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EM-Stadt Klagenfurt: Fußballfest am Wörthersee

Für zwei Spiele wird die deutsche Nationalmannschaft während der EM 2008 in Klagenfurt zu Gast sein. Die mitreisenden Fans erwartet ein schmuckes Stadion, eine ordentliche Prise Kärntner Tradition und eine rauschende Fußballparty.

Von Björn Erichsen

Robert Gutzelnigg hat die Ruhe weg. Das liegt vermutlich an seinem Arbeitsplatz in über 50 Meter Höhe, als Türmer der Stadtpfarrkirche St. Egid. Vielleicht aber auch einfach nur am in sich ruhenden Kärntner Gemüt. Die 225 schmalen Holzstufen den Pfarrturm hinauf schafft der 35-jährige mit den breiten Schultern und dem kleinen Kinnbärtchen jedenfalls mühelos, in nicht einmal zwei Minuten. Im Gegensatz zu den Touristen, die ihn täglich besuchen. Manche von ihnen können gar nicht lachen, wenn sie schweißgebadet und atemlos in der kargen Türmerstube ankommen und er sie mit den Worten "Willkommen im höchst gelegenen Fitnessstudio Klagenfurts" begrüßt. "Doch wenn sie erst mal auf der Aussichtsplattform stehen, verfliegt der Ärger schnell", sagt Gutzelnigg. "Der Blick von hier oben macht einfach gelassen."

Türmer in Klagenfurt, das ist ein Beruf mit Tradition. Früher bestand dessen Aufgabe darin, mit lautem Hornruf die volle Stunde zu verkünden und vor Bränden zu warnen. Heutzutage ist der Türmer beim Magistrat angestellt und damit "quasi der höchste Beamte der Stadt", wie Gutzelnigg gern mit einem Grinsen erzählt. Sein Job: Sicherheit am Turm, Treppenreinigung, vor allem aber Stadtführung von oben. Und so zeigt er den bis zu 350 Besuchern sein Klagenfurt, lenkt ihren Blick von den bewaldeten Gipfeln der Karawanken hinunter zu den schmucken Renaissancebauten der Klagenfurter Altstadt mit ihren engen Gassen und Arkadenhöfen bis hin zum Ostufer des Wörthersees.

Und oft tut Gutzelnigg auch das, was sie in Kärnten so schrecklich gern tun: G'schichten erzählen nämlich, am liebsten schaurige Sagen über unheimliche Gesellen, listige Zwerge oder liebliche Wasserweiber. Oder über den Lindwurm, jenen geflügelten Drachen, der in grauer Vorzeit den Kärntnern arg zusetzte, bis ihn ein paar kluge Bauern überlisteten und den Garaus machten. Es ist die Gründungssage Klagenfurts, denn dort, wo der Kampf stattgefunden haben soll, entstand die erste Ansiedlung im Klagenfurter Becken. Der Lindwurm wurde zum Wahrzeichen der Stadt und steht als heute als in Schiefer gehauener Brunnen auf dem Neuen Platz mitten in der Innenstadt.

Deutschland spielt zwei Mal in Klagenfurt

Auch in diesem Jahr werden Gutzelnigg die G'schichten sicher nicht ausgehen, denn da kommt auf die Stadt ein ganz besonderes Ereignis zu: Klagenfurt ist eine der österreichischen Gastgeberstädte der Fußball-Europameisterschaft. Drei Partien werden in Kärntens Hauptstadt ausgetragen, die deutsche Fußballnationalmannschaft hat hier ihre Vorrundenspiele gegen Kroatien und Polen. Bis zu 130.000 Besucher werden dann die Stadt bevölkern, hinzu kommt ein riesiger Tross von Journalisten, die von dem Ereignis in die ganze Welt berichten. Für das kleine Klagenfurt - mit 90.000 Einwohnern die kleinste aller acht EM-Städte - eine Mammutaufgabe.

"Historische Chance" für die Stadt

"Die Euro ist die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt", sagt Wolfgang Burgstaller, Pressesprecher der Stadt. "Wir wollen diese historische Chance nutzen, und Klagenfurt von seiner besten Seite präsentieren." Und daher wird in Klagenfurt schon seit einiger Zeit kräftig gewerkelt: Für acht Millionen Euro wird das Stadtzentrum rund um den Neuen Platz generalsaniert, zahlreiche Straßen werden ausgebessert, in zwei großen Fanzonen in der Innenstadt und am Messengelände können sich die Fans, die keine Eintrittskarte mehr bekommen haben, zum Public Viewing treffen. Über 80 Mitarbeiter sind für die Kampagne "Klagenfurt am Ball" abgestellt, um die Fußballbegeisterung in einer Stadt anzuheizen, die mit dem runden Leder bisher nicht allzu viel am Hut hatte.

Auf das neugebaute Stadion sind sie in Klagenfurt besonders stolz. "Ufo" heißt es im Volksmund und blickt man vom Gutzelniggs Stadtpfarrturm nach Westen, in Richtung Wörthersee, dann könnte man die metallene Schüssel mit ihrem silbernen Dach aus Alu und Spezialkunststoff tatsächlich für ein Raumschiff von einem fernen Planeten halten, das mitten in der Kärntner Naturidylle gelandet ist. In Wirklichkeit ist das Wörtherseestadion die modernste Fußballarena Österreichs. In gerade einmal zwei Jahren hat man den Bau für 66 Millionen Euro aus der Taufe gehoben, mehr als 1300 Arbeiter haben zeitweilig rund um die Uhr daran gewerkelt und rund 10.000 Tonnen Stahl verbaut.

"Das schönste Stadion Europas"

Entstanden ist ein wahres Schmuckstück, das an die Münchener Allianz-Arena erinnert, nur eben im Mini-Format. Die 32.000 Zuschauer sitzen unmittelbar am Spielfeld, eine moderne Gastronomie sorgt für üppige Verpflegung und in dem ausgedehnten Lounge-Bereich werden auch die VIPs nicht auf lieb gewonnene Annehmlichkeiten verzichten müssen. "Nun haben wir das schönste Stadion in Europa", hatte Landeshauptmann Jörg Haider bei der Eröffnung des Stadions Anfang September während des Vier-Nationen-Cups - die Generalprobe zur Euro - daher auch gewohnt publikumswirksam getönt - und wie so oft jubelten ihm seine Kärnter Landeskinder begeistert zu.

Wenn im Sommer die deutschen Fußballfans Klagenfurt besuchen, erwartet sie eine kleine, selbstbewusste Stadt mit südlichem Flair. Die Nähe zur italienischen Grenze wird spätestens offenbar, wenn man bei bestem Sonnenschein in eines der vielen Straßencafés einkehrt. Dazu gibt es eine kräftige Prise Kärntner Tradition: In den urigen Beisln stehen Hirschbraten mit Preiselbeeren, Almochsen-Steak oder Kasnudeln, das Kärnter Nationalgericht, auf der Speisekarte, viele Einwohner sind in Trachtengruppen, oder häufiger noch, in Gesangsvereinen organisiert. Treffen sich drei Kärntner, gründen sie einen Chor, sagt man in Klagenfurt, und derlei Sangesfreude ist sicher nicht die schlechteste Vorraussetzung für ein rauschendes Fußballfest.

Die perfekte Kulisse für eine rauschende Fußballparty

Was den fußballinteressierten Teutonen aber vor allem dazu bewegen könnte, über den Spieltag hinaus noch etwas Zeit in Klagenfurt zu verbringen, ist der Wörthersee. 16,5 Kilometer erstreckt sich das Gewässer, gesäumt von den Prunkvillen der Schönen und Reichen, von Klagenfurt bis hin in den Nobelort Velden, wo einst Roy Black den Fernseh-Schlossherrn mimte. "Österreichs Riviera" verspricht Badespaß pur, im Sommer klettert die Wassertemperatur auf bis zu 28 Grad. Die perfekte Kulisse für eine ausgelassene Fußballparty, schon in "normalen" Jahren, also ohne Mega-Sportevent, wird in den Strandbädern und auf den Campingplätzen rund um den See ausgiebig gefeiert.

Und wer der ständige Feierei überdrüssig wird und sich nach etwas Ruhe sehnt, der kann ja Robert Gutzelnigg hoch droben auf dem Stadtpfarrturm besuchen. "Fußball ist ja eigentlich nicht so meine Sportart, aber ich freue mich schon auf die vielen Gäste von überall her", sagt Gutzelnigg. Für sie will er extra nochmal die 225 Stufen seines Turms fegen und ihnen G'schichten erzählen über Lindwürmer, Wasserweiber und auch über Fußball. Und in Sachen Fitness lohnt der Besuch beim Türmer von Klagenfurt allemal.

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