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Traumziel Dubai: Aus dem Nichts zum Superlativ

Die Wüste Dubais lehrt die Menschen, aus wenig viel zu machen. Auch deshalb trifft sich in dem Emirat die ganze Welt. Oder ist das Traumreiseziel nur eine Fata Morgana?

Von Jonas Wresch

Dubai mit Burj al Arab und Jumeirah Beach Hotel

Dubai lockt Touristen mit Superlativen. Mit 828 Metern ist der Burj Khalifa (links im Hintergrund) das höchste Gebäude der Welt. Im Mittelpunkt das Sieben-Sterne-Hotel Burj al Arab und das Jumeirah Beach Hotel (rechts).

Nur wer die Wüste sieht, kann Dubai wirklich verstehen. In diesem endlosen Sand unter der sengenden Hitze hat alles angefangen. Wer in der Wüste lebt, wurde als Lebenskünstler geboren, als Überlebenskünstler, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Es gibt Tiere, die müssen nur alle zwei Monate essen. Es gibt Bäume, die haben 100 Meter lange Wurzeln und blühen zweimal im Jahr. Die Beduinen essen deren junge Blätter als Gemüse. Das Gel des Ghaf-Baumes nutzen sie als Augentropfen gegen die vom Sandsturm verursachten Entzündungen. Die Samenhülse hilft bei Magenproblemen, die Asche der Rinde gegen Schmerzen.

Die Wüste hat den Kampf heraufbeschworen, Mensch gegen Sand, Mensch gegen Hitze, Mensch gegen Unendlichkeit. Die Wüste hat die Menschen geprägt und sie gelehrt, zu nehmen, was man bekommen kann, alles herauszuholen, aus einer Pflanze, aus einer Fläche, aus einem Moment. Nur wer die Wüste sieht, kann die Stadt wirklich verstehen, ihre Künstlichkeit, ihren Größenwahn, ihren Ehrgeiz.

Nach Dubai fahren die einen zum Staunen

Sie wollen das Höchste sehen, das Teuerste, das Schnellste, wovon auch immer. Aquaparks mit endlosen Rutschen, Rennstrecken, Luxushotels, Wolkenkratzer und Skihallen, in denen Pinguine durch künstlichen Schnee spazieren. Von überall kommen sie her, um anzusehen, was aus einem Ort werden kann, wenn Fantasie und Verrücktheit, Reichtum und Menschen aus aller Welt im Nirgendwo zusammentreffen. Von überall kommen die anderen, um Geld zu verdienen. Gutes Geld, im Verhältnis zu dem, was sie zu Hause verdienen können.

Und böses Geld, denn allzu viele Fragen werden dem „Business“ nicht gestellt. Steuerfreies Geld auch, das Emirat will nichts abhaben von den Einkünften seiner Bewohner. Geld ist nicht Dubais Problem.

Im Armani-Restaurant

Irina steht mit blauem Kostümchen als Empfangsdame im Armani-Restaurant. Jede Serviette hier und jeden Teller habe der Meister selbst entworfen, sagt die 22-Jährige und lächelt noch ein bisschen scheu. Sie stammt aus einer Kleinstadt in der Ukraine und ist erst seit zwei Wochen hier. Es scheint, als könne sie noch nicht ganz fassen, was es alles gibt.

Restaurant im Burj Khalifa

Hunderte von Metern über der Dubai: das Restaurant im Burj Khalifa


Einen eigenen Raum zum Beispiel, in dem man Schweinefleisch verspeisen kann, da sogar der Anblick manche der saudischen Gäste stört. Ihr Zimmer teilt sich Irina mit drei Kolleginnen. Tatiana aus Moldawien hat als Kassiererin angefangen, sich hochgearbeitet, inzwischen steht sie am Infopoint in der berühmten Dubai Mall. Seit vier Jahren arbeitet sie in der Wüstenstadt, und wenn es nach ihr geht, können es noch ein paar mehr werden, obwohl sie oft einsam ist. Aber bald holt sie ihre Brüder nach und vielleicht auch die Mutter.

Gekommen, um Geld zu verdienen

In der Beachbar Barasti, der Mutter aller Expat-Kneipen, sitzt Franco aus Italien, ein IT-Fachmann, mit belgischen, britischen, russischen Kollegen und trinkt mexikanisches Bier. „Man geht ein Stück des Weges gemeinsam“, sagt Franco, „in Dubai ist nichts für immer.“ Wer keine Arbeit mehr hat oder kein Business, muss das Land sofort verlassen. Inder, Ägypter und Pakistaner sorgen für Ordnung, Bangladescher bauen, Philippiner putzen und servieren, Briten, Ägypter, Thailänder entwerfen. Chinesen, Amerikaner, Iraner, Jordanier, Europäer, Südamerikaner – sie alle kommen, um Geld zu verdienen und dann früher oder später wieder zu gehen.

Zwischen diesen Nationen hat sich ein eigenes Dubai-Englisch herausgebildet, oft ohne Artikel und Präpositionen. Jede Wohnung ist house, jede Imbissbude restaurant, too much ist das Gleiche wie very much, und das ist schon wieder konsequent. Denn in Dubai ist viel immer ein bisschen zu viel. Aber alles ist no problem.

Von Heimat finden oder gar Integration spricht hier niemand. Sie ist auch nicht gewünscht. Die Dubaier legen Wert darauf, unter sich zu bleiben. Man weiß, dass die anderen anders sind, man will sie nicht ändern. Und sich selbst auch nicht.

Nur 15 Prozent der Bevölkerung sind Staatsbürger des Emirats Dubai. Am ehesten trifft man sie beim Kamelrennen, wo hochgezüchtete Dromedare, teuer wie Kleinflugzeuge, um die Wette rennen, trainiert von Gastarbeitern, geritten von kleinen Robotern, die man per Fernbedienung Stockschläge austeilen lässt. Die Emiratis machen Geschäfte, sie leben vom Öl, vom Handel, vom Geld und bleiben unter sich.

Irinas Arbeitsplatz liegt im Burj Khalifa

Es ist ein Haus wie eine Stadt, das höchste der Welt. Rund 35.000 Menschen halten sich hier täglich auf. Bewohner, Hotel- und Restaurantgäste sowie Tausende Besucher. Am Fahrstuhl warten die Gäste in tiefen Sesseln auf ihren Lift nach ganz oben. Eine Chinesin mit schottischem Mann unterhält sich mit einem Holländer mit indischer Frau über das britische Schulsystem in Gabun, Afrika. Eine Iranerin sortiert ihr Kopftuch, ein Saudi knipst Bilder. So viel Welt auf einem Fleck findet man selten.

Dann geht es ganz nach oben. 189 Etagen ist das Haus hoch, 828 Meter, auf Etage 148 ist die Aussichtsplattform. Von hier oben kann man bis nach Abu Dhabi gucken, die wenigen Menschen am Boden sind klein wie Ameisen, und die Wüste liegt vor der Stadt wie ein gelber Teppich. Man sieht keine Straßencafés, keine Bürgersteige, kein buntes Treiben, dafür 16-spurige Straßen mit kreiselartigen Abfahrten. Für Fußgänger ist diese Stadt nicht gemacht.

Dubai ist immer im Werden

Es war eine Trotzreaktion, diese Stadt zu errichten. Die meiste Zeit feierten die Menschen hier nur kleine Siege, von denen wenig übrig blieb. Es gibt keine Überreste früher Hochkulturen. Nur ein paar Hirten zogen gelegentlich durch Dubai und hinterließen ein paar Gräber und Scherben. Über Jahrhunderte blieb Dubai eine kleine Fischersiedlung aus Hütten mit einem Scheichhaus aus Lehm. Erst 1950 eröffnete ein Krankenhaus. Dann kam das Öl.

Aus dem Morgenland wurde das Morgen-Land. Glitzernde Fassaden, Brunnen, Fontänen – was immer einem einfällt, das Größte davon steht in Dubai. Und wenn es da noch nicht steht, dann bestimmt bald. Dubai ist immer im Werden.

Der regierende Scheich, Mohammed sein Name, soll ein Mann des Volkes sein. Aber da das Volk nur aus einer kleinen Minderheit besteht, bekommt man davon wenig mit. Dubai hat nicht einmal genug Einheimische für die eigene Polizei. Und das, obwohl die Dienstwagenflotte aus Ferraris, Lamborghinis und Bugattis besteht. Was durchaus sinnvoll ist, denn die Bösen hier fahren in der Regel nicht Ford Focus.

Alles nur eine Fata Morgana

Die Sonne geht unter am Dubai Creek, die Holzfähren entzünden die Laternen, die ersten indischen und pakistanischen Bootsführer sitzen im Kreis und bereiten ihr Abendessen. Im Dämmerlicht verschmelzen das alte und das neue Dubai. Aus allen Moscheen wird zum Gebet gerufen. Die Verse hallen zwischen den Häuserschluchten, werden hin- und hergeworfen und dann hinaus in die Wüste.

Mit dem Sand zu leben, haben viele der jüngeren Bewohner Dubais nicht mehr gelernt. Auch die Beduinen reisen nicht mehr per Kamel durch die Wüste, sondern mit dem Jeep. Wenn überhaupt, denn Scheich Mohammed hat ihnen Häuser bauen lassen und Leitungen, sodass die Suche nach Wasserstellen entfällt.

Nur noch die Älteren können an der Ausrichtung der Dünen bevorstehende Stürme erkennen. Dabei ist die Wüste das, was sie alle verbindet und was Dubai erst zum Spektakel macht, trotz der Masse des Extraordinären. Vielleicht ist es morgen schon nicht mehr da, dieses Dubai und sein ganzer herrlicher Firlefanz. Vielleicht ist es auch nie da gewesen, nur eine Fata Morgana. Soll ja vorkommen in der Wüste. 

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