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New York: Kinder, auf in diese Stadt!

Ein Trip nach New York? Mit dem Nachwuchs? Um Himmels willen, wie soll das denn gehen? stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann, Vater von drei Kindern, weiß es und widerlegt alle Vorurteile.

Von Jan Christoph Wiechmann

Es gibt einige sehr alberne Gründe, sich gegen eine Reise nach New York zu entscheiden. Neulich rief ein Freund aus Berlin an und sagte, er habe Angst vor dem Terrortod - dabei ist die Wahrscheinlichkeit vermutlich sehr viel größer, in Berlin von einem niederfallenden Blumenkasten erschlagen zu werden. Dann gibt es jene Deutsche, die New York in einem Anfall pubertärer Selbstgerechtigkeit boykottieren, weil sie den US-Präsidenten hassen - dabei gibt es keine Stadt, wo Bush so verhasst ist wie in New York. Und schließlich gibt es jene, die entsetzt fragen: New York? Mit Kindern? Mit meiner Familie?

Es gibt nichts Besseres, als New York mit Kindern zu besuchen. Es gibt nichts Spannenderes, Anregenderes, Lehrreicheres. Es gibt kein besseres Heilmittel gegen den Antiamerikanismus der Eltern und die Reformfaulheit der Deutschen und für das Studium der Zukunft. Man könnte einen zweistündigen Vortrag halten über die Vorzüge einer New-York-Reise, aber da kommt mein ältester Sohn und will mit unseren Gästen lieber aufs Rockefeller Center.

Brooklyn-Midtown - eine Weltreise

Die Fahrt mit dem Q-Train von Brooklyn zum Rockefeller Center ist eine kleine, 50-minütige Weltreise. In Coney Island, am Atlantik, steigen die Russen ein, danach die orthodoxen Juden und Guayaner und Bangladesher, und wenn der Zug den Postbezirk 11230 erreicht, den internationalsten ganz Amerikas, steigen Menschen aus etwa 120 Nationen zu, unter anderem auch wir Deutsche mit Gästen.

Angesichts der vielen Hautfarben umklammern unsere Gäste die Handtasche noch etwas fester, doch ihre Kinder sind da ungezwungener. Sie fragen, ob in New York alle Menschen Ausländer sind und warum jüdische Jungen runde Kappen tragen und Obdachlose schwarz sind, und dann sagen ihre Eltern: "Das fragt man nicht", und platzen selbst schon vor Neugier. Ja, viele Kinder orthodoxer Juden in New York tragen Kippas, um ihre Frömmigkeit zu demonstrieren, aber nein, ein HipHop-Verbot erhalten sie deswegen noch lange nicht, und ja, selbstverständlich kann man in Harlem spazieren gehen, ohne überfallen zu werden, denn nein, New York ist schon seit zwölf Jahren keine gefährliche Stadt mehr, und ja, auch in New York leben noch Indianer, aber nein, mit dem Holocaust sollte man den Tod ihrer Vorfahren vielleicht nicht als Erstes vergleichen.

Das Wissen der Deutschen über Amerika unterscheidet sich manchmal nicht so sehr von dem des US-Präsidenten über Deutschland.

Wir gehen mit den Familien oft aufs Rockefeller Center. Es hat eine neue, wunderbare Besucherplattform im 70. Stock, die an klaren Tagen nicht nur den Blick über die Skyline einfängt, sondern auch aufs Empire State Building und den Central Park.

Eine Spielzeugwelt aus gelben Taxis

Für Kinder ist es jedes Mal eine Entdeckungsreise. Sie fragen nicht, wie dreckig die Luft ist, wie gefährlich die Stadt (sicherste Großstadt der USA) und wie teuer das Leben (sehr, sehr teuer). Mein Jüngster entdeckt dort unten in den Schluchten immer wieder eine Spielzeugwelt aus kleinen gelben Taxis und weißen Stretchlimousinen, die so langsam wie Tausendfüßler durch den Verkehr kriechen. Meine Tochter lauscht dem Heulen der Feuerwehrsirenen und Knattern der Helikopter, jenem stimmungsvollen Rauschen der Metropole, das sie schöner findet als ein Konzert in der Carnegie Hall. Mein Ältester hält Ausschau nach den Häusern Chinatowns, das er mit seiner 3. Klasse besuchte, und der Brooklyn Bridge, die sie im Kunstunterricht nachbauten, und an einem heißen Herbsttag wie diesem, wenn alles glänzt und schwitzt und glüht im Abendrot von Manhattan, hat sein Lieblingswort tatsächlich eine Berechtigung: melting pot. Der Schmelztiegel.

Danach ziehen wir mit den Gästen oft durch den Central Park. Meist reichen schon einige Schritte an die Wasserfälle und das Harlem-Meer, um das Vorurteil zu widerlegen, dass es in New York kein Grün gibt. Die Kinder klettern auf Felsen, die 500 Millionen Jahre alt sind, oder toben durch den dichten Wald am Nordende, der eher an den brasilianischen Dschungel erinnert als an deutschen Mischwald. Mit etwas Glück sehen sie im Central Park einen Waschbären und mit sehr viel Glück einen Seeadler. Auf jeden Fall treffen sie auf verrückte Alte mit langen bunten Schals und langen grauen Locken, die auf Rollschuhen zur Musik der Grateful Dead tanzen. Sie treffen auf Jugendliche aus aller Welt, die an den Strawberry Fields, wo John Lennon 1980 erschossen wurde, "Imagine" singen.

Meist reicht ein Sonntag im Central Park, und man muss seinen älteren Kindern nicht mehr viel erklären zu Themen wie Alterstoleranz, Metrosexuals und der Power des Rock 'n' Roll.

Wenn es mal regnen sollte in New York, was statistisch gesehen im Sommer kaum vorkommt, ziehen wir mit deutschen Familien in eines der etwa 200 meist kinderfreundlichen Museen. Im Metropolitan Museum of Art empfängt uns eine Kunstführerin in bunten Kleidern, die die Kinder mitnimmt auf eine kostenlose Tour. Während die Eltern Freizeit haben, führt sie die Kleinen zu einem Matisse und einem Picasso, erklärt ihnen kindgerecht den Unterschied zwischen Expressionismus und Dadaismus und lässt sie Andy Warhol mit pinkfarbener Brille malen. Das Museum of Modern Art veranstaltet "Tours for Fours" (drei bis vier Jahre), "Tours for Tweens" (11 bis 14 Jahre) und Workshops für die ganze Familie, in denen wir das Konterfei des Präsidenten in eine Raupe verwandeln. Im Naturkundemuseum an der Upper West Side, dem größten der Welt, bestaunen die Kinder so viele Dinosaurier, wie sie sie zuletzt in Steven Spielbergs "Jurassic Park" sahen.

Am spannendsten für deutsche Familien jedoch ist das Tenement Museum, ein kleines Haus in der Lower East Side, wo das Einwandererleben des 19. Jahrhunderts nachgestellt wird. Eine Frau, verkleidet in der Tracht jener Zeit, mit Kopftuch und in Kittelschürze, führt durch die kleine Wohnung der fünfköpfigen deutschen Auswandererfamilie Gumpertz, die 1870 nach Amerika entfloh. Damals waren die Deutschen Asylanten. Sie suchten zu Hunderttausenden nach einer neuen Heimat, auf der Flucht vor Hunger, religiöser und politischer Verfolgung. Sie fanden sie in einer Stadt, die Fremde mit offenen Armen empfing und nicht mit Asylantenheimen.

New York boomt wieder

New York ist - fünf Jahre nach den Terroranschlägen - wieder voller Touristen. Die Stadt ist so populär wie nie zuvor. Sie ist im Sommer voll, weil dann Ferien sind, und im Oktober, weil es in diesen klaren, spätsommerwarmen Tagen am schönsten ist. Sie ist im Dezember voll, weil Europäer und Japaner ihre Weihnachtseinkäufe erledigen, und auch im Januar, weil die Kleidung im Winterschlussverkauf so günstig ist, dass man den Flug für eine vierköpfige Familie schnell wieder raushat.

An einem Freitagmorgen im September steht Bürgermeister Michael Bloomberg vor knapp 50 ausländischen Besuchern an der Upper East Side und ruft ihnen zu: "Diese Stadt ist auch eure Stadt." Er trägt einen blauen Anzug in den Farben der New York Yankees und eine orangefarbene Krawatte in den Farben der New York Mets. Er sagt, in der nüchternen Sprache des Geschäftsmannes, dass im vergangenen Jahr 42,7 Millionen Besucher kamen, so viel wie noch nie, dass die Hotelauslastung 85 Prozent übersteigt, so viel wie noch nie, dass immer mehr Familien nach New York ziehen, dass die Stadt immer bunter wird, und man könnte ihn, den kleinen Republikaner, nun als großen Angeber hinstellen, aber seine Daten stimmen. Es geht New York verdammt gut.

Auge in Auge mit der Vergangenheit

Am lehrreichsten ist für die meisten Gäste der Blick in den Alltag. Sie gehen durch das orthodoxe jüdische Viertel, in dem wir wohnen, und fragen sich, wie es die Frauen mit Perücken aushalten und die Männer mit langen Schläfenlöckchen und die ganze Familie am Samstag ohne Fernsehen, Autos, Telefon. Manchmal scheint es, als begutachteten sie die Juden so neugierig wie eine seltene Spezies, die kurz vor der Ausrottung stand - was so weit nicht entfernt von der Wahrheit ist.

Da stehen die Gäste - Auge in Auge mit ihrer Vergangenheit.

Oder sie besuchen die Schule unserer Kinder und können nicht glauben, dass Juden und Moslems gemeinsam dorthin gehen plus Kinder aus 82 Nationen und Kinder lesbischer Paare, und dass mein ältester Sohn sein Deutschlandtrikot in der Schule trägt und trotzdem stolz die US-Nationalhymne singt und in der ersten Klasse Spanisch lernt und in der dritten Chinesisch.

Da stehen die Gäste - Auge in Auge mit ihrer Zukunft.

Auch die Welt ihrer Kinder wird immer mehr so aussehen. Eine Welt mit Menschen aller Hautfarben und Sprachen. Eine Welt, in der die Zahl der Fremden die der Deutschen übersteigt, weil sie selbst keine Kinder mehr kriegen. In der sie zwei Jobs haben müssen, um zu überleben. In der nicht nur der Imbissbetreiber aus Asien kommt, sondern auch der Nachbar, Lehrer, Lebenspartner.

Dann gehen sie - im Gepäck die schönste Erkenntnis ihres New-York-Besuchs: dass eine so laute, so große, so bunte Welt solch freundliche, hilfsbereite Menschen hervorbringen kann wie die New Yorker.

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