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Helsinki: Highlight im Norden

Der Finne neigt zur Übertreibung: Ist er traurig, dann gleich doppelt. Scheint die Sonne wie jetzt zur Mittsommernachtszeit, ist er Tag und Nacht aus dem Häuschen. Zudem treibt in der Hauptstadt Helsinki die Kreativität ihre Blüten: neue Läden, skurrile Ideen, volle Cafés. Also nichts wie hin.

Von Anja Lösel

Wenn das Wetter mitspielt, ist alles ganz leicht. Dann hat Helsinki einen gefühlten Breitengrad wie Mailand: Auf der Prachtstraße Esplanadi flanieren Studenten mit weißen Kappen und elegante Mädchen in bunten Sommerkleidern. In überfüllten Straßencafés nuckeln Schüler an ihrer finnischen Rio Cola. Und im trendigen Designviertel schieben sich Menschentrauben von Shop zu Shop. Bei "Ivana Helsinki" gucken besonders viele - wegen der Schmetterlinge, der Fasane oder Motten. Die sitzen überall: an den Wänden, auf dem Tisch, auf Kleidern, T-Shirts, sogar auf der Unterwäsche. Die beiden Schwestern Paola und Pirjo Suhonen haben je nach Saison wechselnde Tiere zu ihrem Wahrzeichen erklärt und einfach alles damit bedruckt - vom Minirock bis zur Handtasche. "Fennofolk" nennen sie ihre Mode: "Moderner skandinavischer Stil mit slawischen Elementen."

Jahrzehnte litt man unter der Nachbarschaft zur Sowjetunion, heute ist die Nähe zu Russland das größte Zukunftskapital. Gerade hat die Stadtverwaltung beschlossen, Finnlands Hauptstadt in Zukunft als exotischen Berührungspunkt zwischen Ost und West zu vermarkten, als eine Art Istanbul des Nordens. Die Designer haben als Erste begriffen, dass so eine Nahtstelle zwischen den Kulturen der beste Nährboden ist für Wagnisse und Experimente. Immer fantasievollere Läden, jede Menge Kneipen und Cafés öffnen, und die wenigen, die es schon gab, werden erobert von jungem Publikum. Im Traditionscafé Ekberg auf der Bulevardi etwa mischt sich zwischen das Torten verzehrende Stammpublikum die nordische Boheme, Studenten, Fotografen, Musiker und Filmleute. Sie lieben die altmodischen Lampen mit den kleinen Palmen aus Messing und die Kuchen in Form von Champagnerkorken.

Gekachelter Tresen und Sonnenuntergangstapete

Gleich um die Ecke liegt der Laden von Hanna Sarén, einer jungen Frau mit blondem Pagenkopf, die sich immer noch über ihren schnellen Erfolg freuen kann. Seit die US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker in einer Folge von "Sex and the City" Holzpantinen von Sarén trug, rennen ihr junge Europäerinnen die Bude ein. Ein paar Meter weiter hat Regisseur Aki Kaurismäki in einem schlichten 70er-Jahre-Haus sein "Café Moskva" eröffnet - mit gekacheltem Tresen und Sonnenuntergangstapete. Der Meister, heißt es, komme ab und zu selbst vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und ein Glas Wodka zu trinken. Oder auch zwei. Immer lümmeln ein paar hübsche Mädchen herum, die sich Hoffnung machen, entdeckt zu werden.

"Noch vor ein paar Jahren", erzählt Hanna Sarén, "gab es hier nichts. Wir konnten nicht mal irgendwo nett sitzen und mit Freunden quatschen." Jetzt ist ihr Laden umzingelt von Kneipen, Cafés und netten Restaurants wie dem "Tori2. Das Design-Viertel besteht eigentlich nur aus ein paar Straßen im Stadtteil Punavuori. Am Wochenende scheint hier das Herz der Stadt zu schlagen. Alles, was jung und neugierig ist, schlendert genau hier umher. Wir natürlich auch. Gucken rein zu "Secco", wo alle Dinge aus Recyclingmaterial hergestellt sind: Krawatten, die früher mal Anschnallgurte waren, Handtaschen mit Telefonhörer- Henkel, Notizbücher aus Festplatten und Ringe aus Computertasten.

"Hier ist Gründerstimmung"

Bummeln weiter zu "Lux", wo die Kleider Kaktusmuster tragen und Taschen mit Baukranmotiven bedruckt sind. "Jede Woche müssen neue Sachen im Laden sein", sagt Andras Hari, der sich die Muster ausdenkt, "dann kommen die Leute auch regelmäßig vorbei." Schauen ins "Myymälä2", wo sie jeden Monat die Wände anders bemalen. Gareth Hayes hat die Souterrain-Galerie gegründet, ein quirliger Kerl, der London verließ, weil er Helsinki aufregender fand. "Hier ist Gründerstimmung", sagt er. "Unser Laden ist eine offene Plattform. Jeder bringt Sachen her, und wir gucken dann, was sich verkauft." Wer’s klassisch mag, geht zu den Traditionsläden "Marimekko", "Artek" und "Iittala" auf der Flanierstraße Esplanadi. Gute Form war immer schon eine Stärke Finnlands.

Den genialen Architekten und Möbelentwerfer Alvar Aalto kennt hier jedes Kind. Sein schlichter Hocker "Nr. 60" von 1932 wurde drei Millionen Mal verkauft und ist immer noch ein Bestseller. Aalto ist allgegenwärtig in Helsinki. Er baute die akademische Buchhandlung mit dem kleinen 60er-Jahre-Café, das Finlandia-Haus am Töölön-See und die Bank mit Bronzefassade an der Esplanadi. Er richtete das Restaurant "Savoy" ein und setzte ein imposantes Bürohaus an den Hafen. Nach Alvar Aalto kam leider jahrzehntelang nicht mehr viel im finnischen Design. Bis Harri Koskinen 1996 die Block-Lampe erfand. Wie eine in Eis eingefrorene Glühbirne sieht sie aus: kühl, klar, schön - finnisch eben. Das ungewöhnliche Stück katapultierte den ernsten jungen Mann von null an die Spitze der Design-Welt. Sehnsüchtig hatten die Finnen gewartet auf einen wie ihn, der alles kann: Sessel und Tische entwerfen, Lampen und Küchengeräte. Und als hätten sie längst in den Startlöchern gesessen, trauten sich auf einmal auch all die anderen hervor mit ihren Möbelentwürfen, Kleidern und Vasen. Helsinki ist wieder Design-Stadt.

Picknicken im Design-Viertel

Wer sehen will, wie alles anfing, sollte zu "Iittala" fahren. Im Stadtteil Arabia steht die Urzelle des finnischen Designs: eine Fabrik aus den 30er Jahren, heute mit Hochschule, Bibliothek, Museum, Café und Shop. Hier arbeitete Harri Koskinen als Student. Hier entstehen noch immer Aaltos Vasen und die geriffelten Wassergläser, die es fast in jedem finnischen Haushalt gibt. Wir gucken zu, wie schweigsame blonde Frauen Geschirr mit buntem Ringelmuster aus riesigen Brennöfen ziehen, und fühlen uns ein wenig wie in einem Kaurismäki-Film. Im schönen Shop kaufen wir eins von Koskinens bunten Windlichtern und bewundern seinen neuesten Hit "Oma": schlichtes, weißes Geschirr auf einem edlen Holztablett. Zurück geht’s mit der Straßenbahn, Helsinkis beliebtestem Verkehrsmittel. Kleiner Zwischenstopp in der Hakaniemi- Markthalle. Hier gibt es neben Fischen und getrocknetem Rentierfleisch auch traditionelles Finnen-Design: Kittel im Großmutterstil, Röcke, Knöpfe.

Wer Glück hat, kann Finnlands Staatspräsidentin Tarja Halonen treffen. Sie wohnt gleich nebenan, und im Marktcafé ist immer ein Platz für sie reserviert - mit Namensschild aus Messing. Um 19 Uhr schließt der letzte Laden. Weil die Sonne erst nach 22 Uhr untergeht, machen wir’s den Finnen nach und gehen picknicken. Im Sinebrychoff Park, gleich neben dem Design-Viertel, liegen sie bequem auf der Wiese, das Fahrrad im Gras, Sonnenbrille auf der Nase, Bierdose in der Hand. Später folgt ein Spaziergang auf dem Küstenweg, wir trinken Espresso im Café "Ursula" und setzen mit der Fähre hinüber zur winzigen Insel Uunisaari. Auf den Felsen sitzt sich’s fein in der Abendsonne, im Wasser dümpeln die Segelboote, und am Strand wetteifern die Gänse beim Picken. Elf junge Frauen tanzen im Kreis herum, alle mit roten Perücken - von Orangefeurig über Knallpink bis Hennadunkel. Hexen? Nein, nur Junggesellinnen: Morgen wird eine von ihnen heiraten, dann ist es aus mit der Freiheit, heute wollen sie noch mal richtig aufdrehen.

Ölige 50er-Jahre-Tollen

Die nächtliche Karawane zieht weiter zum Hafen, dort ist Cruising Night. Amerikanische Limousinen aus den 40er und 50er Jahren fahren im Kreis, blank poliert und in Bonbonfarben lackiert. Im Sommer ist an jedem ersten Tag des Monats Autokorso, auch diese Art von Design lieben die Finnen. Viele legen sich dafür ölige 50er-Jahre-Tollen ins Haar - die "Leningrad Cowboys" lassen grüßen - oder schmeißen sich in Petticoats. Zwei blonde Mädchen im Minirock spielen Marilyn und rekeln sich kichernd auf der Kühlerhaube eines Fords mit besonders langen Heckflossen. Fast Mitternacht ist es jetzt, immer noch leuchtet der Himmel rosig. Der Tag kann lange weitergehen.

Anreise

Direktflug Berlin - Helsinki mit Air Berlin ab 109 Euro. Telefonvorwahl Finnland: 00358

Hotels

Palace Hotel Linna: Trutzburg aus grob behauenen Steinen mit bunten Fenstern. Lönnrotinkatu 29. DZ ab 159 Euro; Tel.: 10/344 41 00, www.hotels-helsinki.com/palacelinna.html.
Klaus K: Schickes Design-Hotel mit Day Spa. Bulevardi 2–4. DZ/F ab 224 Euro; Tel.: 20/770 47 00, www.klauskhotel.com.

Design-Walks

Helsinki Expert: Führungen durchs Design-Viertel. Noch bis zum 29. August, Mo. bis Fr., 12 Euro; Tel.: 09/22 88 16 00, www.helsinkiexpert.fi.
Weitere Infos: www.designdistrict.fi.

Design-Shops

Artek Store: Artek, gegründet 1935 von Alvar Aalto, ist noch heute die wichtigste Design-Firma des Landes. Der Renner im Laden: Aaltos Birkenholzhocker Nr. 60. Eteläesplanadi 18.
Iittala: Hier gibt es Glas und Geschirr. Pohjoisesplanadi 25.
Arabia Factory: Werkstätten, Galerie, Laden, Hochschule - alles in den Gebäuden der Porzellanfabrik Arabia. Hämeentie 135.
Marimekko: Knallbunte Stoffe, die Muster sind Kult seit 40 Jahren. Pohjoisesplanadi 2.
Ivana Helsinki: Schöner kleiner Laden mit sehr liebevoller Dekoration. In jeder Saison gibt es Symboltiere: mal Schmetterlinge, mal Fasane. Von der Tasche über die Pantoffeln bis zum Tablett ist dann alles mit diesem Muster bedruckt. Nicht gerade billig, aber sehr schön: 84 Euro kostet eine Tasche mit Vogelmuster, 77 ein Kinderkleid. Uudenmaankatu 15. Hanna Sarén: Seit Jessica Parker in "Sex and the City" mit finnischen Holzschuhen rumstöckelte, kann Hanna Sarén sich vor Bestellungen kaum retten. Frederikinkatu 45.

Restaurants

Tori: Mitten im Design-Destrict. Es gibt Lachs mit Kartoffelbrei (8,20 Euro) oder Riistakiusaus, eine Art Bauernschmaus aus Fleisch und Kartoffeln (8,20 Euro). Punavuorenkatu 2. Sea Horse: Von außen wie eine vergammelte Seemannskneipe, innen eins der schönsten Lokale von Helsinki. Kapteeninkatu 11.
Kosmos: Seit 1924 von derselben Familie geführt. Schon mancher Kaurismäki-Film spielte hier. Kalevankatu 3.

Cafés und Clubs

Café Ekberg: Kuchen in Form von Champagnerkorken. Bulevardi 9. Café Fazer: Schönes Lunchbüfett, feiner Kuchen und schick verpackte Schokolade. Kluuvikatu 3, nahe Esplanadi.
Café Moskva: Regisseur Aki Kaurismäki ist Besitzer dieses Lokals. Auch das Corona nebenan gehört ihm. Eerikinkatu 11.

Fahrräder

Greenbike: Bulevardi 32; www.greenbike.fi; 15 Euro/Tag. Citybikes: an vielen Orten der Stadt (2 Euro/Tag).

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