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Prototyp fürs Paradies: Cook Islands: Abtauchen in der blauen Weite des Südpazifiks

Es gibt Fotos, die sind so schön, dass man ihnen misstraut. Unser Autor fragte sich zum Beispiel immer, ob der Südpazifik rund um die Cook Islands tatsächlich derartig blau schimmern kann.

Von Lars Nielsen

Die Cooks Islands, eine in die türkis-blaue Weite des Südpazifiks ge­würfelte Inselgruppe, könnte der Prototyp fürs Paradies gewesen sein.

Die Cooks Islands, eine in die türkis-blaue Weite des Südpazifiks ge­würfelte Inselgruppe, könnte der Prototyp fürs Paradies gewesen sein.

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Zum Glück kann der Kerl so elegant abbremsen wie er beschleunigt. Gerade noch war er ein kleiner, dunkler Fleck weit hinten in der Lagune, durch meine Taucherbrille überhaupt nur zu sehen, weil das Meer so klar ist. Nun steht er blausilbern schimmernd neben mir in der sachten Strömung: ein Giant Trevally, eine Dickkopf-Stachelmakrele. Wenn Sie jetzt an die geräucherten Dinger in der Fischtheke des Supermarktes denken, liegen Sie falsch. Der hier ist eins achtzig lang, hat fleischige Lippen im Quadratschädel und Augen in der Größe von Untertassen. Er beäugt mich mit der Würde und Gelassenheit, die es mit sich bringt, wenn man an der Spitze der Nahrungskette dieser Lagune steht, wedelt lässig mit der Schwanzflosse und schwimmt so schnell davon, wie er kam.

Als wir vor einer Stunde mit dem Motorboot hinausfuhren, kochte das Meer, oder jedenfalls sah es so aus. Ein Wolkenbruch entlud sich über uns. Es spritzte, als wenn man kaltes Wasser in eine Pfanne mit siedendem Fett gießt. Ein Spektakel! Aber nicht direkt das, warum man in Deutschland ins Flugzeug steigt und die gut 16.000 Kilometer in den Südpazifik zu den Cook Islands hinter sich bringt.

Traumkombination aus Palmen, Sand und Meer

Auf Aitutaki kann man es schon gar nicht gebrauchen. Nach Aitutaki kommt man wegen der Lagune, der  Sonne und der überirdischen Farben des Wassers: Hellblau, Königsblau, Türkis in sämtlichen Abstufungen. Und von einer Intensität, als sei irgendwo unter der See eine gewaltige Flutlichtanlage installiert. So jedenfalls zeigen es alle Fotos. Aitutaki ist die Schönheitskönigin unter den Inseln, Bilder ihrer Traumkombination aus Palmen, Sand und Tropenmeer zieren Fototapeten und Bildschirmschoner. Den Ritterschlag erhielt ihre Lagune durch den Lonely-Planet-Gründer Tony Wheeler: Er ernannte sie zur schönsten der Welt.

Nur: Was ich stattdessen sehe, wirkt seit dem Morgen leider, als habe der Herr der großen Beleuchtungsbatterie den Strom abgedreht. Aber zugegeben, das Wasser hat immer noch ein Schillern, wie es die Nordsee niemals hinbekommt. Ein Blick nach oben – ein Silberstreif? Doch in langer Prozession ziehen Wolken herbei. Irgendwo dort hinten haben sie die nördlichen Atolle überquert – das einsame Suwarrow vielleicht, auf dem nur zwei Wächter leben, Manihiki, in dessen gewaltiger Lagune die sagenhaften schwarzen Perlen gezüchtet werden, für die vermögende Golfaraber absurde Preise bezahlen. Oder Pukapuka, gut 1000 Kilometer entfernt, so weit draußen, dass seine 500 Bewohner eine eigene Sprache sprechen, nicht das hier sonst geläufige Cook-Islands-Maori.

So weit entfernt tatsächlich, dass Flüge mit dem Kleinflugzeug dorthin mehr kosten, als ein Linienticket in die USA. So weit, dass man mit dem Versorgungsfrachter tagelang über offenes Meer unterwegs ist. Und erst zurückkehrt, wenn nach ein paar Wochen der nächste Frachter kommt. Wenn …

"Wir sind eine kleine Inselnation, aber ein großer Ozeanstaat"

Der Wind schiebt die weissen Schwaden über uns und weiter zu den südlichen Inseln, vorbei an Takutea und Atiu bis hinunter nach Mangaia, dem mit 18 Millionen Jahren ältesten Atoll im Pazifik. Oder nach Rarotonga, der Hauptinsel, in deren Minikapitale Avarua um diese Zeit Henry Puna vielleicht wieder im Café »Salsa« beim Mittag sitzt und ein Seafood-Sandwich verputzt.

Die Meuterei auf der "Bounty" brach in der Lagune von Aitutaki aus. Wer wollte von hier aus auch schon zurück nach England?

Die Meuterei auf der "Bounty" brach in der Lagune von Aitutaki aus. Wer wollte von hier aus auch schon zurück nach England?

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So wie vor zwei Tagen, als er locker aus seinem Büro ins Café geschlendert kam, in weißer Hose, blau-grünem Hawaiihemd, einen Blumenkranz um den Hals, das volle weiße Haar sorgfältig gelegt, den Schnäuzer präzise gestutzt, auf der Nase eine verlaufsgetönte Sonnenbrille. Was ihn insgesamt zwar lässig aussehen ließ, aber kaum wie den Premierminister eines Landes von der Größe Mexikos. Na gut, eines Landes von der Ausbreitung Mexikos, dessen 15 in die Weite des Südpazifiks gewürfelte Atolle es zusammen gerade auf die Landfläche Frankfurts bringen bei insgesamt nicht ganz so vielen Einwohnern wie Husum: knapp 20.000.

Kaum wie einen beredten und anerkannten Advokaten der Belange der Inselstaaten des Südpazifiks, ihrer Sorgen wegen des Klimawandels, der Überfischung ihrer Gewässer und der Bedrohung ihrer traditionellen Kultur durch beides. Ein Mann, der als Regierungschef verantwortete, dass die Cook Islands im Jahre 2012 mehr als 60 Prozent ihrer Gewässer zum "Marae Moana" erklärten, einer Meeresschutzzone, dem damals größten Projekt dieser Art weltweit. Und dessen selbstbewusstes Credo lautet: "Wir sind eine kleine Inselnation – aber ein großer Ozeanstaat." Und so machte die Bedienung einen respektvollen Knicks vor ihm, bevor sie die Bestellung aufnahm und davoneilte.

Mike, der Vorzeige-Universalkreative der Cook Islands

Das käme Mike Tavioni eher nicht in den Sinn, der mit mir gerade am Nachbartisch saß, seinerseits gewandet in ein zerschlissenes rotes Karohemd, Haare und Bart in sämtliche Richtungen weisend, während er sich nach Herzenslust über das Lieblingsprojekt seines Premierministers ausließ.

Tavioni ist so etwas wie der Vorzeige-Universalkreative der Cook Islands: Erschaffer kolossaler Steinskulpturen, Holzschnitzer, Autor, Projektkünstler, Aktivist. Und als solcher erklärte er mir, was er von dem Meerespark hält: "Das Geld, mit dem der finanziert wird, fließt doch nur in die Taschen der Leute, die dafür arbeiten."

Kirchgang am Sonntag in Rarotonga: Fast alle Bewohner der Cook Islands sind Christen

Kirchgang am Sonntag in Rarotonga: Fast alle Bewohner der Cook Islands sind Christen

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Vielleicht lag sein Ärger aber auch daran, dass der Premier gerade Tavionis aktuellem Lieblingsprojekt die gewünschten Förderungsdollar versagt hatte: dem Bau einer Flotte von 25 Wakas, traditionellen Großkanus, mit denen Tavioni ein Rennen um die Inseln veranstalten wollte. Und so hatte er im Moment nur das Budget für ein einziges Holzboot beisammen.

Der Künstler machte sich in einer Lautstärke Luft, die sein Staatschef kaum überhören konnte. Dennoch aß der in aller Ruhe auf, kam herüber, verteilte Handshakes und ging wieder regieren. So ist es wohl in einer Gemeinschaft mit so wenigen Menschen – wie auf dem Dorf. Man kennt einander mit allen Schrullen, man hat diese oder jene Differenz. Aber am Ende müssen alle miteinander auskommen. Und man hat trotz allem eine gemeinsame Basis. In diesem Falle: die See. Der eine will sie gegen asiatische Raubfischer schützen, der andere zum Ort eines Happenings machen. Oder, wie Tavioni es ausdrückte: "Wir leben auf den Inseln, aber unsere Heimat ist das Meer."

Kokospalmen knirschen, knistern und knattern im Wind

Das Meer ist auf den Inseln tatsächlich überall, sogar auf dem Land kann man ihm kaum entgehen. Ich habe es versucht. Am Strand von Rarotonga donnert der Pazifik Tag und Nacht mit einem Grollen gegen den Riffsaum, als rase dort ein niemals endender Güterzug entlang. Weiter landeinwärts umschließt eine Ringstrasse die Insel, befahren von den einzigen Buslinien, deren eine "Clockwise" als Fahrziel auf der Frontscheibe ausweist, die andere "Anti Clockwise", dazu Autos und Mopeds, die, den lokalen Tempolimits folgend, über den holperigen Asphalt schleichen. Hier vermischt sich der Donner der Wogen mit dem Gackern der allgegenwärtigen verwilderten Haushühner und den Geräuschen, die Kokospalmen im Wind von sich geben: Rascheln, Knirschen, Knistern, Knattern, Quietschen, je nach Stärke der jeweiligen Böe.

Wo keine Palmen stehen, sieht es ein wenig aus wie in einer Südfruchtabteilung: Bananen, Mangos, Papayas, Avocados, Passionsfrüchte – einfach alles wächst wild durcheinander, sogar Kaffeestauden. Nur um die Häuser ist das Land gerodet, breitet sich Rasen aus, auf dem sich die Gräber der Vorfahren verteilten. Man hat hier die Familie immer gern um sich. Manchmal kommt auch ein kleiner Autofriedhof hinzu.

Erst ganz oben, fast 400 Meter hoch, auf den verwitterten Rücken der alten Vulkane, die Rarotonga einst aus dem Wasser wachsen ließen, war der Ozean nur noch ein fernes, leises Rauschen, wie es daheim in der Stadt der Verkehr manchmal tief in der Nacht ist. Dort oben lenkte ich meinen Mietwagen auf eine Lichtung mit einer Palme, deren Stamm unerklärlicherweise ein Telefon mit durchtrenntem Kabel zierte. Ein Huhn kam aus dem Unterholz, beäugte mich und verschwand wieder im Gestrüpp.

Der Blick dort geht weit hinunter, hier und da reckt sich ein Giebel aus dem Grün. Erst entlang des Straßenrings stehen die Häuser dichter, flache, meist eingeschossige Holzbauten in Weiß oder leuchtenden Pastelltönen. Selbst das lokale Gefängnis sieht mit seinen Baracken von außen mehr wie ein in die Jahre gekommenes Hostel aus. Dass der Gefängnisshop als Produkte der Sträflingswerkstatt ausgerechnet Ukulelen zum Kauf anbietet, lässt die Sache auch nicht wirklich kriminell wirken.

Die Sheraton-Pleite auf den Cook Islands

Weit und breit nicht ein Hotelkoloss oder eine größere Anlage. Komisch, könnte man meinen, schließlich liegt Rarotonga von Neuseeland etwa so weit weg wie Mallorca von Düsseldorf, zwei Drittel der Staatseinnahmen stammen von Touristen. Die Cook Islands befinden sich tatsächlich in "freier Assoziation" mit Neuseeland. Obwohl sie rechtlich unabhängig sind, zählen ihre Bewohner als Bürger Neuseelands, man kommt überall problemlos mit NZ-Dollar durch – kurz: eigentlich Idealbedingungen, um die Inseln unter der Tropenbrise zur Massenbräunungsstation für verfrorene Kiwis zu machen.

Gäbe es da nicht zum einen diese verwitterte Ruine unten im Wald zwischen den Palmen. Die Reste des Sheraton-Projekts erinnern jederzeit daran, dass der Versuch grandios scheiterte, den Tourismus hier ähnlich hochzufahren wie auf den benachbarten Fijis.

Vor gut dreißig Jahren borgte sich die Regierung 52 Millionen NZ-Dollar bei einer italienischen Bank, um damit ein 200-Zimmer-Resort zu bauen. Und man beauftragte auch gleich ein italienisches Bauunternehmen. Dumm nur: Die Firma ging überraschend pleite, nachdem ein Großteil des Kredits abgezogen war.

Diese Art von Subventionsbetrug kennt auf Sizilien jeder Bauer – hier war sie noch gänzlich unbekannt und produzierte beinahe einen Staatsbankrott, die dadurch unvermeidliche Entlassung hunderter Regierungsangestellter, das bis heute ungeklärte Verschwinden von zehn bis zwanzig Millionen NZ-Dollar (da die Unterlagen unauffindbar waren, weiß es niemand so genau) und die kollektive Erkenntnis, dass man so etwas bitte niemals wieder tut. Seitdem zieren eher kleine Resorts die Strände der Insel. Dazwischen mahnt das ausgeschlachtete Gerippe des Sheratons, dass es besser so bleibt.

Gekürzte Fassung: Den vollständigen Text über die Cook Islands von Lars Nielsen finden Sie in "Geo Saison", Heft 6/2018. Ab sofort am Kiosk für 6,50 Euro.

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