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Kenia: Leere Strände, leere Kassen

Während in der kenianischen Hauptstadt und im Nordosten des Landes die Gewalt eskaliert, ist es an den Traumstränden von Mombasa friedlich. Trotzdem muss die Tourismuswirtschaft hier ums Überleben kämpfen.

Von Roland Brockmann, Kenia

Hildegard K. ist eine Wiederholungstäterin. So nennt man an der Küste von Mombasa Gäste, die immer wieder kommen. Hildegard verbringt hier bereits seit sechs Jahren ihren Urlaub. Auch in diesem Jahr ist sie geflogen - trotz der Bilder des Schreckens nach den Wahlen im Dezember, die sie vorher zuhause in der Tagesschau sah.

Nun hockt sie an der Bar von Nyali Beach, trinkt einen Cocktail und empört sie sich. "Die können doch nicht die brennende Kirche von Eldoret zeigen, und sagen: das ist Kenia!" Das sei so einfach nicht wahr, hier sei alles friedlich. "Die Menschen sind freundlich wie immer."

Hildegard weiß, wovon sie redet, denn sie gehört nicht zu denen, die nur am Strand liegen. Gestern ist sie mit dem Minibus ins fünf Kilometer entfernte Mtwapa gefahren. Dort lief sie wie immer zu Fuß herum, und alles in dem Dorf war ganz normal.

Gefährdetet sind nur die Arbeitsplätze

Es sind Urlauber wie Hildegard, von denen die Hotels in Mombasa zurzeit überleben. Unerfahrene Touristen haben lieber umgebucht: Es gibt viele Strände auf der Welt, wozu ein Risiko eingehen? Aber ist die Küstenregion von Kenia überhaupt betroffen von den Unruhen in den Slums von Nairobi oder dem Nordwesten des Landes? Regionen, die immerhin über tausend Kilometer entfernt sind. Nach ersten Unruhen hatte sich die Küstenregion schnell beruhigt. "Kein einziger Urlauber ist durch die politischen Situation zu Schaden gekommen", sagt Katrin Schwering, die deutsche Managerin des Bahari Beach Ressorts an der Nordküste von Mombasa. Doch welcher Urlauber weiß das schon?

"Um siebzig bis achtzig Prozent ist der Tourismus hier eingebrochen", klagt Katrin Schwerin. Von 200 Betten im Bahari seien gerade mal neunzig belegt. Und das in der Hochsaison! Ständig schließen Hotels aus Mangel an Gästen. Ein Desaster vor allem für die lokalen Angestellten. "Rund 20.000 Menschen sind direkt im Tourismus beschäftigt", so die Managerin, die seit fünfzehn Jahren in Kenia lebt. "Von denen ist bereits die Hälfte ohne Arbeit. Weitere 120.000 hängen indirekt von den Urlaubern ab: Taxifahrer, Tourguides, Souvenirverkäufer. Deren Existenzgrundlage ist nun akut gefährdet."

Menschen wie Jenestella Muli, die am Strand Kangas verkauft. Jeden Tag kommt sie und hängt ihre bunten Tücher auf einer Leine am Strand auf. Doch seit Wochen ist der wie leer gefegt - nur ein paar Stammgäste relaxen unter der Äquatorsonne. Aber die haben bereits genug Souvenirs im Schrank. Kein einziges Tuch hat Jenestella seit Beginn des Jahres verkauft, aber als alleinerziehende Mutter vier Kinder zu ernähren. Längst gibt es für die nur noch Porridge mit Wasser, ohne Milch. "Ich bin pleite, habe nicht mal mehr Fahrgeld", sagt die 42-Jährige: "Wie soll das nur weiter gehen?"

Völkerverständigung am Tresen

Die wenigen Urlauber, die da sind, genießen die Ruhe. Kaum jemand ist vorzeitig abgereist. Allein, es kommen keine neuen Gäste. Die meisten Airlines fliegen Mombasa gar nicht mehr an. Immerhin haben LTU und Condor noch nicht aufgegeben "Wenn sich nichts ändert", so Katrin Schwering, "ist die Saison bis nach Ostern gelaufen."

In der benachbarten Severin Lodge sieht es nicht viel besser aus: "Von 400 Betten sind nur 97 belegt", sagt der deutsche Besitzer Rudolf Schulte. Damit sei der Betrieb mit 350 Mitarbeitern nicht aufrechtzuerhalten. "Das Management verzichtet bereits freiwillig auf ein Drittel seines Gehalts", so Schulte. Nur damit es irgendwie weiter geht. Entlassen wurde noch niemand, aber wer noch Resturlaub hatte, musste ihn nun antreten. Und Kurzarbeit ist angesagt. Die wenigen Gäste verlaufen sich in der riesigen Vier-Sterne-Anlage. So leidet natürlich auch die Stimmung. An der Bar stehen vier Barkeeper aus vier verschieden Ethnien: Luo, Kikuyu, Kalenjin und ein Massai. Über den kleinen Bildschirm flimmern schon wieder Chaosmeldungen aus Eldoret und Nakuru. Doch genau die Stämme, die sich im Rift Valley bekriegen, arbeiten hier am Tresen der Severin Lodge friedlich zusammen.

Auch das zeigt, dass der politische Konflikt zwar entlang ethnischer Zugehörigkeiten ausgefochten wird, vor allem aber unter jenen, die stets zu den Verlieren der kenianischen Machtpolitik gehörten: den Arbeitslosen in den Slums von Nairobi und einfachen Bauern auf dem Land. Nicht aber unter der kenianischen Mittelschicht.

Sehnsucht nach Normalität

Es ist Abend. An einem normalen Freitag im Januar kocht sonst die Stimmung im Tembo: 3500 Gäste passen in die größte Disko von Ostafrika. Heute Nacht werden es nur 600. Immerhin brodelt die Tanzfläche gegen Mitternacht, die Leute wollen endlich mal wieder Party machen. Aber rechnen kann sich so ein Abend nicht für Walter Reif. "Wenn keine Touristen da sind, ist auch kein Geld im Umlauf", erklärt der Besitzer des Tembo. "Der normale Kenianer will einfach weiter leben und arbeiten." Aber selbst Geschäftsleute, lokale Leute bleiben nun weg. "Zwei bis drei Monate kann ich so noch durchhalten", so Reif. "Doch dann ist auch die Saison zu Ende."

Zwei Tage später werden zwei Deutsche an der Südküste von Mombasa ermordet. Nun leuchtet auch dieses Urlaubsparadies wieder negativ in den deutschen Medien auf. Dass der Raubmord von Diani nichts mit der politischen Situation im Land zu tun hat, geht dabei eher unter.

"Wer in Deutschland zur Zeit Bilder von Kenia sieht, denkt, das ganze Land steht in Flammen", sagt Katrin Schwering, während im Pool ihre Urlauber Unterwassergymnastik machen. Vom Mord des Parlamentsabgeordneten der Opposition oder dem des Polizisten in Nairobi erfahren sie später im Fernsehen. Genau wie ihre Freunde in der Heimat, die daraufhin aufgeregt SMS schicken: "Geht es Euch gut? Wir machen uns Sorgen."

"Hier ist alles super", antwortet dann auch Hildegard, genervt von der Unkenntnis ihrer eigenen Bekannten daheim. "Die allgemeine Panik schadet doch nur den Einheimischen hier", sagt sie und spaziert entspannt über den menschenleeren Strand von Nyali - in anderen Zeiten genau das, wonach sich Urlauber sehnen.

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