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Nationalelf vor der Nominierung: Tiefer Kader, tiefe Sorgenfalten? Eine Stammelf und viele Streichkandidaten

Nach dem 1:2 im Test-Länderspiel gegen Österreich ist Bundestrainer Joachim Löw um einige Erkenntnisse reicher: Mehr denn je dürfte er auf seine Stammelf vertrauen. Zu der wird in Russland auch wieder Manuel Neuer gehören. 

Manuel Neuer beim Länderspiel Deutschland - Österreich

Manuel Neuer machte beim Test-Länderspiel gegen Österreich eine gute Figur

Getty Images

Jonathan Tah gab sich keiner Illusion hin, er betrachtet das Urteil über seine Person als gefällt, und er war wild entschlossen, es mannhaft zu tragen. Wie es sich für einen Innenverteidiger geziemt. So stand Tah, ein Mensch im Gewand eines Bären, also in der Mixed Zone des Wörthersee Stadions zu Klagenfurt und zog Bilanz nach diesem 1:2 der Nationalmannschaft gegen Österreich aus dem er doch eigentlich als Gewinner hervor gegangen war.

Er hatte nicht gespielt.

Zum Sieger machte ihn das im Nachhinein, hatten sich doch die kickenden Kollegen im zweiten Abschnitt nach Kräften blamiert. Doch dass der Bundestrainer Joachim Löw wie Zeus Blitz und Donner über diesen Kader schickt, auf dass ihn sein Zorn einen anderen streichen lasse, daran mochte Tah dann doch nicht mehr glauben. "Ich weiß, dass ich immer alles gegeben habe, es hat mich gefreut, dabei zu sein. Ich habe jedes Training genossen", erklärte er. Pflichtschuldig ließ er noch ein Hintertürchen offen: "Wenn es nicht geklappt hat, dann muss man das so akzeptieren."

Rückgrat Sami Khedira

Er wird nicht zur WM fahren, er ist sich da sicher. Spätestens seit Stammspieler Jerome Boateng mit maximaler Geschwindigkeit den Trainingsplatz in Rungg, Südtirol, auf und ab sprintete, schien Tahs Schicksal besiegelt. Ein bisschen träge wirkte er bisweilen zwischen all den alerten Verteidigern. Was nicht heißt, dass Männer wie Niklas Süle oder Antonio Rüdiger – direkte Konkurrenz hinter den gesetzten Hummels und Boateng – frei von Fehlern sind. Während Süle mit seinen Ausmaßen eines Schwergewichtsboxers etwas ungestüm auf dem Feld wirkt, präsentiert sich Rüdiger noch immer bisweilen etwas überdreht und fahrig. Als Löw nach einer noch erträglichen ersten Halbzeit seinen Stabilisator Sami Khedira auswechselte, schien es, als habe er seiner eigenen Elf das Rückgrat genommen.

Unbedrängt liefen die Österreicher danach aufs deutsche Tor, von Umschaltspiel konnte keine Rede mehr sein, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Beinahe schien es nach der Partie, als sei Löw selbst ein wenig geschockt. Sprach er noch tags davor von den Nöten eines Trainers, Spielern den Traum von Russland verwehren zu müssen, die doch alles gegeben hatten, so schien die Auswahl der Streichkandidaten plötzlich unerwartet groß. 

Denn neben dem armen Tah, der nie wirklich ein Teil dieser Elf gewesen ist, wird es auch für Männer wie Nils Petersen, Sebastian Rudy und Julian Brandt eng. Leroy Sane, eigentlich eine der Entdeckungen beim Premier-League-Meister Manchester City, muss aufpassen, dass er Löws Geduld nicht überstrapaziert. Zwar deutete er seine Schnelligkeit im Umschaltspiel gegen aufgerückte Österreicher einige Male an, um vor dem Tor dann jedes Mal die falsche Entscheidung zu treffen. Dass Sane nach missglückten Aktionen bisweilen wirkt, als checke er aus dem Spiel aus, wird Löw registriert haben. Er predigt nicht umsonst seit Wochen die Kraft des Kollektivs.

WM in Russland: Löw wird auf die üblichen Verdächtigen setzen

Berlins Marvion Plattenhard, Hinterbänkler im Kader, wurde gegen Österreich gar nicht erst berücksichtigt. Für Matthias Ginter galt dies ebenfalls. Bei seiner ganz persönlichen Generalprobe gegen Brasilien in Berlin präsentierte sich Plattenhard so unauffällig wie in den Tagen von Eppan. Ob Löw ihn dennoch als Ersatz für den gesetzten Jonas Hector die Reise nach Russland gestattet, gehört zu jenen Fragen, die wohl erst heute im Laufe des Abends final entschieden werden. Auch bei Ginter verbietet sich ein verfrühtes Urteil. 

Dieser Kader 2018 mag also so tief wie nie zuvor sein, auf seinen Stamm verzichten kann Löw nicht, dies dürfte seine Haupt-Erkenntnis aus den Partien gegen Brasilien und nun gegen Österreich sein. Wenn gegen Mexiko die WM für diese deutsche Mannschaft angepfiffen wird, dürften die üblichen Verdächtigen das Gerüst dieser Elf bieten. Das defensive Mittelfeld bewachen dann Khedira zusammen mit Kroos, vor einer aus Kimmich, Hummels, Boateng und Hector bestehenden Viererkette. Davor dürften links Reus, in der Mitte Özil und rechts Müller die Fäden ziehen und die einzige Spitze Werner versorgen.

Das Tor? Wird dann Manuel Neuer hüten, auch wenn Löw sich unmittelbar nach der Partie noch nicht festlegen wollte. Souverän absolvierte Neuer die 90 Minuten, als sei er nie weg gewesen. Auch der operierte Mittelfuß zeigte offenbar keinerlei Reaktion. Neuer dennoch nicht zu nominieren, würde den gesamten Aufbauprozess ad absurdum führen. Er hat die Vorgaben erfüllt, nur ein später Rückschlag ließe ihn noch aus der Mannschaft rotieren.

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