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Ironman-Weltmeister Jan Frodeno: "Jeder Konkurrent sagt, dass ich die Zielscheibe auf dem Rücken habe"

Jan Frodeno will zum dritten Mal den Ironman Hawaii gewinnen und so Geschichte schreiben. Was der gebürtige Kölner für den erneuten Triumph alles umgestellt hat und welche Gegner er besonders auf der Rechnung hat, verriet er im Interview.

Ironman Hawaii 2017 - Jan Frodeno - Interview

Bis in die letzte Muskelfaser austrainiert: Ironman-Hawaii-Titelverteidiger Jan Frodeno

Jan Frodeno will beim Ironman Hawaii nach Siegen in 2015 und 2016 an diesem Samstag den Hattrick perfekt machen (Hier erfahren Sie, wo Sie den Ironman Hawaii 2017 im TV verfolgen können). Bei einem erneuten Sieg wäre dem 1,94 Meter großen Modellathleten ein weiterer Eintrag in den Triathlon-Geschichtsbüchern sicher: Er wäre nach den Legenden Dave Scott und Mark Allen (beide USA und mit jeweils sechs Hawaii-Siegen dekoriert) erst der dritte Athlet, dem drei Triumphe in Folge gelängen.

Im Interview sprach der 36 Jahre alte gebürtige Kölner über seine andere Herangehensweise in diesem Jahr, die Rivalen und das, was die Weltmeisterschaft auf Hawaii so einzigartig und so schwer macht.

Herr Frodeno, ist es kurz vor dem Rennen so etwa ein Gefühl wie in der Schule am Abend vor einer Klassenarbeit: Ich habe alles getan, was jetzt kommt, liegt nicht mehr allein in meinen Händen?

Das ist mir in der Schule so nie passiert. Da wusste ich eigentlich, dass ich nie alles gemacht hatte. Hier fühle ich mich deutlich besser, weil ich weiß, dass ich gut vorbereitet bin. Ich habe die Sachen umgesetzt, die ich im Vergleich zum vergangenen Jahr ändern wollte. Jetzt muss ich noch die letzten Stunden abwarten, ehe ich Gas geben kann.

Welche Veränderungen sind das?

Das geht größtenteils sehr in die Trainingsmethodik rein. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich im europäischen Sommer immer bessere Leistungen abgeliefert habe als dann auf Hawaii. Ich wollte gerade auf dem Rad einiges umstellen - das haben wir ganz gut gemacht. Auch hier in der Anpassung habe ich vom Umfang her deutlich mehr trainiert als sonst. Und ich habe ein gutes Gefühl dabei.

Sie haben den Jahresbeginn unverletzt überstanden, sind vor ihrem Sieg beim Ironman in Klagenfurt allerdings krank gewesen. Wie sah es nun vor Hawaii aus?

Größtenteils gut. Ich hatte noch mal eine kleine Erkältung. Aber manchmal ist es für mich gar nicht so schlecht, wenn ich noch mal einen kleinen Dämpfer bekomme, weil ich sonst vielleicht zu früh zu motiviert bin. Ich bin auf jeden Fall vorher noch nie mental so frisch hier angekommen, dass ich richtig was machen und trainieren wollte. Da war früher immer so eine Müdigkeit. Da sind unverhoffte Ruhepausen vielleicht gar nicht so schlecht.

Sind sie denn auch schon bereit für ein perfektes Rennen?

Dafür bleibt Hawaii zu sehr eine Lotterie-Nummer. Am Montag musste ich eine Einheit abbrechen. Da kriegst Du noch mal einen Dämpfer vor die Nase gesetzt. Es gibt hier niemals das Gefühl der ultimativen Sicherheit. Und ich glaube, das ist auch ganz gut so, weil hier für uns Ausdauersportler andere Gesetze gelten: Das letzte bisschen Selbstvertrauen schenkt dir die Insel nie.

Sie haben ihre Siege in diesem Jahr relativ konkurrenzlos geholt. War das eine bewusste Terminplanung mit Blick auf den Höhepunkt Hawaii?

Das ist natürlich schon ein bisschen der Hintergedanke gewesen. Ich habe mir den Rennkalender allerdings eher danach ausgesucht, welche Rennen ich mal machen wollte. Der Ironman  in Klagenfurt ist eine Kultveranstaltung, die es schon seit Jahren gibt. Dass sich in diesem Jahr sonst keiner (Anm.: der potenziellen WM-Rivalen) dafür angemeldet hat, dafür kann ich ja nichts. Der Luxus unseres Sports besteht darin, dass es überall auf der Welt coole Rennen gibt. Ich habe es mir nach den vergangenen zwei Jahren auch ein bisschen gönnen wollen, Rennen zu machen, auf die ich einfach Bock hatte.

Wen halten Sie für ihre ärgsten Konkurrenten neben Sebastian Kienle und Patrick Lange, die vor einem Jahr auf die Plätze zwei und drei gekommen sind?

Ich versuche, ein bisschen davon wegzukommen, dass sich jeder seinen Lieblingsrivalen oder seine Lieblingsgruppe raus sucht. Jeder von meinen Konkurrenten sagt, dass ich die Zielscheibe auf dem Rücken habe. Es war aber bei mir immer so, dass der Schuss nach hinten losging, wenn ich mich auf einen versteift habe. Natürlich rechne ich aber mit Sebi, auch mit Patrick Lange und Patrik Nilsson, die die Laufraketen im Feld sind. Der Kanadier Lionel Sanders hat sich einiges vorgenommen. Die Amerikaner sollte man auch nicht unterschätzen.

Haben Sie sich eine ganz bestimmte Renntaktik zurechtgelegt und behalten diese auch bei? Oder werden Sie eher auf ihre Konkurrenten reagieren?

Ich habe meine Renntaktik. Die ist aber nicht in Stein gemeißelt. Eine ganz wichtige Eigenschaft ist es, hier flexibel reagieren zu können.

Rechnen Sie mit einem Rennen, das womöglich erst auf den letzten Metern entschieden wird?

Ich bin auf jeden Fall so vorbereitet. Es würde mich in diesem Jahr nicht wundern. Die Weltspitze rückt immer dichter zusammen. Da kann das schon mal passieren. Teil eines Zielsprints auf dem Ali'i Drive zu sein, wäre absolut legendär.

Wieviel Genuss und Mythos Hawaii ist bei all der Quälerei für Sie noch dabei?

Wenn ich den Mythos Hawaii mal für mich habe, ist es nach wie vor das Größte. Ich habe viele positive Erlebnisse hier gehabt und viele positive Erinnerungen an die Insel. Es ist immer noch so, dass ich beim Sonnenauf- oder Sonnenuntergang gern mal anhalte, ihn mir anschaue und genieße.

Jan Frodenos Eckdaten

Jan Frodeno, 36 Jahre alt, wurde 2008 Olympiasieger in Peking im Triathlon, 2015 und 2016 gewann er die Ironman-WM auf Hawaii. Der gebürtige Kölner lebt im spanischen Girona und in Noosa, Australien. Er ist mit der ehemaligen Weltklasse-Triathletin Emma Snowsill verheiratet, die beiden haben einen etwa anderthalb Jahre alten Sohn.

mod/Jens Marx / DPA

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