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Challenge Roth: Renndirektor Felix Walchshöfer: "Viele Mails der Triathleten haben uns zu Tränen gerührt"

Der Challenge Roth 2020 ist abgesagt. Für den Veranstalter, ein mittelfränkisches Familienunternehmen, ist das eine Katastrophe. Doch Felix Walchshöfer und sein Team geben nicht auf. Jetzt haben sie die Athleten ins Boot geholt – und die geben alles, damit das Kultevent 2021 in bewährtem Glanz erstrahlt.

Felix Walchshöfer, Geschäftsführer der Challenge Roth GmbH

Seit 2002 denkt und lenkt Felix Walchshöfer mit seiner Mutter und seiner Schwester den legendären Challenge Roth. Doch auch den Triathlonklassiker trifft das Coronavirus mit voller Wucht.

DPA

Mit unendlich viel Herz und Hingabe organisiert und lebt die Familie Walchshöfer gemeinsam mit Tausenden Helfern seit 2002 den Challenge Roth. Seit Jahren ist der Kult-Triathlon über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen Marathon binnen Minuten ausverkauft. Mehr als 500 Euro zahlen Athleten für einen der heiß begehrten Startplätze. Doch wegen des Coronavirus wird das Rother Triathlonstadion am 5. Juli verwaist bleiben. Und mit ihm die Kassen des Familienunternehmens aus Mittelfranken. Mehr als zwei Millionen Euro zahlt die TeamChallenge GmbH derzeit nach und nach an die gemeldeten Athleten zurück – und bringt sich damit selbst in eine schwierige Situation. Doch die Triathlon-Community hält zusammen. Oftmals als Dank für unvergessliche Gänsehautmomente zwischen Solarer Berg und Lände verzichten viele der rund 5.000 Athleten auf einen Teil ihrer gezahlten Meldegebühr. Ein Akt großer Solidarität, der nicht nur Renndirektor Felix Walchshöfer an seinem Schreibtisch zu Tränen rührt. Wir haben mit ihm über die schwerste Zeit der Firmengeschichte gesprochen.


Herr Walchshöfer, wieviel Schlaf bekommen Sie aktuell?

Eher wenig.

Warum?

Weil mein Team und ich gerade Tausende E-Mails von Athleten bekommen, die wir beantworten müssen. Deutlich schlechter geschlafen habe ich bis zu dem Tag, als wir die Entscheidung getroffen haben, das Rennen abzusagen.

Was hat Sie da am meisten umgetrieben?

Fragen wie 'Was machst du richtig?' oder 'Was machst du falsch?' Aber auch: 'War's das jetzt mit der Firma?'.

Hand aufs Herz: Wann war Ihnen klar, dass der Challenge Roth 2020 nicht stattfinden kann?

Das war an einem Montag, kurz nach der Absage der Olympischen Spiele. An dem Tag habe ich dann auch zuerst mit meinen Mitarbeitenden gesprochen. Berührt, und in dieser schweren und emotionalen Entscheidung bestärkt, haben mich vor allem zwei Dinge. Das eine war der Anruf einer Helferin, die uns seit 30 Jahren in der Zielversorgung der Athleten unterstützt. Sie ist über 70 und hat sich entschuldigt, dass sie dieses Jahr nicht mithelfen kann, weil sie Angst hat. Wer hätte das nicht nachvollziehen können? Zum zweiten haben wir in den vergangenen Wochen sehr oft zusammengesessen und überlegt, was wir vor dem Hintergrund der Coronakrise aus medizinischer Sicht tun müssten, wenn der Challenge stattfinden könnte. Da ging es unter anderem um zusätzliche Handwaschbecken, Spender mit Desinfektionsmittel aber auch darum, wie viele Handschuhe wir brauchen, um Helfer zu schützen und vieles mehr. Nun ist es so, dass der Leiter unseres zentralmedizinischen Dienstes selbst an Covid-19 erkrankt ist. Und ganz egal, ob sich die Lage im Juli entspannt hat oder nicht: Es war für ich moralisch nicht vertretbar, dass wir das Rote Kreuz um Ärzte, Rettungswagen und Gerät in dieser Größenordnung bitten.

Was hat sich seit der Entscheidung bei der TeamChallenge GmbH geändert – wie sieht derzeit der Alltag aus?

Momentan schrubben bei uns alle Überstunden. Wir haben alle Mann an Bord und versuchen die Tausenden E-Mails abzuarbeiten. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Thema Kurzarbeit auseinandersetzen müssen. Was bedeutet das? Wie muss ich das anmelden? Dazu kommen Telefonate mit dem Steuerberater, unserer Anwältin und nicht zuletzt mit Banken. Denn wenn wir die mehr als zwei Millionen Euro Startgelder zurückerstattet haben, bekommen wir ein veritables Problem mit dem Cash Flow. Außerdem sind wir schon dabei, die Anmeldung für 2021 vorzubereiten, damit wir sie Mitte April wieder öffnen können. Es sind wirklich sehr schwierige Zeiten für die Firma. Weil wir überhaupt nicht absehen können, wie groß am Ende die Finanzierungslücke ist.

Wovor haben Sie im Moment am meisten Angst?

Ganz ehrlich: Davor, dass sich jemand aus der Familie oder meinem Freundeskreis mit dem Virus ansteckt. Meine Mutter ist über 60 und hat eine schwere Herzvorerkrankung. Auch zwei unserer Mitarbeiterinnen gehören zur Risikogruppe. Das macht mir am allermeisten Angst. Erst danach kommen die Dinge, die unsere Firma betreffen. 

Wie bedrohlich ist die Lage?

Es ist die bedrohlichste Lage, in der wir jemals gesteckt haben. Nicht vergleichbar mit den ersten sehr schweren Challenge-Jahren zwischen 2002 und 2006. Das was wir jetzt erleben, kennen wir nicht. Uns ist von jetzt auf gleich das gesamte Geschäft zusammengebrochen. Wir haben vier Einnahmequellen. Das sind die Startgelder der Athleten, die Einnahmen aus Sponsorenverträgen, unsere Messe am Rennwochenende und das Merchandising. Das verkaufen wir zu 90 Prozent am Rennwochenende und das Allermeiste davon ist bestellt, bezahlt und liegt schon in unseren Lagern. Die Messe war komplett ausgebucht. Wir haben jetzt beschlossen, den Ausstellern ihre Standgebühren zu 100 Prozent zurückzuzahlen. Da sind viele kleine Sportgeschäfte dabei, die zurzeit alle geschlossen sind und ums Überleben bangen. Insgesamt sind das Riesensummen.

Um die Verluste zumindest etwas abzufedern, haben Sie die angemeldeten Athleten darum gebeten, auf einen Teil des zurückerstatteten Startgelds zu verzichten. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Nicht besonders schwer. Mir war von Vornherein klar, dass wir offen und ehrlich mit den Athleten kommunizieren müssen. Das war immer meine Maxime. Wir haben uns dazu entschlossen, das Startgeld zurückzuzahlen, statt das Rennen zu verschieben. Auch, weil es viele Athleten gibt, die im nächsten Jahr nicht starten können oder wollen. Und das muss man respektieren. Wir haben Mails von Athleten bekommen, die ihren Job verloren haben und sich bedankten, dass sie das Geld von uns zurückbekommen haben, weil jeder Cent wichtig ist. Wir beißen in diesen sauren Apfel, selbst wenn uns das als Unternehmen in eine unwahrscheinlich schwierige Situation bringt. Auf der anderen Seite wollen wir auch so ehrlich sein und nicht verhehlen, dass uns das alles in eine extrem komplizierte finanzielle Situation bringt. Deshalb haben wir alle, die können und möchten, darum gebeten, einen Teil ihrer Anmeldegebühr nicht zurückzufordern. Als Dankeschön bieten wir denen, die 100 Euro und mehr spenden, ein Anmeldevorrecht für zwei Rennen in den kommenden zehn Jahren.

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Wie war die Resonanz der Athleten?

Das Feedback war gigantisch. Uns haben sogar Athleten geschrieben, die gar nicht auf der Startliste standen, aber trotzdem 100 Euro oder mehr spenden wollten. Manche haben sogar das komplette Startgeld, also 519 Euro, gespendet. Das hat uns total überrascht und viele Mails haben uns zu Tränen gerührt. In den allermeisten Fällen waren es sehr private Geschichten von Athleten, denen wir vor vielen Jahren mal etwas Gutes getan haben. Das haben uns viele Sportler nicht vergessen. Die Solidarität ist extrem und das freut mich sehr.

Haben Sie ein Beispiel?

Vor ein paar Tagen haben eine Mail aus den USA bekommen – von einem Athleten, der noch nie in Roth war. Er hat geschrieben, dass er gern 250 Dollar spenden möchten, weil er in den kommenden Jahren einmal beim Challenge dabei sein möchte. Und dafür müsse es das Rennen ja noch geben. Das macht demütig. 

Können Sie schon beziffern, wie viel Geld da bisher zusammengekommen ist?

Dazu kann ich im Moment noch nichts sagen. Dazu fehlen uns noch Zahlen von Mika-Timing (Firma, die die Zeitnahme für den Challenge Roth abwickelt; Anm. d. Red.).Im Moment funktioniert es so, dass uns ein Athlet schreibt und erklärt, dass er zum Beispiel 50 Euro spenden möchte. Das geben wir händisch ins Meldesystem ein und leiten den Datensatz dann an Mika-Timing weiter. Die überweisen das Geld dann zurück.

Ist das eher ein Tropfen auf den heißen Stein oder glauben Sie, dass die Athleten dem Unternehmen damit nachhaltig helfen können?

Es wird definitiv mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die einzelnen Beträge der Athleten helfen uns enorm. Vor allem, wenn wir daran denken, wie groß der Überbrückungskredit sein könnte, den wir aufnehmen, wenn wir das alles überstanden haben. Insofern ist das eine Riesenhilfe, insbesondere damit wir die Kreditanfrage möglichst klein halten können.

Blicken wir ein wenig in die Zukunft. Viele kleine Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter aktuell in Kurzarbeit. Wie geht's bei Ihnen kurzfristig weiter?

Unser großes Ziel ist es, alle durchzubringen. Wenn es nächstes Jahr ein Rennen gibt, ist es immens wichtig, dass wir unsere Leute zusammenhalten. Das ist schwer genug. Wenn wir jemanden entlassen müssten, ginge uns unglaublich viel Knowhow verloren. Entlassungen wäre die absolut letzte Maßnahme, auf die wir uns einlassen würden. Meine Mutter, meine Schwester und ich haben unser Gehalt auf Null gesetzt. Sobald wir mit den Anmeldungen für 2021 durch sind, werden unsere fünf Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen. Einfach, um die Fixkosten der Firma zu drücken. Das Problem ist, dass wir nur dieses eine Event haben und unser Fixkostenblock unheimlich groß ist. Das sind unter anderem die Mieten fürs Büro, aber auch die Lagerhallen, dazu kommen viele Verträge mit Dienstleistern – und natürlich die Gehälter.

Was motiviert Sie, sich trotz der schwierigen Lage jeden Tag wieder an den Schreibtisch zu setzen?

Ganz klar. Das sind die Athleten, ihre Zuschriften und all die liebenswürdigen Posts auf unseren Kanälen. Viele blicken nach vorn, freuen sich auf das, was im nächsten Jahr kommt. Das tut unwahrscheinlich gut. Die Spenden sind das eine, aber die moralische Unterstützung – auch von unseren Helfern in den Landkreisen – freut uns umso mehr. Und dann ist da natürlich noch Jan Frodeno. Der war am Freitag im Morgenmagazin zu Gast und hat dort angekündigt, 2021 in Roth dabei zu sein. Das war nicht mit uns abgesprochen und richtig stark von ihm. 

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