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Ryanair-Zwischenfall in Memmingen Riskantes Manöver führte fast zu Absturz


Im September kommt es auf dem Flughafen Memmingen fast zur Katastrophe. Ein Untersuchungsbericht offenbart: Die Ryanair-Piloten steuerten eine Piste mit Rückenwind an - um verlorene Zeit aufzuholen.
Von Till Bartels

Für jeden Piloten ist es der Horror: "Terrain, terrain, pull up", heißt es plötzlich im Cockpit. Eine automatische Stimme warnt vor einer möglichen Bruchlandung. Dieser akustische Alarm ertönte kurz vor der geplanten Landung einer Ryanair-Maschine am 23. September 2012 in Memmingen. Die Piloten rissen daraufhin die Nase der Maschine hoch und leiteten ein Durchstartmanöver ein.

Die aus Manchester kommende Boeing 737-800 befand sich zum Zeitpunkt des automatischen Alarms laut eines Zwischenberichts der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig in nur 460 Fuß Höhe, das entspricht 140 Metern. Dabei war der Anfang der Landebahn noch über sechs Kilometer entfernt. Mit einer Sinkrate von mehr als 1000 Meter in der Minute hatte die Maschine viel zu rasch an Höhe verloren.

Dank des Bodenannäherungswarnsystems EGPWS (Enhanced Ground Proximity Warning System) wurde für die Besatzung um 16:39:20 Uhr über eine Stimme mit den Worten "sink rate" und 20 Sekunden später mit "caution terrain" gewarnt. Dann erst realisierte die Besatzung die Absturzgefahr und brach den Landeanflug ab, indem sie in den Steigflug überging. Nach einer Platzrunde setzten die Piloten erneut zur Landung an und brachten die Maschine schließlich sicher zu Boden.

"20 Sekunden vor dem Bodenaufschlag"

Doch wie konnte es überhaupt zu dem Fehlanflug kommen? Laut Bericht wollten die Piloten nicht auf der Piste 06 von Südwesten, sondern über die Piste 24 von Nordosten her in Memmingen landen, obwohl dort mit einer Rückenwind von 20 bis 30 Knoten zu rechnen war. Grundsätzlich starten und landen Flugzeuge möglichst immer gegen den Wind. Doch die Maschine aus Manchester hatte 20 bis 30 Minuten Verspätung, wie dem BFU-Bericht zu entnehmen ist.

Die Piloten entschlossen sich also zum Sichtanflug auf die Piste 24 - das spart Zeit, denn die Rollwege zum Terminal sind dort kürzer. "Würde eine Landung auf der Piste 06 erfolgen, müsse man zuerst bis zum Ende der Piste rollen und dann umdrehen. Ziel sei es gewesen, die in Manchester verlorene Zeit teilweise aufzuholen", schreiben die BFU-Mitarbeiter ganz unverblümt in ihrem Untersuchungsbericht über die "schwere Störung". Laut dem deutschen Unfalluntersuchungsbüro Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre (Jacdec) nahmen die Piloten bei dem Landmanöver sogar eine Rückenwindkomponente in Kauf.

Ryanair hingegen nahm seine Piloten in Schutz, die beim Landeanflug "plötzlich unerwartet hohen Rückenwind" verzeichnet hätten. "Die Besatzung entschied sich für ein Durchstarten des Jets, was völlig den Richtlinien von Ryanair entspricht", erklärte Unternehmenssprecher Stephen McNamara am Montag in Dublin. Erst nachdem das Durchstarten der Maschine eingeleitet war, hätten sich die automatisch gesteuerten Warnsysteme aktiviert.

Ryanair droht mit Anwalt

Nach mehreren Pannen von Ryanair in Spanien, die sich im Sommer dieses Jahres ereigneten, verdeutlicht der erneute Zwischenfall von Ryanair im Memmingen, dass im Cockpit der 300 Flugzeuge des irischen Billigfliegers die Faktoren Zeit- und Geldersparnis eine große Rolle spielen. Nach Angaben der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) werden Piloten wegen ihres Kerosinverbrauchs entsprechend gelobt oder gerügt. "Ryanair bewegt sich an der Grenze des Legalen: Sie setzen die Piloten unter Druck", so die Kritik von Flugkapitän Jörg Handwerg vom VC. So auch im aktuellen Zwischenfall: "Es klingt so, als hätten sich die Kollegen zu sehr unter Zeitdruck setzen lassen."

Ryanair versucht offenbar, die negative Berichterstattung zu verhindern: Dem Betreiber der Website Aviation Herald, der ebenfalls über den Memmingen-Vorfall berichtete, hat das irische Unternehmen mit dem Anwalt gedroht, wenn er nicht unverzüglich die negative Kommentare darüber lösche.

mit DPA

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