HOME

Hausboote: Sanftes Schaukeln, leises Gluckern

... und bloß keine Hektik. Wer auf dem Wasser wohnt, entschleunigt. Denn Ferien im Hausboot sind total entspannend. In Dänemark und anderswo.

Von Birgit Knop

Wir sitzen auf dem vorderen Deck. Dort, wo morgens die Sonne scheint. Den ersten Becher Kaffee in der Hand, frönen wir unserer liebsten Freizeitbeschäftigung: Wir beobachten unsere Nachbarn.

Sie, braun gebrannt (wahrscheinlich die Mutter), bringt ihre Sonnenliege in die richtige Position. Er (demnach der Vater) rollt auf seinem Rad über den hölzernen Steg. Holt wohl Brötchen. Die Jungs (der kleine ungefähr sieben, der große etwa zehn Jahre alt) laufen mit ihren Käschern auf und ab. Sie tragen Rettungswesten. Wahrscheinlich können sie noch nicht schwimmen, unkt unsere Tochter Lucie. Ob diese Familie das Schlauchboot mit dem Außenbordmotor mitgebracht hat? Wir brauchen kein Boot. Uns genügt das sanfte Schaukeln des Hausbootes.

In Kalifornien, Amsterdam, Paris und Hongkong gehören sie zum Stadtbild. Und Metropolen mit Visionen - wie Hamburg, Berlin und Kopenhagen - versuchen, "schwimmende Immobilien" in ihren Binnenhäfen, auf Seen oder an Flussläufen zu etablieren. Für Nichteingeweihte: Hausboote haben meist einen eigenen Antrieb, schwimmende Häuser nicht. Sie werden mit Booten zu ihrem Liegeplatz gezogen und vertäut. Insider nennen die modernen, teilweise sogar futuristischen Häuser "floating homes". Unser schwimmendes Heim hat zwei Etagen, eine schicke offene Küche, Fernseher, Stereoanlage, drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eins davon mit riesiger Wanne, und ist ganzjährig zu mieten. In einem Katalog für dänische Ferienhäuser wird es mit fünf Sternen dekoriert.

Bei Familien mit Kindern ist Dänemark sehr beliebt. Das Meer! Die Strände! Ein maritimes Wunderland zwischen Nordund Ostsee. Man kann angeln, segeln, surfen, Rad fahren, golfen und neuerdings eben auch sanft auf einem Hausboot schaukeln. Die üblichen Freizeitaktivitäten inklusive.

"Floating homes"

"Der Trend geht zum Wasser", sagt der Hamburger Architekt Martin Förster, der sich als einer der Ersten in Deutschland mit schwimmenden (Im)Mobilien den Traum vom Leben am und auf dem Wasser erfüllte. Ziel sei es, tote Wasserflächen zu beleben. "Doch nach anfänglicher Euphorie tun sich unsere Behörden bei der Abstimmung untereinander manchmal noch etwas schwer." Nicht viel anders ist die Situation in Dänemark. Niels Holck, Direktor des dänischen Hausbootherstellers Waterliving, berichtet über vergleichbare Erfahrungen mit der Bürokratie, hat es aber immerhin geschafft, Genehmigungen für etwa 150 schwimmende Häuser zu bekommen. Und freut sich schon jetzt auf das erste Hotel auf dem Wasser, das voraussichtlich im Mai in Kopenhagen eröffnet wird.

Vorreiter war eine kleine, innovative Gemeinde im Süden des Landes auf der Insel Lolland. Die Stadtväter von Sakskøbing waren die Ersten, die zustimmten, im Hafen zehn Liegeplätze einzurichten, und mit den "floating homes" eine neue touristische Attraktion schufen. Holck: "Es war ein langer Weg. Unser nächstes Projekt ist Nakskov mit Tipps + Adressen 104 Plätzen." Auch Nykøbing auf Seeland bietet seinen Gästen seit dem vergangenen Sommer acht schwimmende Häuser an. Alle ausgestattet mit Whirlpool und Internetanschluss. Fest vertäut im alten Hafen.

Anne Christiansen berät Touristen in ihrem kleinen Büro auf dem Marktplatz von Sakskøbing. Sie meint, es sei an der Zeit, den nicht mehr benötigten Verkehrshafen endlich in einen Freizeithafen umzuwandeln. "Hier ist jede Veränderung besser als gar keine Aktivität." 90 Prozent der Feriengäste seien Dänen. Nun hofft man auf Deutsche, Holländer und Engländer. Am Anfang seien viele aus dem Ort gegen das Projekt gewesen. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Mehr noch: Die Menschen sind neugierig und flanieren am Ende des Tages an den schaukelnden Ferienhäusern vorbei - während wir zu fortgeschrittener Stunde auf dem hinteren Sonnendeck unseren Sundowner schlürfen und Ausschau halten.

Alles im Boot

Sehen und gesehen werden. Knutschend und kreischend vertreiben sich Teenies die Zeit auf einer Badeplattform im Schein der untergehenden Sonne. Aus dem Schilf gleitet ein stolzes Schwanenpaar mit fünf Kleinen, eine sechsköpfige Entenfamilie paddelt schnatternd vorüber. Außerdem auf dem allabendlichen Programm: die Schwalben. Ihre Flugkünste zu bewundern ist spannender als fernsehen. Laue Brise, sanftes Wiegen, leises Gluckern. Ein Hausboot macht ruhig, zufrieden und bequem. Gedanken kreisen.

Wie wäre es mit einem Ausflug? Vielleicht ein Abstecher zum Strand? Ach, lass uns hierbleiben! Essen gehen? Wieso, wir haben doch alles im Kühlschrank. Einen Ausflug nach Møn zu den berühmten Kreidefelsen und der Steilküste sollten wir aber unbedingt unternehmen! Können wir das am Ende der Ferien machen? Langsam fährt die Nachbarsfamilie in ihrem Schlauchboot an uns vorbei. Leise tuckert der Außenbordmotor. Wir winken.

print

Wissenscommunity