen das Meer arbeiten", lautet eine alte Regel der Insel- und Halligbauern. "Nur mit der Natur kannst du hier überleben!" Seit jeher nutzen sie es, dass die Flut mehr Land aufbaut, als die Ebbe nehmen kann. Sie fördern diesen Prozess, indem sie Lahnungsfelder mit reisigumflochtenen Pfahlreihen im Watt abstecken. Sie bremsen das ablaufende Wasser, so dass sich Schlick absetzt. Jahr für Jahr wächst auf diese Weise das Watt um ungefähr drei Zentimeter in die Höhe, bis es die Marke des Normalhochwassers erreicht.

Pionierpflanzen wie Queller und Schlickgras, die durch Drüsen an den Blättern das schädliche Salz aussondern können, siedeln sich an, ihre Wurzeln festigen den schlammigen Grund, ihre Stängel und Blätter fangen wieder Schlick ein. Das Neuland wird jetzt nur noch bei Hochwasser überflutet, eine so genannte Salzwiese ist entstanden, auf der Schafe weiden - ein fruchtbares, kostbares Biotop, das hoch spezialisierte Lebewesen beherbergt: Zwergspinnen, die über und unter Wasser ihre Netze weben, Ameisen, die flutsichere Bunker aus Sand bauen, Blattläuse, die nur überleben, wenn sie einmal mit der Flut weggeschwemmt werden.

Mehr als sechshundert Arten solcher kleiner Lebenskünstler gibt es, die nur auf Salzwiesen existieren können. Dazu die Millionenschar der Vögel, die zumeist beides, Watt und Salzwiesen zum Leben brauchen. Sie kommen zum Großteil aus entlegenen Gebieten der Welt, Austernfischer und Pfuhlschnepfen aus Russland, Steinwälzer und Knutts aus Nordkanada im Nonstopflug über den Atlantik, um hier zu überwintern, zu rasten, zu mausern, um sich eine Speckschicht anzufressen.

Denn kein Gebiet der Erde - außer tropischen Mangrovensümpfen - ist reichhaltiger mit Nahrung versorgt als das Wattenmeer, auch als "platter Dschungel" bezeichnet, der bis zu vierzigtausend Kleinkrebse, an die zehntausend Schnecken und neunhundert Würmer auf einem Quadratmeter seiner Fläche bereit hält. Man geht behutsamer darauf herum und damit um, wenn man das weiß.

Bedrohte Inselwelt

Die Tiere zumindest scheinen es zu wissen, obgleich der Mechanismus ihrer Nahrungsketten darin besteht, sich gegenseitig aufzufressen. Aber anders als der Mensch verstehen sie es, ihre Ressourcen zu schonen, ihre Jagdreviere sinnvoll zu begrenzen und zu nutzen. Da ihre Futtersuche von Art zu Art verschieden organisiert ist, kommen sie sich nicht ins Gehege. Die Knutts zum Beispiel schreiten in Gruppen das Watt ab und picken dabei Schritt für Schritt den Grund durch. Der seltene Säbelschnäbler dagegen mäht mit dem flachen Ende seines nach oben gebogenen Schnabels durch den weichen Boden, um Würmer und Krebse an der Oberfläche aufzuspüren. Steinwälzer stöbern nach Kleinkrebsen unter Steinen und Muscheln, zuweilen auch unter Tangbüscheln, die sie wie Matten aufrollen können.

Staunenswert sind die vielfältigen Methoden, Muscheln zu knacken. Einige Arten des Austernfischers schaffen das mit ihren starken Schnäbeln, Möwen lassen sie manchmal aus großer Höhe auf Steinböschungen fallen, Eiderenten schlucken sie im Stück und zerdrücken selbst dickwandige Kaliber mit ihrem muskulösem Kaumagen zu Grus. Wenn sich die ahnungslosen Viecher jedoch täuschen lassen und statt einer Muschel den Kronenkorken einer Bierflasche schlucken, müssen sie elend verrecken.

Müll dieser Art schwappt an unsere Küsten, mit fatalen Folgen für die empfindlichen Lebensformen dieser Region. Eine nahe liegende Möglichkeit, sie zu schützen, war die Ernennung des Wattenmeers zum Nationalpark. Doch das gut gemeinte Gesetz, das 1985 in Kraft trat, weckte den Zorn der Einheimischen, weil es so ziemlich alles verbot oder zumindest einschränkte, was die Inselwelt vor der deutschen Nordseeküste an alt hergebrachten Nebengeschäften zu bieten hatte: Darunter so genannte Butterfahrten, bei denen man an Bord zollfrei einkaufen durfte, aber auch Wattwanderungen und Baden, Krabbenfang und Muschelernte in besonders schützenswerten Zonen.

Die Wogen der Entrüstung haben sich inzwischen geglättet, die Vorteile einer schonenden Nutzung herumgesprochen. Immer mehr Besucher aus dem Binnenland entdecken die Schönheiten dieser Randregion, die Stimmungen vermittelt wie keine andere Landschaft, ein Dreiklang aus Himmel, Land und Meer in fließenden Übergängen. Die Marsch gehört dazu, die sattgrünen Fettweiden der Köge, von Gräben gerastert, von Deichen begrenzt, die mit ihrem sanft abfallenden Profil ins Vorland über Salzwiesen zum Watt und zur See leiten, darüber ein Himmel, der grenzenlos scheint, bei Sturm und Regen am Horizont mit Land und Meer verschmilzt und in Hochsommertagen Wolkengebirge aus dem Atlantik herbei trägt.

Die Attraktionen des hohen Nordens

Schon im 18. Jahrhundert empfahlen Ärzte das Reizklima, die atmosphärischen Wechselbäder der Küste als Therapie für blutarme und kurzatmige Städter. Die ostfriesische Insel Norderney, 1797 als erstes deutsches Nordseeheilbad gegründet, avancierte zur königlich-hannoverschen Sommerresidenz, dann zum preußischen Staatsbad, wo sich von Heinrich Heine bis zu Otto von Bismarck die Prominenz jeder Couleur einfand. Wyk auf Föhr empfing jeden Sommer die Familie des dänischen Königs, der damals noch Oberhaupt weiter Teile Schleswig-Holsteins war und sich huldreich unters friesische Volk mischte, das zwar kein Wort dänisch sprach, sich dennoch geehrt fühlte - vor allem auch durch die Touristenströme, die der Majestät folgten.

Schon damals hatte es sich herumgesprochen, dass es auf den deutschen Nordseeinseln zwischen Borkum an der Grenze zu Holland und Sylt, Insel der Reichen und Schönen im hohen Norden, noch mehr Attraktionen gibt als frische Luft. Die Sitten und Gebräuche der friesischen Ureinwohner vermittelten ihren Gästen ein Gefühl der Geborgenheit und zugleich Weltoffenheit. Die Friesen lebten vom Meer, aber sie liebten es nicht. Sie wehrten sich gegen seine Gewalten, aber sie lernten dabei seine Gesetze. Sie flohen als Seeleute und Händler in alle Windrichtungen, aber das Heimweh sog sie wie ein Gezeitenstrom wieder zurück.

Sie steckten voller Widersprüche: Ihre Ehrlichkeit, die gastfreundlichen Häuser ohne Schlösser in den Türen und ihre Cleverness in Geschäftsdingen waren berühmt. Ebenso ihre Trinkgelage, die zum Teil umweltbedingt waren. Da auf den Inseln und Halligen oft nur Regen das Trinkwasser lieferte, das in Tümpeln gesammelt wurde und entsprechend muffig schmeckte, veredelten die Friesen ihren Kaffee und Tee mit kräftigen Schüben Zucker, Sahne und Alkohol. Unzählige Varianten mit harmlos klingenden Namen und verheerenden Wirkungen bieten sich den Friesen und ihren Gästen bis heute zum "Dunsupen" an: Smutje und Möwenschiss heißen sie, Helgoländer und Pharisäer, Heulboje und Cardinal. Jede Insel und Hallig hat ihre Spezialitäten, gemeinsam ist allen das Grundrezept: Nur soviel Kaffee oder Tee in die Tasse geben, dass der Zucker schmilzt und darauf Branntwein bis zum Rand.

"Keine erhabenen Berge, keine reizenden Thäler erfüllen die Seele mit wundersam spielenden Bilderreichthum", so schrieb es der alte Historiker Michelson ins Stammbuch der Friesen. "Aber der Anblick des ewig brausenden und ewig doch zum lichten Spiegel sich beruhigendem Meeres gibt ihnen tiefe Sicherheit und gründliche Klarheit der Geister."

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