HOME

Dubai: Welt ohne Seele

Dubai ist eine gigantische Baustelle: Das höchste Hochhaus, die größte Shopping-Mall, künstliche Inselwelten, die Neueste dem Universum nachempfunden. Das meiste ist noch im Werden, doch was fertig ist, ist klinisch rein, geradezu aseptisch. Nach einer Weile wächst die Sehnsucht nach Gerüchen, Gewürzen und Schmutz.

Von Andreas Srenk, Dubai

Manche Städte erkennt man gleich an ihren Fortbewegungsmitteln. New York zum Beispiel. Alles voller gelber Taxis - und jede menschliche Odyssee in den Hochhaus-Schluchten wird irgendwann von einem Yellow Cab erfolgreich beendet. Oder London. Wo man geht und steht brummen rote Doppeldecker-Busse im Kriechgang durch die ewig verstopften Straßen.

In Dubai ist das alles beherrschende Fahrzeug der rollende Betonmischer. Die Fahrer - meist Inder oder Pakistani - bewegen ihre staubigen Kolosse hart an der Grenze zur Geschwindigkeitsüberschreitung. Doch die nächste Baustelle ist nie weit. 140 Hochhäuser wachsen zurzeit in den ewig blauen Wüstenhimmel. Darunter das höchste Gebäude der Welt, das Burj Dubai. 155 der geplanten 189 Stockwerke sind bereits hochgezogen.

Der Wettlauf um die "Himmelskrone" hat mittlerweile fast metaphysische Dimensionen erreicht: Die Bauherren machen ein großes Geheimnis über die tatsächliche Endhöhe. Sollten etwa die Chinesen bekannt geben, dass sie ein Haus mit 190 Stockwerken planen, kann man in Dubai immer noch eins draufsetzen. Oder zehn. Die Baustatiker geben zumindest bis 800 Meter Entwarnung. Vielleicht wird das Gebäude auf immer und ewig ein nie richtig vollendetes steinernes Gesamtkunstwerk. Eine Art Kölner Dom der Neuzeit.

Das Betreten der Baustelle ist verboten. Dafür wird der Besucher in ein sogenanntes Mock-Up-Apartment geschleust. In diesem Showroom kann man sehen, wie es sich künftig im Burj Dubai so wohnt. Und sich staunend fragen, warum manche Menschen 1,5 Millionen Dollar für eine Dreizimmerwohnung ausgeben. "Die Apartments waren nach acht Stunden verkauft", behauptet der Immobilienmakler stolz - und ist kurze Zeit später ziemlich entrüstet, als die Frage kommt, ob eine geschmackvolle Möblierung inklusive sei.

Auch Design-Purist Giorgio Armani will am Glanz dieses Hauses teilhaben und lässt in seinem Namen 2008 sein erstes Hotel mit 160 Zimmern eröffnen. Immerhin mit Möbeln.

Täglich immigrieren 800 Menschen

Ein Boot wartet. Es geht hinüber zu einer der fünf aufgeschütteten Kunstwelten vor der Küste des Emirates: "The Palm" heißt das Projekt, das im September 2008 eröffnet wird und aus drei Teilen besteht. Der Brite Benedict Fisher, ein Marketing Manager, erklärt eloquent die Ausmaße der aufgeschütteten Inseln: "Allein auf 'The Palm Jumeirah' entstehen 4000 Villen, 2500 Apartments, 30 neue Luxushotels." Bei den anderen Objekten wie Deira, Jebel Ali, Waterfront und World ist die Lage ähnlich. Und er sagt noch, wie stolz er ist, hier zu sein. Kein Wunder. Wer in Dubai lebt und arbeitet, zahlt keine Steuern, keine Krankenversicherung, hat einen ziemlich krisenfesten Arbeitsplatz. Das ist so verlockend, dass täglich 800 Menschen aus aller Welt immigrieren. Die einheimischen Araber machen nur noch knapp 18 Prozent der Bevölkerung aus. Und lassen arbeiten. Allein 300.000 Bauarbeiter hämmern, sägen und schrauben an allen Ecken und Enden der Stadt. Das entspricht knapp der Hälfte aller Beschäftigten der deutschen Bauindustrie. Beton und Eisendraht sind - so scheint's - fast so lebenswichtig wie Wasser und Öl. Und das neueste Projekt ist schon in Planung: "Universum". Ein weiteres Ensemble künstlicher Inseln, diesmal angeordnet gemäß der Position von Sonne, Mond und verschiedener Planeten im Sonnensystem. Und mit viel Platz für Luxuswohnungen und Geschäfte.

Noch so eine Zahl: Angeblich sollen 20 Prozent aller weltweit eingesetzten Kräne in der Stadt sein, die noch in den 60er Jahren so groß wie Reutlingen war und etwa 80.000 Einwohner zählte. Inzwischen wohnen 1,3 Millionen Menschen in Dubai, so viel wie in München. Im kommenden Jahrzehnt soll sich die Bewohnerzahl noch einmal verdoppeln.

"The Palm" hat von oben betrachtet die Form einer überdimensionalen Palme, mit Stamm und Wedeln, auf denen die schönen und auch die weniger schönen Reichen künftig einen ihrer zahlreichen Wohnsitze haben sollen. Die Häuser sind teilweise bewohnt. Um die Verkaufszahlen der Villen in die Höhe zu treiben, wirbt man gern mit Prominenten, die schon zugegriffen haben: Die Rennbrüder Schumacher zum Beispiel, David Beckham und auch Angelina Jolie. Welch herrliche Strandszenen bringen die Paparazzi demnächst an und auf die Palme: Vielleicht übt David Freistöße mit den Schumacher-Kindern, während Victoria sich am Grill versucht und sexy Angelina den Fluten mit einer Schnorchelbrille entsteigt.

Die Zeichen der bevorstehenden Nach-Öl-Zeit erkannt

Dubai hat nur noch sehr wenige sprudelnde Ölquellen, anders als das benachbarte Abu Dhabi. Die Herrscher-Familie der Al-Maktoums kann sich zugute halten, die Zeichen der bevorstehenden Nach-Öl-Zeit frühzeitig erkannt zu haben. Nun wird Dubai rasant zu einer Drehscheibe für Handel, Logistik und Tourismus ausgebaut. Allein in den Bereichen Luftfahrt und Hotellerie werden zurzeit rund 240 Milliarden Euro investiert, der Scheich setzt bei Neubau-Projekten auf umwelteffiziente Gebäude, sogenannte Green Buildings. Und hat überhaupt sehr fortschrittliche Ansichten. So durfte Mitte November sogar der Lifestyle-Sender MTV mit seinem ersten internationalen Popprogramm in Arabisch auf Sendung gehen. Trotzdem gibt es immer wieder böse Überraschungen. Kürzlich wurde ein junger ägyptischer Banker mit einem Krümel Hasch erwischt. Die gefundene Menge der weichen Droge betrug 0,03 Gramm. Das harte Urteil lautete vier Jahre Haft. Das sollte man mal einem Holländer erzählen.

Über die fünfspurige Verkehrsader der Sheikh Zayed Road geht es im Stop-and-Go-Takt zu zwei unterschiedlich konziperten Shopping-Welten. Vorbei an schmucken Häusern des sozialen Wohnungsbaus. Denn auch das gibt es: Leute, die mit jedem Dirham rechnen müssen. Vor allem bei der Miete. Da der Mietwucher in den vergangenen Jahren exorbitante Ausmaße erreicht hatte (mit Erhöhungen von bis zu 40 Prozent im Jahr), zog die Regierung die Notbremse: Maximal 7 Prozent darf das Wohnen von Jahr zu Jahr teurer werden. Überall in der Stadt wachsen wuchtige Betonstümpfe aus dem Boden. "Das wird unsere neue Metro", sagt Sami Hamad, der ortskundige Führer, während wir im Stau stehen. In nur vier Jahren Bauzeit werden 100 Kilometer Streckennetz aus dem Wüstensand gestampft. Die ersten Wagen fahren 2009. "Das ist auch nötig, denn unsere Autobahn ist schon wieder zu klein." Noch jeder mittelreiche Scheich hat zu Hause einen ganzen Fuhrpark stehen.

Will man keine Autos oder Hochhäuser, sondern flanierende Menschen sehen, muss man in Welt Nummer eins gehen, in eine der unzähligen Shopping-Malls. Das gesellige Leben, das sich in Europa in Szenevierteln, Straßencafés oder Biergärten abspielt, verlagert sich in Dubai in die Einkaufspaläste. Familien verbringen hier einen großen Teil ihrer Freizeit, essen bei Mc Donald's und kaufen bei H&M. Die "Mall of the Emirates" ist zwar 223.000 Quadratmeter groß, aber irgendwie auch schon wieder zu klein. Deshalb wird gerade die "Dubai Mall" gebaut. Die hat dann eine Million Quadratmeter und wird die größte in der Welt sein. Kleiner Vergleich: Die Hamburger Europa-Passage kommt gerade mal auf 30.000 Quadratmeter.

Malls, Boutiquen und Souks

Europäisch-individuell geht es in Welt Nummer zwei zu, den hippen Boutiquen wie "If" oder "Sauce", die auch in London und Berlin ihr Publikum finden würden und nun in Dubai überall eröffnen. "Bislang kaufen viele Europäer und Amerikaner bei uns, die Einheimischen haben manchmal noch ein wenig Schwellenangst", sagt eine Angestellte. Ein guter Anfang ist gemacht: Die Läden sind klimatisiert, hell, klinisch-sauber.

Mittlerweile funkt das Großhirn verzweifelte Signale: Es will kein "Zara" und kein "Gerry Weber". Es will Gerüche, Gewürze, Basargeschrei, vielleicht sogar ein wenig Schmutz. Allah sei Dank gibt es noch die Souks. Doch dort sind selbst die Säcke mit den Erbsen so akkurat gestapelt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Besitzer habe ein erfolgreiches Praktikum bei Edeka absolviert.

Eine Welt ohne Seele

Das alte, das traditionelle Arabien findet nur noch im sehr schönen Dubai Museum statt. Klein und geduckt zwängt es sich zwischen die modernen Wohn- und Bürotürme. Es ist im Fort Al Fahidi untergebracht, dem früheren Amtssitz der Regierung, und zeigt in didaktisch hervorragender Weise, wie die Menschen in früheren Zeiten etwa nach Wasser gegraben und Schiffe gebaut haben, warum ein Kamel sich als "Wüstenschiff" so gut eignet und wie man auch ohne Klimaanlage luftig gewohnt hat.

Das Ausflugsboot tuckert gemächlich über den Dubai Creek, einen kilometerlangen Meeresarm, der stadteinwärts führt. Rechts und links am Ufer ragen die mächtigen Wolkenkratzer empor. Das Wort "atemraubend" mag abgegriffen sein, aber in Dubai kann man es ruhig aussprechen. Trotz aller vorwärts preschenden Dynamik und der Selbsteinschätzung, Stadt des 21. Jahrhunderts zu sein, ist Dubai eine Welt ohne Seele. Ein funkelndes Gebilde aus Goldmarkt, Ferraris, glitzernden Shopping-Malls, künstlichen Skipisten, 6- oder 7-Sterne-Hotels, klimatisierten Häusern und Autos. Wenig Pflanzen, kaum Tiere. Der Blick geht in den Himmel. Die Sonne scheint. Der Blick geht nach vorn. Das Meer ist milchig-dunstig, unwirklich. Fehlt nur noch Jim Carrey, der um die Ecke biegt und einem bewusst macht, dass man sich in der Scheinrealität der "Truman Show" befindet.

Doch manchmal scheint blitzartig etwas auf vom wahren Leben da draußen. Ein armer Tropf aus Bangladesch, Gastarbeiter und Glücksucher, wie 80 Prozent der Bevölkerung, ist im besten Mannesalter verstorben. Er hatte sich in seinem bescheidenen Häuschen auf den Boden gelegt, um auf einer dünnen Matte zu schlafen. Wie daheim am Brahmaputra. Eine Giftschlange hat ihn in der Nacht gebissen.

Wissenscommunity