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Urlaub in der Heimat: Heiss begehrte Sandbank

So schön ist Deutschland: Wer vom Inselurlaub träumt, denkt meist an ferne Länder. Doch auch in der Heimat gibt es attraktive Ziele. Wie etwa Amrum - herbfrisch, urig, malerisch.

Alles bloß geklaut? "Sprache, Kultur, Gebräuche, ihren ganzen Lifestyle haben die Friesen irgendwo mitgehen lassen", sagt Christian Johannsen. "Nehmen Sie nur mal unsere viel fotografierte Tracht mit dem Gliederband aus Filigran. Nicht die Frauen von Amrum haben sie entworfen. Seeleute haben die Tracht aus Portugal mitgebracht." Die gekachelten Stuben in den alten Kapitänshäusern der Insel - Frucht lokaler Ästhetik? "Frachtschiffe nahmen die Kacheln auf der Rückfahrt von Holland als Ballast mit", petzt Johannsen. "Und weil sie nun mal da waren, haben die Amrumer sie an die Wände gebackt."Johannsen ist geborener "Dünenzwerg", wie er betont, dazu Marketing-Chef der Amrum-Touristik. Er lästert trotzdem gern über seinen Stamm. Noch lieber aber zieht er über die Dösbaddel vom Festland her. Über die grünen Jungs aus Amtsstuben, Ministerien, Naturverbänden, Nationalparkverwaltungen, welche ausgerechnet den sturmfesten Insulanern naseweis machen wollen, wie man die Natur zu schützen habe. Und die wie hilflose Hühner umherflatterten, als im Oktober 1998 der brennende Holzfrachter Pallas auf Amrum zutrieb und schließlich vor der Südspitze der Insel auf eine Sandbank lief.

Es ging hart am GAU vorbei, damals. Wäre der Pott mit Öl beladen gewesen, hätten sich die 2100 Amrumer eine neue Währung suchen müssen. Alles, womit sie wuchern können, sind ja ihre weiten, weißen Strände, das brodelnde Meer, die salzige Brise, der würzige Wattgeruch. Dafür fahren Nordsee-Süchtige bis an den Nordwestrand der Republik. Auf ein Eiland, das weder Flugplatz noch einen Damm zum Festland hat, erreichbar allein mit den behäbigen Fähren der ehrwürdigen Wyker Dampfschiffs-Reederei. Wunderbarerweise ging das Pallas-Drama glimpflich aus. Zwar verreckten 10 000 Seevögel in ausgelaufenem Treibstoff, doch die Strände blieben weithin verschont. Der Wrackrumpf, mit Beton versiegelt, hat sich fast gänzlich in die Mahlsandbank vergraben. Guckt man von der Promenade in Wittdün scharf nach Südwesten, so erkennt man nun einen sanften Buckel. Den nennen die Amrumer Steenblock-Hallig, nach dem damaligen Kieler Umweltminister, der in der Pallas-Krise eine besonders jämmerliche Figur abgab.

Amrum faktisch eine handyfreie Zone

Ansonsten keine Narben. Wanderung am Kniepsand, dem zehn Quadratkilometer großen Strand, der sich über die gesamte Westseite der Insel erstreckt: Himmel, Horizont und Sandwüste fließen ineinander. Der Wind treibt psychedelisch wabernde Körnerteppiche über den Boden. Die nackten Füße prickeln wie in einem Strahlgebläse, die Augen stellen auf unendlich. Dazu orgelt der Blanke Hans, und in den Ohrmuscheln heult es windstark.Faktisch eine handyfreie Zone. Obwohl für guten Empfang gesorgt ist. Am fast 42 Meter hohen rotweißen Leuchtturm bei Großdün, einem Juwel der Nordseeküste, kleben die Antennen sämtlicher Mobilfunkunternehmen.Man kommt immer wieder an den Kniepsand, kontemplationshalber. Genau genommen kein Strand, sondern eine Sandbank, wie jeder Amrum-Führer lehrt, was aber nur den (auch auf Amrum anzutreffenden) Typus des frühpensionierten Schulmeisters mit Anglerjacke und Konrad-Lorenz-Bart interessiert.

Frappierend, wie das Quarzfeld selbst in der Saison und bei Hochdruckwetter seine Besucher geradezu verschluckt, außer an drei, vier Strandkorb-Arealen. Sogar im August kann man kilometerweit wandern, ohne mehr als ein paar Menschen zu begegnen. Nördlich vom Hundestrand hat ein Urlaubs-Künstler namens Panscho aus Treibholz und Plastikmüll eine verwegene Installation kreiert, die gelegentlich als Partyplatz genutzt wird. Herauszukriegen, wann da was abgeht, ist aber nicht ganz einfach.Amrum ist anders. Viel aufgeforsteter als die Nachbarn, zum Beispiel. Kiefernwäldchen säumen den Dünenrand wie an der jütländischen Küste. Irgendwie wirkt die Insel inseliger als das marschlandige, noch bäuerlich beackerte Föhr. Sie reizt auch weder Schickis noch Prolls, wie Sylt. Wer abfeiern will, hat es hier nicht leicht. Keine Szene, nirgends. Im "Onerbäänke" von Norddorf, wo einsame Insulaner gern mal mit geneigten Damen aus der nahen Mutter-und-Kind-Klinik anstoßen, ist gegen Mitternacht Zapfenstreich.

Bier und Küstennebel in der blauen Maus

Nur in der "Blauen Maus" an der Hauptstraße kurz vor Wittdün fließen noch spät Bier und Küstennebel, die friesische Antwort auf Ouzo. Dazu über 100 Sorten Malt-Whiskey, eine Marotte des muffelpöttigen Wirtes Janniemaus. Die Gäste sind gegen drei Uhr nachts ungefähr so breit wie der Kniepsand. Einheimische schnacken dann gern Öömrang, Amringisch. Kein Dialekt, sondern eine eigene Geheimsprache mit Anklängen ans Englische. Praktisch: Kein Zugereister versteht davon ein Wort.Die Amrumer haben krasse soziale Tiden erlebt. Fischer und Salzsieder über Jahrhunderte, begann für sie mit dem Walfang um 1650 eine lange Blüteperiode. Fast alle männlichen Insulaner verdienten an Bord holländischer und englischer Schiffe gutes Geld. Napoleons Kriege beendeten den Boom. Was folgte, waren Verarmung und Massenauswanderung.

Kurort der dänischen und deutschen Gesellschaft

Erst mit der Gründung des Seebades Wittdün im Jahre 1890 - von frommen Amrumern lange wegen befürchteten Sittenverderbs bekämpft - kam erneut Wohlstand auf. Die dänische und deutsche Gesellschaft kurte auf der Insel. Aus Karren, die an den Strand gefahren wurden, stieg man nach Geschlechtern getrennt ins Meer. Jalousien sorgten für zusätzlichen Blickschutz; eine Einrichtung, die man sich heutzutage manchmal zurückwünscht. Inzwischen dominieren Mittelstandsfamilien die Stammgästeschaft. Viele der schönen Reetdachhäuser gehören nun Festländern. Das hat die Ureinwohner noch enger zusammengeschweißt.

Wie nähert man sich dem Wesen des Nordlichts? Man nehme: ein Fahrrad (auf Amrum an jeder Ecke zu mieten), die rote Karte Amrum 1:20 000 (in vielen Läden), Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" und das Sagen- und Spökenkiekereien-Bändchen "Amrum erzählt" (in den Buchhandlungen Quedens in Wittdün oder Norddorf). Ferner Otto Ernsts Seenot-Ballade "Nis Randers" ("Sag Mutter, s'ist Uwe"), denn das Rettungswesen spielt auf Amrum traditionell eine gewaltige Rolle. Als Schlüssel zur Friesenseele rufe man sich die Moritat von Pidder Lüng im Internet aufAn der Wattseite im Norden radle man über den so genannten Teerdeich. Ein Erlebnis, das an die orkanumbrausten Gewaltritte des Stormschen Schimmelreiters erinnert, sofern man sich Nebel, Gespenster und Springflut dazudenkt. Man trinke Tee mit Rum (oder andersrum) im schön gelegenen Haus Burg hoch über dem Watt und lese. Lese vom "harten, hohen Friesengewächs", das den nassen Tod nicht fürchtet.

Vom Tatmenschen Hauke Haien, der seine Vision vom perfekten Deich mit dem Leben bezahlt. Und von dem Amrumer Seemann Harck Olufs, dessen beschrifteter Grabstein auf dem Friedhof von Nebel eine abenteuerliche Vita enthüllt. Olufs wurde 16-jährig auf dem Schiff seines Vaters von türkischen Piraten gekidnappt und als Sklave an den Bey von Constantin verkauft. Bei dem machte er sich als Soldat und Prokurist so nützlich, dass ihm der dankbare Muselmane nach Jahren die Freiheit schenkte. 1735 kehrte er schwerreich nach Amrum zurück, wo er bis zu seinem Tod Döntjes aus Arabien vertellte. Der Legende nach trieb er sich nach seinem Tod als Wiedergänger herum, bis er einem Amrumer vom Goldschatz erzählte, den er unter der Türschwelle versteckt habe. Soll ihn erlöst haben.Mein lieber Dorsch. Storys sind das. Ein Gästehaus am Rande der Norddorfer Marsch trägt den Namen des friesischen Nationalhelden Pidder Lüng, bekannt aus Detlev von Liliencrons gleichnamigem Gedicht. Pidder hauste vor Zeiten auf Sylt; ein rauer Gesell, der es nicht sehr mit der Obrigkeit hatte. Als diese eines Tages mit der Intention anrückte, endlich Steuern zu kassieren, schmetterte Pidder sein berühmtes Fanal "Leewer duad üs Slaw", lieber tot als Sklave. Und erstickte den Amtmann von Tondern im heißen Grünkohltopf.

Einen Pfenning Sitzungsgeld für den Gemeinderat

Sie gelten als etwas renitent, diese Friesen. Wer ihnen was aufdrücken will, muss sich warm anziehen. Und was für ein Aufstand, als das schleswig-holsteinische Innenministerium verfügte, bei Gemeinderatssitzungen müsse künftig Sitzungsgeld gezahlt werden, "bis zu 40 Mark". Die stolzen Amrumer bewilligten sich schließlich einen Pfennig. Was die Staatskasse weder verbuchen noch auszahlen konnte. Ja, Pidder lebt. Man radle mal zur Vogelkoje, wo früher Enten gewürgt wurden. Frage Harry Tadsen, der dort den Kiosk betreut, nach seiner Meinung über den Sachverstand gewisser Herren vom Festland. Harry ist viele Jahre zur See gefahren, unter anderem auf Seenotkreuzern, und schüttelt nur den Kopf über den Unverstand der Bürokraten. "Sie brüten alles am fernen Schreibtisch aus", sagt er, "nie holen sie sich Rat bei uns Praktikern."

Da blubbert die Fischsuppe

Man frage andere Insulaner, was sie von den Plänen halten, den gesamten Kniepsand als Flora-Fauna-Habitat nach Brüssel zu melden. Da blubbert aber die Fischsuppe! Amrums Amtsvorsteher Jürgen Jungclaus will notfalls zusammen mit anderen Inseln gegen die FFH-Bedrohung klagen: "Der Kniepsand ist unser Tafelsilber, das lassen wir uns nicht kampflos wegnehmen." Die Amrumer befürchten, sie müssten künftig vor jedem Beachvolleyball-Turnier "erst mal 'ne Studie anfertigen lassen, ob das vielleicht die Kegelrobben stört".

Gegen geplante Offshore-Windparks, die den Blick aufs Meer verstellen würden, macht man zusammen mit anderen davon bedrohten Frieseninseln Front. Die Umweltpolitik der Landesregierung ist für die meisten Amrumer, was der Wachtelkönig für den Straßenbau. Bei Anhörungen zum Thema Nationalpark und Naturschutz fühlen sich die Dünenzwerge regelmäßig verarscht, klagen sie. Es zähle sowieso nur, was die grüne Lobby vorträgt.Inseln sind nicht aus der Welt. Aber doch ein bisschen geschützter vor kontinentalen Zumutungen. Nachteil: Wenn man drüben ("in Deutschland", wie die Amrumer ernstlich sagen) zu tun hat, muss man früh um fünf aus den Federn, um die Fähre zu kriegen. "Aber dafür", freut sich Christian Johannsen, "kann uns auch keiner mal eben schnell auf die Pelle rücken." Und wenn doch, und es ist ein Dösbaddel aus Kiel, dann wartet vielleicht irgendwo ein Grünkohltopf auf ihn. Bildlich gesprochen.

Wolfgang Röhl / print

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