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Geirangerfjord: Wahre Größe

Tiefgründiges Naturschauspiel vor grandioser Kulisse: Der Geirangerfjord, eine der imposantesten Wasserstraßen der Welt, bringt jeden Besucher ins Schwärmen. Und dem ansonsten kargen Fleckchen Norwegens hübsche Einnahmen.

Von Wolfgang Röhl und Erich Spiegelhalter

Vielleicht sollten sie Musik über die Bordlautsprecher schicken, wenn der Dampfer die letzte Kurve nimmt. Eine Peer-Gynt-Suite des Norwegers Edvard Grieg? Würde gut passen zum finalen Part des Geirangerfjordes. Der endet in einer Art türkisfarbenem See, umgeben von einem Talkessel. Grüne Wald- und Wiesengürtel rahmen ihn ein, welche in schneebedeckte, bis zu 1500 Meter hohe Felsmassive übergehen. An Deck eines der schwarzrotweißen Postschiffe der altehrwürdigen Hurtigruten-Linie zu stehen und gemächlich durch dieses Naturwunder zu gleiten, das ist die fortgeschrittene Kunst der Begegnung mit einer der schönsten Wasserstraßen der Welt.

Am An fang des Geiranger, Arm eines weit verzweigten Fjordsystems, tummeln sich manchmal Schweinswale. Zum Schluss passiert das Schiff einen gewaltigen Felshang, über den Wasserfälle stürzen, genannt "Die sieben Schwestern". Nach Regenfällen ein donnerndes Spektakel, dem die Sightseeing-Boote für ihre fanatisch knipsenden Gäste möglichst nahe rücken. Auf den etwa zwölf Kilometern dazwischen geht die Fahrt durch enge Felsschluchten, grandios in ihrem düsteren Pathos und der nutzlosen Schönheit. Gelegentlich ein Bauernhof oder eine Sommerhütte, wie an den Hang geklebt, gegen Lawinen mit einer schrägen Dachkonstruktion geschützt, zugänglich allein über steile Pfade und Leitern. Kein Kapitän der Ausflugsboote, die den Fjord täglich mehrfach befahren, lässt das Geschichtchen aus, die Bauern hätten in früheren Zeiten einfach die Leiter hochgezogen, wenn der Mann vom Finanzamt kam und kassieren wollte. Der kleine Gag zündet am besten, wenn viele Norweger an Bord sind, mit die reichsten, gleichsten, aber auch mit am höchsten besteuerten Bürger Europas. 24 Prozent beträgt allein die Mehrwertsteuer!

Verwegene Formen

Fjorde sind sogenannte Trogtäler, die vom Eiszeiteis geformt wurden. Es gibt sie unter anderem auch in Schottland oder Grönland, doch nirgendwo weisen die Meeresarme derart verwegene Formen auf wie in Norwegen. Dänemark hat Strände, Finnland Seengebiete, Schweden die Schären. Das ultimative Fjordland heißt Norwegen. Schon beim allerersten Blick auf den Geiranger wird klar, warum er 2005 in die Unesco-Liste des Weltnaturerbes aufgenommen wurde.

"Von der Auszeichnung haben wir hier nur kurz profitiert", sagt Odd Kenneth, trotz seines Namens ein waschechter Norweger. Der Besitzer des 1996 gebauten Grande Fjord Hotels, das sonnenverwöhnt etwas außerhalb des Örtchens Geiranger liegt, weiß um den Segen wie um den Fluch, der Naturschönheiten anhaftet. "Das Unesco-Siegel ist vor allem für Kreuzfahrer ein Grund, hierher zu kommen. Aber die übernachten nicht und essen auch nicht an Land, kaufen allenfalls Souvenirs." Trolle natürlich, Norwegens Antwort auf den Gartenzwerg. Dem Kult um die mythischen Kinderschreckfiguren mit ihren obszönen Gurkennasen wird auch in Geiranger gefrönt. Und zwar so hemmungslos, dass sich Widerstand formiert. Die jungen Inhaber der "Galleri Geiranger" haben an ihr Geschäft das Schild "Troll free zone" gehängt.

Pizza für 20 Euro

Neben schaurigen Troll-Kollektionen bietet der Ort alles, was man von Norwegen erwarten kann. Tolle Ausblicke, gut sortierte Supermärkte, Fast-Food-Buden, die gerade eben noch bezahlbar sind, sowie eine gehobene Gastronomie, deren Preise Kontinentaleuropäern Tränen in die Augen treiben. Oh nein, nicht bloß der Alkohol ist sündhaft teuer in der Heimat der Puritaner! 20 Euro für eine überaus mäßige Pizza in irgendeinem belanglosen Schuppen, das gilt als völlig normal. Wobei der Service ganz kleingeschrieben wird. Die Norweger, so sagen sie stolz von sich selbst, waren in ihrer Geschichte immer freie Bauern und Fischer, nie fremden Herren untertan. Das wirkt wohl nach. Dienstleistungen haben in diesem Land das Sozialprestige von unzüchtigen Handlungen und wollen entsprechend entlohnt werden. Nicht mal im Union, dem teuersten Hotel am Platz, fällt es Angestellten ein, den Ankömmling auf sein Zimmer zu führen oder ihm gar den Koffer abzunehmen. Den vorläufigen Gipfel der nordischen Dienstverweigerung erklomm ein Hafenkiosk von Ålesund, der keine fertigen Hotdogs mehr verkauft. Senf, Ketchup und andere Zutaten muss man sich selbst aufs Brötchen schmieren. No country for old men.

Geiranger, umgeben von direkt am Wasser gelegenen Campingplätzen, Holzhütten, Caravanparks, führt ein Doppelleben. Im Sommer bis in den frühen Herbst das reinste Babylon - neuerdings hört man neben Englisch, Deutsch, Niederländisch, Französisch, Italienisch und Japanisch auch Lettisch, Litauisch, Tschechisch, Russisch, ja, sogar mal Hindi -, wird der Ort im Winter von fast allen Touristen gemieden. Die meisten Einwohner fliehen vor Kälte, Einsamkeit und Finsternis in die Städte. Geiranger verpuppt sich zur Ghost-Town. Bis der Tourismus ab Mai wieder zu brummen beginnt, Busse und Wohnmobile die Bergstraßen verstopfen und Motorradfahrer in Pulks die Haarnadelkurven abreiten. Einer der Höhepunkte, erreichbar nur über einen mautpflichtigen Schotterweg, ist der Aussichtsgipfel Dalsnibba, anderthalbtausend Meter hoch. Von hier aus erschließt sich die Berg- und Fjordwelt dem Betrachter wie ein 360-Grad-Gemälde in 3-D.

Unten im Fjord, ein Mekka auch für Kreuzfahrer, gehen manchmal bis zu fünf Schiffe gleichzeitig vor Anker - leider auch betagte Pötte wie die "Astoria" oder die "Maxim Gorki", die den oft windstillen Fjord mit Abgasen verpesten. Die Passagiere werden ausgebootet und mit Bussen über schwindelerregende Passstraßen zu den vielen Panoramapunkten der Umgebung gekarrt.

Die Straßen bezwingen

Das hat Tradition. Schon um die vorletzte Jahrhundertwende steuerten Dutzende von Kreuzfahrtschiffen vor allem von England aus den Fjord an. Landausflüge in offenen Droschken generierten ein fettes Zubrot für die Bauern der Umgebung. Die schlossen sich in Pools zu fünft oder sechst zusammen und schafften jeweils ein Automobil an. Die Firma Opel stellte besonders kräftig motorisierte, wendige Konstruktionen für Geirangers Bergstraßen her. Seit den 1920er Jahren beherrschten amerikanische Karossen der Marken Cadillac, Hudson, Studebaker, Buick oder Nash die Straßen um den Wunderfjord. In den Dreißigern strömten jeden Sommer die Passagiere von rund hundert Kreuzfahrtschiffen an Land. Viele dinierten im Hotel Union, das auch die luxuriösesten Ausflugskutschen bereithielt.

"Geiranger lag damals beim Verhältnis Autos zu Einwohnern an der Weltspitze", sagt lachend Finn Nustad, langjähriger Manager des Union. Im Kellergeschoss des 200-Betten-Hotels stehen neun penibel restaurierte Oldtimer, allesamt fahrbereit. Sie warten etwa auf Kronprinz Håkon und seine Mette-Marit, die immer wieder mal Kurzurlaub am Geiranger machen. Oder auf VIPs aus Wirtschaft und Showgeschäft. Auch Hochzeitspaare mit strapazierfähigem Konto lassen sich gern vor der Postkartenkulisse des Fjords herumkutschieren und ablichten. "Im Zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen das Hotel zwei Jahre lang für Offiziere requiriert und die Autos fortgeschafft", erzählt Finn. "Die Eigentümer des Hotels haben nach und nach über Anzeigen und Internet neun Stück ausfindig gemacht und zurückgekauft."

Die touristische Geschichte des Fjords ist mit der des Hotels eng verwoben. 1899 kaufte ein frisch verheiratetes Paar namens Karl und Julie Mjelva das vor sich hin krebsende Urhotel und beförderte es mit zäher Arbeit zur ersten Adresse am Ort. Karl, ein echter Pionier, schraubte auch Autos zusammen und baute das erste Wasserkraftwerk der Region, wodurch das Hotel elektrische Energie im Überfluss bekam. 1978 wurde das Haus, auf halber Höhe über dem Ort gelegen und mit einem spektakulären Blick aus Zimmern und Speisesälen gesegnet, abgerissen und an derselben Stelle modern neu erbaut. Was blieb, waren nur die beiden Bäume vor dem Eingang.

Was bleibt, ist die Stille

Mit Faszilitäten für Tagungsteilnehmer und Wellness-Urlauber gerüstet, hat es als einzige Herberge am Fjord fast ganzjährig geöffnet. Die traditionstreuen Eigner aus der vierten Mjelva-Generation haben die Wände der Gesellschaftsräume mit Fotos und Dokumenten behängt, welche die guten und schlechten Zeiten der Fjordbevölkerung aufleben lassen. Auch den knochenharten Bau der Straße nach Grotli, der für Geiranger einen wirtschaftlichen Schub bewirkte - von nun an war die Bergwelt für Touristen offen -, kann man auf Schwarzweißbildern von großer Intensität besichtigen. Das Union ist längst selbst Historie. Unsere Frage, ob daran gedacht werde, sich mit internationalen Hotelketten zu verbandeln, stößt auf empörten Widerspruch. Nie! Man darf das, eingedenk des eher unschmiegsamen Nationalcharakters, wohl ernst nehmen.

Abends auf einem Felsen am Fjord. Die Sonne verschwindet hinter den Steilhängen. Fort vom Fjord ist das sonderbare Völkchen der Kreuzfahrer, präsent nur noch die Stille. Leises Möwengackern, dazu das Plätschern des Baches am Grande Fjord Hotel. Zwei Angler hocken stumm wie Fische in ihrem Boot. Das Wasser schimmert dunkel, rätselhaft. An der Biegung zaubern Reflexionen einen langen, hellen Teppich auf die leicht gekräuselte Oberfläche. Um die Felsenzacken in der Höhe lichtet es noch, an diesem Abend im Spätsommer, wenn keine Kameratechnik die scharfen Kontraste des Scherenschnitts mehr auszubügeln vermag. Nur unsere Augen, diese Wunderdinger, schaffen das. Ist das nicht troll?

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