HOME

New York: Scents in the City

Am Donnerstag kommt die Verfilmung des Bestsellers "Das Parfum" in die Kinos. Eine Stadt zum Erschnüffeln bietet auch die New Yorkerin Laurice Rahmé: In der Parfümerie "Bond No. 9" gibt es die Düfte der Stadt zu kaufen.

Von Helge Bendl

Die Augen sind geschlossen, die Frauenstimme ganz nah am rechten Ohr. "Swingender Jazz an einem schönen Sommerabend in Harlem", flüstert sie. Es duftet nach Zedernholz, Vanille, Kaffee, Patschulikraut. Von links haucht es: "Ein Blumenstrauß auf dem Markt von Chelsea." Man riecht Tulpen, Magnolien, Hyazinthen und eine Rose. "Ein großer Becher Orangen-Eis in einem Café in Little Italy", sagt die Stimme mit dem französischen Akzent, und man wähnt sich mitten in einer Grapefruitplantage. Etwas benommen von der nasalen Orgie taumelt man später aus dem Laden, hält in der einen Hand einen Flakon aus massivem Glas, in der anderen eine Postkarte mit der Gebrauchsanweisung: "Flasche öffnen. Einatmen. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gerade einen Hauch von New York erwischt!"

Madame hat rot lackierte Fingernägel und ein freundliches Lächeln. So jemand mordet bestimmt nicht, um Düfte einzufangen, auch wenn bei ihr Patrick Süßkinds Beststeller über den gewissen Herrn Grenouille im Regal steht. Laurice Rahmés Muse ist eine Stadt, jene Metropolis, in der sie lebt und in der sie sich zu Hause fühlt, seit sie vor 25 Jahren aus Paris einwanderte. "New York", ruft die 55-Jährige theatralisch und verdreht die Augen, "ist das nicht ein fantastisches Potpourri von Aromen aus allen Ecken der Welt?" Laurice Rahmé hat das erkannt und sich kurzerhand zur Herrin der Flaschengeister aufgeschwungen. In den vergangenen drei Jahren hat ihre Luxus-Parfumerie "Bond No. 9" gleich 26 Parfums auf den Markt gebracht - alle benannt nach Straßen und Wohngegenden in Manhattan. Einen guten Riecher attestiert ihr die Konkurrenz: Obwohl mit bis zu 200 Dollar für 100 Milliliter nicht gerade billig sind die Parfums bei solventer Kundschaft der Renner.

Besondere Parfums - auch für Banker

In Paris haben sie die Essenzen der Stadt schon im letzten Jahrhundert eingefangen. Yves Saint Laurent setzte dem linken Seineufer mit Rive Gauche ein Denkmal, Hermès der Modemeile Rue Faubourg. Chanels berühmter Duft No. 5 bezeichnet schlicht und einfach die Hausnummer, in der Coco ihre Entwürfe fertigte. Laurice Rahmé hat es der französischen Ikone gleichgetan, aber gleich die ganze Firma nach der Adresse ihres ersten Ladens benannt, der 2003 eröffnete. Nur ein paar Schritte vom Broadway entfernt klackern Pfennigabsätze auf dem Kopfsteinpflaster, bis sie im Teppich des Parfümerie versinken: Willkommen bei "Bond No. 9".

Und wirklich: Es sind besondere Parfums, stark, voller Substanz und mit Charisma. "Park Avenue" verströmt den Luxus teurer Designerläden. Die Neuemission "Wall Street" gibt es, passend zum Aufschwung im durch 9/11 gebeutelten Finanzdistrikt, cool mit einem salzigen Hauch vom Atlantik und ein wenig herb, aber nicht zu männlich-markant. "Es ist eher ein androgyner Duft, dort sind auch viele Frauen im Businesslook unterwegs", sinniert Rahmé und lädt den Investor zur freundlichen Übernahme ein. "Central Park" weckt mit zitronig-frischer Bergamotte und Basilikum Lust auf einen Spaziergang, bevor die Aromen von Balsamholz und Zeder durchdringen. "Nuits de Noho" soll schöne Erinnerungen an Partys in lauen Sommernächten heraufbeschwören - ein Duft für freche Jungs und selbstbewusste Mädchen, heißt es. Und das dynamische "Chinatown" riecht einerseits nach Pfingstrose (für die Taoisten die Blume für Luxus, Liebe und Lust), andererseits würzig nach Kardamom und schwerem Holz. Wer nicht 100 Milliliter kaufen will, kann sich die Düfte wie Wein aus Karaffen in kleine Zerstäuber abfüllen oder eine Duftkerze einpacken lassen.

"Meine Parfumeure und ich"

Das Erfolgsrezept von "Scents in the City"? Immer der Nase nach, und vor allem nur der eigenen. Anders als die großen Parfümhersteller - ihre Arbeitgeber in den letzten 30 Jahren - verzichtet Laurice Rahmé auf aufwändige Tests und Befragungen, bei denen herausgefunden werden soll, ob ein geplanter neuer Duft auch sein Publikum findet. "Mein Designer ist New York City - da ist auch Ungewöhnliches möglich. Meine Parfumeure und ich kennen die Stadtviertel genau, lassen uns inspirieren und machen einfach, was wir für richtig halten." Die Parfums von "Bond No. 9" sind mit über den Daumen gepeilt 40 Dollar pro Unze (30 Milliliter) auch deshalb nicht gerade billig, weil Laurice Rahmé von Eau de Toilette nichts wissen will, sondern nur bis zu fünf Stunden lang bestehendes Eau de Parfum mit bis zu 22 Prozent Duftstoffanteil produziert. Teure Schauspielerinnen will sie auch nicht als Models engagieren, in den Anzeigen ist einzig ein überdimensionaler Flakon der beleuchtete Star - sechseckig und mit dem NYC-Logo der Wertmarken, die man einst in der New Yorker U-Bahn verwendete.

"Beim Kauf von Parfum läuft es so wie bei Menschen, wenn sie sich den ersten Blick zuwerfen", sinniert Laurice Rahmé bei einem Glas Tee mit Mango-Aroma - in ihrem Laden gibt es ein kleines Café, in das sich Kunden zur Beratung zurückziehen können. "Man mag sich. Oder man mag sich nicht. Innerhalb von Sekunden gibt es eine Entscheidung." Gutes Parfum könne einen ein Leben lang begleiten - umso wichtiger sei es also, den richtigen Duft zu wählen. "Ein Parfum ist sehr persönlich und intim." Für ganz besondere Kunden steht deshalb ein Bond-Mobil bereit - kein schnelles Agentenfahrzeug allerdings, sondern ein Austin aus dem Jahr 1962. Der hat im Fond eine eingebaute Duftbar und ermöglicht so das Testen, während einen der Chauffeur durch die Stadt fährt.

Ruhm riechen, Extravaganz abfüllen

Doch riecht eine Metropole mit acht Millionen Menschen wirklich derart gut, dass man sich damit einsprühen möchte? Der Stadt noch freundlich gesinnte Spötter behaupten, New York gleiche eher einem Obstkorb mit frischen Früchten, den man zu lange in der Sonne stehen gelassen habe. Gehässige Spötter nennen genussvoll die ganze Palette aller möglichen üblen Odeurs von Autoabgasen bis hin zu Zechbrüdern, die aus den Kneipen stolpern. Für Parfum-Herstellerin Laurice Rahmé ist die urbane Essenz der Stadt dagegen "modern, einzigartig, immer vorwärts strebend". Das Besondere der Stadtviertel und Straßen, Träume und Verheißungen, Sex und Ruhm will sie riechbar machen, Eleganz und Erfolg und Extravaganz abfüllen. Respekt: Das kann nirgendwo besser funktionieren als hier, in der Metropole, die auch Weltmeister der Selbstvermarktung ist.

26 Düfte hat Laurice Rahmé in den letzten drei Jahren kreiert und Manhattan damit noch lange nicht genug Ehre erwiesen. Selbst den lange Zeit eher schäbigen "Meatpacking District" wird sie wohl eines Tages in einen glitzernden Flakon abfüllen und sich, damit kein Kunde seine Nase zuhalten muss, vom mondänen Wandel inspirieren lassen. Manolo-Schühchen sieht man hier inzwischen häufiger als Fleischerstiefel, seit die Gegend en vogue ist und sich die Prominenz hier beim Einkaufen und Feiern sehen lässt. Und falls nach 40, vielleicht 50 Parfums dann Schluss ist, gibt es ja noch die Bronx oder Brooklyn. In der Stadt aber wird sie bleiben, auch wenn man in Kalifornien und Europa schon angemerkt hat, sie könne ihre Parfümeure doch auch einmal nach San Francisco oder Berlin schicken. New York bleibt New York. So viel Patriotismus muss sein.

Wissenscommunity