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Hawaii: Obamas Heimat auf Abwegen

Wer auf Hawaii nur ein sonniges Surfparadies erwartet, wird überrascht: Auf der Inselgruppe macht sich eine Unabhängigkeitsbewegung breit, die das Verhältnis zu den USA auf eine harte Probe stellt. Unterstützung kommt von ganz oben: Barack Obama.

Von Hannah Pilarczyk

Ruhig fuhr Professorin Lilikala Kameeleihiwa auf der sanft geschwungenen Straße ins Landesinnere von Oahu. Auf der Rückbank saß ihr siebenjähriger Enkel Keao. Schon oft waren die beiden die Strecke gefahren, erst zwischen schmalen Strandstreifen und grünen Bergen hindurch, dann an Schildern mit der Aufschrift "ceded land", abgetretenes Land, vorbei. Doch diesmal sollte die Fahrt nicht ruhig bleiben. Als sie eines der Täler passierten, die ehemals zum Anbau der Taropflanze genutzt wurden, doch jetzt öd lagen, brach es aus Keao heraus: "Schau nur, was die Amerikaner mit unserem Land gemacht haben!" Auf Kameeleihiwas Gesicht spannte sich ein breites Lächeln auf.

"Hawaii ist bereits, wie die Vereinigten Staaten sich noch bemühen zu werden", hat John F. Kennedy gesagt. Das ist 45 Jahre her. Doch Hawaii und die restlichen USA sind immer noch sehr verschieden. Wenn die USA nämlich so würden, wie Hawaii schon ist, dann gäbe es dort eher Misosuppe als Pancakes zum Frühstück, die Feuerwehrwagen hätten für den Notfall ein Surfbrett dabei, die Wirtschaft würde sich auf finanzkrisenunverdächtige Produkte wie Ananas, Kaffee und Macadamianüsse stützen. Und man hätte es mit einer ernst zu nehmenden Unabhängigkeitsbewegung zu tun, die schon deshalb vor einem kräftigen Energieschub steht, weil ein Hawaiianer gerade zum US-Präsidenten gewählt wurde: Barack Obama ist in Honolulu geboren und hat dort auch den Großteil seiner Kindheit verbracht.

Ein Viertel Oahus ist Militärbasis

Bereits bei der Landung in Honolulu wird klar, dass Hawaii nicht das blumenkranzbehangene Paradies für Surfer und Flitterwöchner ist, auf dem man sich mit Elvis-Imitatoren um Liegestühle streiten muss. Wie der Ellbogen des Sitznachbarn in einem überfüllten Flugzeug bohrt sich uns die Erkenntnis, dass Hawaii ein Land mit turbulenter Vergangenheit und unsicherer Zukunft ist, in den folgenden Tagen immer wieder in die Seite. Erster Ellbogenhieb. Die Flugbegleiterin bedankt sich über Lautsprecher bei allen Fluggästen, dann wendet sie sich an "those serving in the U.S. army": "Wir danken euch aus der Tiefe unseres Herzens." Wer von der Ansage nicht verblüfft ist, klatscht. Später an der Gepäckausgabe werden erbsengrüne Militärrucksäcke ausgespuckt, die von Männern und Frauen in Tarnfarben gegriffen und in den Marinestützpunkt Pearl Harbor im Süden, in den Kaneohe- Militärflughafen im Osten oder in die Schofield-Baracken im Inselinneren getragen werden. Fast ein Viertel von Oahu, der Hauptinsel Hawaiis mit der Hauptstadt Honolulu und den meisten der 1,3 Millionen Einwohner, wird vom US-Militär als Stützpunkt genutzt.

Wären die Armeebasen an den verschiedenen Zipfeln der Insel nicht da, könnte man Oahu auf seiner Küstenstraße einmal umrunden. Doch mit Hawaii hatten die USA schon immer mehr vor, als nur dort Urlaub zu machen. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten sie das kleine Königreich zunächst als Handelspartner und wichtigen Ausgangspunkt für Geschäfte im restlichen Pazifik. Als die hawaiianische Königin Liliuokalani sich 1893 daran machte, ihrem Land eine neue Verfassung zu geben, die wieder mehr Macht am Königshof konzentriert hätte, sahen europäische und US-amerikanische Handelsleute ihre Geschäfte gefährdet.

1959 wurde Hawaii eingegliedert

Mit Hilfe der US-Flotte stürzten sie Liliuokalani, die den fremden Soldaten nichts als eine kleine Palastgarde entgegensetzen konnte. Seitdem ist das US-Militär in Hawaii präsent. Zum identitätsstiftenden Merkmal wurde es aber erst 1941, als die Japaner Pearl Harbor angriffen und damit den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg provozierten. Unter dem nicht schwinden wollenden Eindruck der japanischen Bomben stimmten die Hawaiianer 1959 schließlich auch in einer Volksabstimmung für die Eingliederung ihrer Inseln in das Bundesgebiet der USA. Lang galt dieses Datum als Geburtsstunde von Hawaii. Doch ein zweiter Ellbogenhieb lässt uns anders darüber denken.

"Und was sehen wir hier?", fragt Keanu Sai in die Runde. Langsam zeichnet sein elektronischer Marker die Buchstaben auf einem auf eine Leinwand projizierten Foto nach. "T-r-ea- t-y o-f C-e-s-s-i-o-n", Abtretungsvertrag, wird dort sichtbar. Ein Raunen geht durch das Publikum. Sai hat die letzte Stunde damit verbracht, seine These zu belegen, dass Hawaii nie seine staatliche Souveränität aufgegeben habe. Dazu hätte es eines Abtretungsvertrags mit den USA bedurft, doch der wurde nie abgeschlossen. Nun hat Sai ein Foto einer Statue von William McKinley, dem US-Präsidenten zur Zeit der Annektierung, an die Leinwand geworfen. Es zeigt, dass ihm ein Vertragswerk in die Hand gelegt wurde, das es nie gegeben hat. Geschichtsklitterung in Stein!, das ist der einzige Schluss, den Sais Beweisführung zulässt.

Mach dich mit deiner Herkunft vertraut

Der Vortrag ist Teil des Festes, das heute auf dem Rasen vor dem Iolani Palace, dem Königspalast von Honolulu, gefeiert wird: Es wäre der 170. Geburtstag von Königin Liliuokalani gewesen. Mit Infoständen, Hula-Tanz einlagen und jeder Menge Shave Ice, dem grellbunten Wassereis von Hawaii, gedenken die Menschen ihrer letzten Königin und der unrühmlichen Geschichte ihrer Absetzung. Der viktorianisch anmutende Iolani Palace ist eines der wenigen verbliebenen historischen Gebäude in Honolulu. Mit der Eingliederung in das US-Bundesgebiet musste der Großteil der Kolonialarchitektur, der aus der britischen Besatzungszeit überlebt hatte, erst Büros, dann Hotel komplexen weichen. Fast wäre der Iolani Palace, der einzige Königspalast auf US-amerikanischem Boden, auch abgerissen worden. Dann gründete sich ein Freundeskreis, der die Restaurierung finanzierte und nun Führungen durch den im Vergleich zu europäischen Prunkbauten bescheidenen Palast anbietet. Bei eisgekühltem Wasser und dick belegten Sandwiches legt Keanu Sai eine Pause ein. "1993, zum 100. Jahrestags des Putsches, trug mir meine Großmutter auf: Mach dich mit deiner Herkunft vertraut", erzählt der 44-Jährrige. "Und genau das tat ich." Er vergrub sich in das Staatsarchiv von Hawaii, las sich ins Völkerrecht ein und trat an das politikwissenschaftliche Institut der Universität von Hawaii heran, um dort seine Doktorarbeit zusammenzutragen.

Die Botschaft seiner Dissertation: Hawaii ist nicht Teil der USA, denn es hat recht lich nie aufgehört, ein souveräner Staat zu sein. "Aber wenn Hawaii noch immer souverän ist", fragt eine Zuhörerin Sai während seines Vortrags halb besorgt, halb verblüfft, "bin ich dann überhaupt US-Staatsbürgerin?" "Tja", antwortet Sai. "Und damit haben wir die Büchse der Pandora geöffnet." Mit einem Sphinx-Lächeln verabschiedet uns der kleine Mann in die Mittagssonne.

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In Hawaiinuiakea, der Schule für hawaiianisches Wissen an der Universität von Manoa, treffen wir Lilikala Kameeleihiwa. "Jeder, der behauptet, wir eingeborenen Hawaiianer wären etwas anderes als die US-amerikanischen Indianer - nun, der ist ein Rassist", kommt Lilikala Kameeleihiwa prompt zur Sache. Mit ihrem schwarzen Dutt und ihrem schwarz-rot gemusterten Tuch könnte die Mitsechzigerin auch als Flamencotänzerin durchgehen - wäre da nicht das blau tätowierte Band, das knapp unterhalb ihres Schlüsselbeins verläuft. Auf ihrer rechten Hand ist das Sternbild Kreuz des Südens eingestochen. In traditionellen polynesischen Gesellschaften steigt mit dem sozialen Status auch die Anzahl der Tätowierungen.

Strategisch gesehen ist Kameeleihiwa die Gegnerin von Keanu Sai. Während er rechtlich argumentiert, ist ihre Forderung nach Selbstbestimmung ethnisch begründet. "Sollte Hawaii eines Tages unabhängig werden, heißt das für uns Eingeborene noch gar nichts. Wir werden weder unser Land zurückbekommen noch sonstige Mitspracherechte haben", sagt die Historikerin und Mitbegründerin des Instituts für Hawaiianische Studien. 205 Bachelor- Studenten hat das Institut zurzeit, der Einführungskurs "Hawaii, Center of the Pacific" zieht 1225 Studierende pro Semester an. "Der beliebteste Kurs an der ganzen Uni", lässt uns Kameeleihiwa wissen - ein ganz gezielter Ellbogenhieb. Einmal im Jahr reist sie mit einigen ihrer Studenten nach New York, um dort bei der UNO am Ständigen Forum über indigene Angelegenheiten teilzunehmen. "Ja, ich will, dass wir als Eingeborene anerkannt werden ", sagt Kameeleihiwa. "Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn uns Reservate zugeteilt werden - dann haben wir doch wenigstens Land!"

Obama signalisierte Unterstützung

Ähnlich pragmatisch sieht Kameeleihiwa auch die Akaka Bill. Der Gesetzesentwurf, der auf den hawaiianischen Senator Daniel Akaka (Demokraten) zurückgeht, ist das wohl größte Politikum auf den Inseln. Der Entwurf sieht die Einrichtung einer Regierungsbehörde nur für Eingeborene vor. Nach offiziellen Angaben werden von den knapp 1,3 Millionen Hawaiianern rund achtzehn Prozent zu den Eingeborenen gezählt. Wegen der Frage, wie ein Eingeborener definiert werden kann, ist die Akaka Bill aber hochumstritten. Denn ist es nicht rassistisch zu bestimmen, wer durch wie viel ethnische Anteile als Eingeborener gewertet werden kann und wer nicht?

Barack Obama hat dennoch bereits seine Unterstützung für die Akaka Bill signalisiert - ein erster Schritt in Richtung Eingeborenenregierung, ist sich Kameeleihiwa sicher. Ihr Vorbild sind die Eingeborenen von Alaska. "Die haben einen dürftigen Gesetzesentwurf über mehr Selbstbestimmung durchgebracht. Seitdem sind sie jedes Jahr an den Kongress herangetreten, um Nachbesserungen anzubringen - mit Erfolg." Einen konkreten Zeitpunkt für eine Eingeborenenregierung nennt sie nicht. Bis es so weit ist, will sie an ihrem Institut aber genügend Studenten ausgebildet haben, um eine funktionsfähige Administration aus Eingeborenen aufbauen zu können. Welche Rolle sieht Kameeleihiwa für sich selbst in einer möglichen Eingeborenenregierung? "Ich würde sehr gern das Land- und Ernährungsministerium übernehmen." Sie zeigt auf einen der Hügel, mit denen hinter dem Unigelände das Inselinnere beginnt. "Dort würde ich eine Mangoplantage anlegen. Gott, wie wäre es schön, wenn dort wieder etwas wachsen würde."

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