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Neue Disney-Attraktion: Stell dich dem Yeti

Ab heute können sich die Besucher von Disney-World in Florida davon überzeugen, dass es den Yeti wirklich gibt. In einer spektakulären Achterbahnfahrt geht es auf den Mount Everest. stern.de-Redakteur Jens Maier ist bereits mitgefahren - und dem Yeti entkommen.

Auf dem Mount Everest herrschen derzeit Temperaturen um die 28 Grad, die Fahrt mit dem Expeditions-Zug bis hinauf auf den Gipfel dauert nur knapp drei Minuten, und eine Begegnung mit dem Yeti ist garantiert. Glauben Sie nicht? Ist aber so. Seit neustem erhebt sich der höchste Berg der Erde nicht mehr nur über Nepal, sondern auch über dem US-Sonnenstaat Florida. Dort hat Walt Disney World den Mount Everest für seine neuste Attraktion "Expedition Everest" nachgebildet. Im Themenpark "Animal Kingdom" können Besucher auf Entdeckungsreise gehen. Für schwache Nerven ist die Attraktion allerdings nicht geeignet. Neben einer rasanten Achterbahnfahrt steht eine Begegnung mit einem Yeti bevor.

Schon von der Ferne sind die grausamen Schreie derjenigen zu hören, die das Bergungeheuer gerade in seine Fänge bekommen hat. Ein dumpfer Schlag ertönt und dann rast der Expeditionszug rückwärts 24 Meter fast senkrecht in die Tiefe und wird anschließend vom Berg verschluckt. Von den Abenteurern fehlt schließlich jede Spur. Doch Besucher des Disney-Themenparks scheinen von den grausamen Szenen geradezu angezogen zu werden. Zu Hunderten strömen sie in Richtung des Berggipfels und nehmen die 90 Minuten Wartezeit gerne in Kauf, um hinter das Geheimnis des Yetis zu kommen und mit einem führerlosen Zug durch die Bergwelt des Himalaya zu fahren.

Dörfchen Seka Kong heißt Abenteurer im Himalaya willkommen

"Die offizielle Eröffnung unserer neuen Attraktion ist zwar erst am 6. April, doch wir haben uns für ein ‚Soft-Opening’ entschieden", sagt Maria Loup, Pressesprecherin von Walt Disney in Orlando, die sich für die langen Wartezeiten entschuldigt: "Wir fahren noch nicht mit voller Kapazität, deshalb müssen die Gäste im Moment leider etwas mehr Zeit mitbringen." Damit keine Langeweile aufkommt, haben die Disney-Macher vor der Attraktion ein ganzes Himalaya-Dorf entstehen lassen, in dem es auch in der Warteschlange jede Menge zu entdecken gibt. Serka Kong heißt das Örtchen, das in "Animal Kingdom" der Startpunkt der Abenteuerreise auf den Mount Everest ist. Vorbei an verwachsenen und krummen Bäumen, einem alten Expeditions-Bus und schiefen und verwitterten Gebäuden geht es bis zum Abfahrtsbahnhof. Mit Hämmern, Kreissägen und Lötkolben haben Künstler das Holz und die Gebäude bearbeitet, um den Eindruck zu vermitteln, als seien sie schon immer Teil der Landschaft gewesen. Eine Armada von asiatischen Pflanzen, darunter 900 Bambuspflanzen, wurde nach Florida gebracht, um eine naturgetreue Landschaft um den Berg entstehen zu lassen. Unter den Requisiten und Möbeln sind mehr als 2000 Originale aus der Himalaya-Region zu sehen.

So viel Aufwand kostet Zeit: Mehr als sechs Jahre sind von der Idee der neuen Attraktion bis zu deren Verwirklichung vergangen. Die Disney-Macher haben in dieser Zeit mehrere Reisen in die Himalaya-Region unternommen, um den Lebensraum des Yeti mit all seinen Legenden und Lebewesen erforschen zu können. "Unser Ziel war es, eine bis ins Detail authentische Umgebung zu schaffen, die die Kulturen und Traditionen der Länder im Himalaya widerspiegelt", erläutert Joe Rohde, Creative Executive bei Walt Disney. Tausende von Fotos und stundenlange Videoaufnahmen wurden gesammelt, Dörfer, Häuser und Plätze besucht. Die Teams sind mit Eseln über die Berge geritten und haben unzählige Gespräche mit Einheimischen geführt.

Der höchste Berg Floridas?

Dank dem Zauber der Disney-Ingenieure ist die Illusion perfekt: Trotz der sengend heißen Florida-Sonne glitzert der Schnee auf dem Berggipfel wie echt, und bis zur Spitze scheinen es deutlich mehr als die von Disney angegebenen 60 Meter zu sein. "Kein Wunder", sagt Maria Loup verschmitzt "denn mit seinen 60 Metern Höhe ist unser Everest im flachen Florida ja wirklich einer der höchsten Berge." Um den Eindruck einer gewaltigen Bergkette zu verstärken, wurden Schattengebilde auf die Felsoberfläche gemalt. Durch einen Trick wirken näher gelegene Objekte größer und suggerieren so Entfernung im Hintergrund. Die Disney-Ingenieure nennen das "erzwungene Perspektive". Bastlern an der heimischen Eisenbahn dürfte der Trick bekannt sein.

Bei der Höchstgeschwindigkeit der Achterbahn schummelt Disney allerdings nicht. Der Zug mit insgesamt bis zu 34 Passagieren an Bord schießt mit 100 Stundenkilometern in einem halsbrecherischen 24-Meter-Fall den Berg hinunter. Wer sich bis zum Ende der Warteschlange durchgekämpft hat, fährt zunächst mit der Bergbahn zum Fuße des Mount Everest. Der Zug fährt durch dichte Bambuswälder, vorbei an tosenden Wasserfällen und glitzernden Gletschern und schließlich hoch hinaus bis zum schneebedeckten Gipfel. Doch dann versperren verbogene Gleise die Weiterfahrt, und der Zug kann gerade noch stoppen, bevor er in den Abgrund zu stürzen droht. In der Ferne ist das Gebrüll des Yetis zu hören, der sich stapfend in Richtung Passagiere bewegt. Doch plötzlich rollt der Zug in rasender Geschwindigkeit rückwärts die steile Felswand hinunter.

Rückwärts in die Yeti-Hölle

Genau das ist der Moment, in dem viele Fahrgäste gerne von einer Notbremse Gebrauch machen würden. Die Rückwärtsfahrt überrascht die Abenteurer und führt zu einem äußerst mulmigen Gefühl in der Magengegend. Zu allem Übel verschwindet der Zug danach im Dunkel des Berges, um kurze Zeit später vor dem wahrhaftigen Yeti zum Stehen zu kommen. Schauerlich und mit lautem Gebrüll erhebt er sich Furcht einflößend vor den Passagieren. Eigentlich hätte es zum Ehrgeiz und Anspruch des Parks gepasst, wenn sie einen echten Yeti an Ort und Stelle verfrachtet hätten, doch daran sind wohl selbst die Disneys gescheitert. Stattdessen besteht der Yeti aus mehreren hydraulischen Zylindern, die ihn beweglich machen und zusammen eine Schubkraft von 117,5 Tonnen erzeugen - theoretisch also mehr Antriebskraft als eine Boeing 747-400 aufbringen kann.

Wer Glück hat, entkommt am Ende der Fahrt mit heiler Haut dem Ungeheuer. "Bisher sind noch alle Passagiere zurückgekommen", sagt Maria Loup, "ich kenne keinen, der oben bleiben wollte." Ob Reinhold Messner dem Yeti in "Animal Kingdom" schon einen Besuch abgestattet hat, konnte Maria allerdings nicht beantworten. Aber er hätte sicher seine wahre Freude daran.

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Jens Maier

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