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Weinlese in Deutschland: Zwischen Reben, Federweißem und Weinköniginnen

So früh wie in diesem Jahr, hat die Weinlese in Deutschland noch nie begonnen. Besenwirtschaften schenken bereits den ersten Federweißen aus. Jetzt kommt die Zeit für genussvolle Entdeckungen - für Weck, Worscht un Woi, wie man in Rheinhessen sagt.

Von Till Bartels

Deutsche Winzer geben sich optimistisch. Trotz des verregneten Sommers kann 2011 ein hervorragender Weinjahrgang werden. Zwar hatten einige Regionen im Mai unter schwerem Frost und Hagelschauer zu leiden, aber der ungewöhnlich warme Frühsommer hat die Reben bis zu drei Wochen früher heranreifen lassen.

Bereits in der zweiten Augustwoche, dem frühesten Termin seit Beginn der Aufzeichnungen, wurden in Rheinhessen die ersten Trauben für den Federweißen geerntet. Sollte es in den kommenden Wochen weitgehend trocken bleiben, kann bundesweit mit einem im Vergleich zum Vorjahr mengen- und qualitätsmäßig guten Jahrgang gerechnet werden. Die Winzer hoffen zum Abschluss der Hauptlesezeit auf einen goldenen Oktober und bieten eine Fülle von Aktivitäten für Besucher an. Wir haben das Angebot gesichtet.

Markgräflerland: Selber Öko-Trauben ernten und verspern

In keinem Anbaugebiet Deutschlands gibt es so viele Weingüter, die nach den Richtlinien des Bundesverbands ökologischer Weinbau ihre Rebflächen bewirtschaften, wie im Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg im Breisgau. Wer wissen möchte, wie die Biowinzer in Baden arbeiten, begibt sich auf den 15 Kilometer langen ökologischen Weinkulturpfad. Oder hilft selbst bei der Ernte mit: Das Weingut Zähringer in Heitersheim veranstaltet am 1. Oktober eine "Kundenweinlese", inklusive Mittagessen im Weinberg, einer Kellerführung und abends einer gemütlichen Weindegustation mit Vesper.

Rheingau: Wo Riesling gelesen und vorgelesen wird

Zwischen Eltville und dem Binger Loch, wo der Rhein weiter nach Norden fließt, erstreckt sich rechtsrheinisch eine der schönsten Kulturlandschaften Deutschlands: der Rheingau. Die Namen und Lagen wie Eberbach, Reinhartshausen, Johannisberg und Vollrads sind für ihre Spitzengewächse der Rebsorte Riesling bekannt, der Ort Rüdesheim ein Touristenmagnet eher für Besucher aus den USA, China und Japan. Einheimische zieht es im Herbst eher zu den Veranstaltungen des Rheingau Literatur Festival "WeinLese 2011", wenn Wein und Literatur in den Kelterhallen, Klöstern und Schlössern der Region eine besondere Verbindung eingehen. Ab Mitte September sind unter anderem die Autoren Ingo Schulze und Ulrich Wickert zu Gast. Der Lesungen gipfeln in der Vergabe des Rheingau Literatur Preises an den österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger.

Mosel: Federweißer in der Straußenwirtschaft

An der Mosel mit ihren extrem steilen Hängen kommen bei der Weinlese kaum Maschinen zum Einsatz. Auch hat die Ernte hier früh begonnen, die Rieslingtrauben bleiben aber möglichst lange noch an den Reben. Am besten schmeckt der frische milchig-trübe Federweißer oder ältere Jahrgänge, wo sie erzeugt werden: vor Ort in einer Straußenwirtschaft. Ein Besen markiert das Haus, in dessen Hof vorübergehend selbst erzeugter Wein ausgeschenkt und lokale Küche aufgetischt wird. Typische Gerichte wie Spundekäs, Wurstsalat, Flamm- oder Zwiebelkuchen können beim Federweißenfest der Stadt Zell an der Mosel vom 7. bis 9. Oktober gekostet werden.

Franken: Durch das Land der Bicksbeutel

Nicht nur die Weinköniginnen machen im Juliusspital, einem der größten Weingüter Deutschlands, in Würzburg Station, um sich über Frankenwein zu informieren. Auch Gäste sind willkommen. Etwa 5300 Winzer der Regionen bauen zu 80 Prozent die Weißweinsorten Silvaner oder Müller-Thurgau in den Tälern von Täler von Main, Wern und Fränkischer Saale an und füllen sie in bauchige Bocksbeutelflaschen ab. Sinnlicher wird Annäherung an die Steinwein, wer ab Würzburg die 50 Kilometer lange Bocksbeutelstraße abfährt. Wer noch tiefer in die Geheimnisse von Weinherstellung und fränkischer Küche eindringen möchte, kann Kurse wie "Weinreich Culinarium" oder ein "Sensorikseminar und Blindverkostung" des Winzerkeller Sommerach belegen.

Saale-Unstrut: Auf der Weinstraße per Fahrrad

Dass in den Elbhängen in Dresden Weine gedeihen, ist hinlänglich bekannt. Aber Deutschlands nördlichstes Weinanbaugebiet liegt an den Flüssen Saale und Unstrut in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Neben dem Weinfest in Freyburg am zweiten Wochenende im September bietet sich eine Erkundung der Region mit dem Fahrrad an, zum Beispiel auf dem Unstrut-Radwanderweg von Memleben nach Großjena. Die Tour lässt sich mit einem Besuch des Erlebniscenters der Arche Nebra verbinden, dem Fundort der Himmelsscheibe, der weltweit ersten Himmelsdarstellung vor rund 3600 Jahren. Beim Radeln durch die Hügellandschaften halten sich im Gegensatz zu Mosel und Rhein die Steigungen in Grenzen. Der Jahrgang 2011 von den Weißweinsorten Müller-Thurgau, Weißburgunder und Silvaner verspricht viel. "Wir erwarten eine gute Ernte mit hoher Traubenqualität", sagt Gerald Lange von der Winzervereinigung Freyburg zu Beginn der Weinlesesaison.

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