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Inselparadies im Indischen Ozean: La Réunion: Traumstrände, Vanille und Vulkane

Man ist mitten in den Tropen: Doch für die Einreise reicht der Personalausweis, gezahlt wird in Euro. Die Vulkaninsel La Réunion gehört zu Frankreich und liegt 9000 Kilometer weit entfernt im Indischen Ozean.

Von Stéphanie Souron

Strand bei Saline-les-Bains auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean

Strand bei Saline-les-Bains auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean

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Jeden Montag fliegt Jean-Marie Timon, 47, zur Arbeit in die Einsamkeit. Der Hubschrauber bringt ihn über steile Berge, zerklüftete Schluchten und tosende Wasserfälle in den Talkessel Mafate. Dort kleben die Häuser an den Hängen, winzige Ortschaften, die viele Kilometer voneinander entfernt sind. Und weit und breit keine Straße, die sie miteinander verbindet. Wer hier hoch will, muss mindestens sechs Stunden wandern.

Nur Timon, der Briefträger, kommt mit dem Hubschrauber. Er kennt jeden der 600 Menschen im Talkessel Mafate, seinem Bezirk. Timon sagt: "Postbote auf La Réunion zu sein ist der schönste Beruf der Welt. Hier bin ich nicht nur Briefträger, sondern auch Psychologe und Klatschtante." Hinter ihm reihen sich die Bergriesen, vor ihm liegen vier Tage Fußmarsch. So lange dauert es, die Post in die entlegensten Winkel zu bringen.

3000 Meter über dem Meer

La Réunion ist ein winziger grüner Farbklecks im Indischen Ozean. Entstanden vor Jahrmillionen, als aus dem Meer ein über 3000 Meter hoher Vulkan erwuchs, der Piton des Neiges. Er bildet bis heute das Fundament der Insel, die mit spitzen Gipfeln, tropischen Wäldern und weißen Stränden ein ideales Reiseziel für Wanderer mit Badetuch im Gepäck ist.

Überwältigende Natur: Blick auf den Piton d'Enchaing im Vulkankessel Cirque de Salazie in Hell-Bourg

Überwältigende Natur: Blick auf den Piton d'Enchaing im Vulkankessel Cirque de Salazie in Hell-Bourg

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Und weil La Réunion ein französisches Department ist, genau wie die Ardèche oder die Vogesen, landet man nach etwa zehn Flugstunden am anderen Ende der Welt trotzdem irgendwie in Europa: Der Zollbeamte schaut nur flüchtig auf die Papiere, man zahlt mit Euro, und das Käse- und Rotweinangebot hält locker französischen Ansprüchen stand.

Doch im Unterschied zum 9000 Kilometer entfernten Mutterland werden hier auf dem Markt keine Äpfel und Birnen, sondern Papayas und Ananas angeboten. In den Bäumen sitzen bunte Vögel, mit etwas Glück begegnet man beim Schnorcheln einer Wasserschildkröte. Und nebenbei scheint auch noch ganzjährig die Sonne.

Nie wieder zurück!

"Zurück in die Stadt müsste man mich prügeln", sagt Sylvie Briant, 51. Sie ist eine schmale Frau mit einem breiten Lächeln. Vor 37 Jahren siedelte sie von der Bretagne in den Indischen Ozean über. Sie kaufte ein kleines Haus im Süden der Insel, baute das Dachgeschoss aus und eine Terrasse an. Seither vermietet sie Zimmer mit Sicht auf Palmen, Litchi-Bäume und das Meer.

Ein "Chambre d'Hôte", die französische "Bed & Breakfast"-Variante, ist günstiger als ein Hotel. Wer in Privatunterkünften wohnt, hat direkten Zugang zu Land und Leuten. In manchen Häusern ist man der einzige Gast, in anderen sitzen 15 Leute am Tisch. Bei Sylvie sind es nur zwei, und die bekommen ein Menü vom Feinsten serviert. Als ihre Gäste nach dem Mahl ermattet auf der Terrasse liegen, verspricht sie, am nächsten Tag einen Wursteintopf zu kochen. "Den mögen Deutsche besonders gern."

Eigentlich ist ganz La Réunion ein bunter Eintopf: In den Städten stehen kitschige Kirchen neben riesigen Moscheen und prächtigen Hindu-Tempeln. Die Hautfarbe der Einheimischen geht von Hellweiß bis Dunkelbraun. Dass alle miteinander Französisch sprechen, liegt an Ludwig XIV., der die Insel Mitte des 17. Jahrhunderts nicht nur in Besitz nehmen ließ, sondern ihr auch seinen Familiennamen "Bourbon" verpasste. Immer wieder mussten die Franzosen die Ile Bourbon gegen die Engländer verteidigen. Dabei ging es ihnen weniger um die Ehre als um Zucker.

Geübte Handgriffe: In Bras-Panon an der Ostküste der Insel Reunion werden Bourbon-Vanille-Schoten sortiert.

Geübte Handgriffe: In Bras-Panon an der Ostküste der Insel Reunion werden Bourbon-Vanille-Schoten sortiert.

Vanilleblüten verheiraten

Im 19. Jahrhundert stieg der Bedarf an dem süßen Stoff im Mutterland so stark an, dass die 60.000 Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen mit der Arbeit kaum nachkamen. Zur Unterstützung wurden indische Arbeitskräfte angeworben, denen es auf der Insel so gut gefiel, dass sie sich niederließen. Auch aus Madagaskar kamen die Siedler, aus Afrika und später sogar aus China. Da war das Eiland schon in La Réunion umbenannt.

Ein einsamer Mountainbiker in der Plaine des Sables auf La Réunion im Indischen Ozean, 

Ein einsamer Mountainbiker in der Plaine des Sables auf La Réunion im Indischen Ozean, 

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Doch die Erinnerung an "Bourbon" lebt in der Vanille weiter, die seit dem 19. Jahrhundert neben Zucker von der Kolonie ins Heimatland exportiert wurde. Die Pflanzen lieben das feuchtwarme Klima und Temperaturen, die selbst im Winter nicht unter 15 Grad Celsius fallen. Dennoch gibt es ein Problem: Auf natürlichem Wege lässt sich die Vanille von einer in Mexiko ansässigen Bienenart bestäuben. Alle Versuche, die Tiere auf La Réunion anzusiedeln, sind bisher fehlgeschlagen. Und deshalb steht Florineige Roulof jeden Morgen um vier Uhr auf, um die Vanilleblüten zu "verheiraten", wie das Bestäuben hier genannt wird.

Vanille reift neun Monate

Blitzschnell schabt die 42-Jährige mit einer dünnen Kaktusnadel den Pollen aus dem Blütenkelch und drückt ihn auf den Stempel. Bis Mittag hat sie auf diese Weise 2500 Blüten auf ihrer Plantage in Saint-André befruchtet. Florineige muss schnell sein, denn wenn die Sonne auf die Pflanzen scheint, schließen sich ihre Kelche - für immer. Nur einen Tag lang ist die Vanilleblüte paarungsbereit.

Ist die Befruchtung geglückt, dauert es neun Monate, bis an derselben Stelle eine grüne Stange hängt. Sohn, Ehemann und Schwiegervater sind für die Ernte verantwortlich. Gedünstet und getrocknet sind die Schoten am Ende schwarz wie Lakritzstangen. Und ihr Aroma ist so intensiv, dass man schwört, nie wieder künstlichen Vanillezucker im Supermarkt zu kaufen.

Florineige ist nicht die einzige Frühaufsteherin der Insel. Weil die Sonne schon kurz nach fünf Uhr prall am Himmel steht, nutzt auch Jean-Patrick Morel den Morgen zum Trainieren. Morels Hobbys sind die Malerei und das Laufen. Im vergangenen Jahr hat er sich bei der "Diagonalen der Verrückten" angemeldet, einem Volkslauf, der zu den härtesten der Welt zählt: Es geht 150 Kilometer quer über die Insel, von Saint-Philippe im Südosten bis nach Saint-Denis im Nordwesten. Die Strecke führt über raue Bergkämme, schmale Pfade und breite Bäche. Man muss den Vulkan bezwingen sowie die Plaine des Cafres und den Talkessel Mafate. Die schnellsten der 2000 Starter brauchen dafür nicht einmal 24 Stunden.

Über der Bucht von Grand Anse: das Fünf-Sterne-Luxushotel Hotel Palm Hotel & Spa

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Der 40-jährige Morel suchte neue Motive für seine Malerei und träumte jahrelang davon, sie bei diesem Lauf zu finden. Der Startschuss fiel um Mitternacht, die ersten drei Stunden führten nur bergan. Als die Sonne endlich aufging, durchquerte Morel gerade die Plaine des Sables, das Sandmeer. "Noch nie habe ich solche Farben gesehen", sagt er. Grünlich habe das Licht geschimmert, durchzogen von dünnen gelben Fäden. Als er nach 40 Stunden das Ziel erreichte, waren in seinem Kopf so viele neue Eindrücke gespeichert, dass er "ein Leben davon zehren kann". Drei Wochen nach dem Lauf ging er mit seiner Frau zum Sonnenaufgang an den Vulkan. Er wollte ihr den "schönsten Ort der Insel zeigen."

Ehrfurcht beim Vulkanabstieg

Der über 3000 Meter hohe Piton des Neiges,der Vulkan, der einst die Insel formte, ist längst erloschen. Im Südosten von La Réunion jedoch brodelt es noch immer. Der Piton de la Fournaise, die "Spitze des Glutofens", zählt zu den aktivsten Vulkanen der Welt. Immer wieder legen seine Lavaströme den Verkehr auf der Küstenstraße lahm. Die letzte Eruption war so heftig, dass einer der Vulkankegel einstürzte. Seither ist eine Gipfelwanderung unmöglich. Und so bleibt den Touristen nur eine andere Attraktion.

Piton de la Fournaise

Dünnflüssige Lava ergießt sich aus dem Krater des 2612 Meter hohen Vulkans Piton de la Fournaise

Schon bei Sonnenaufgang sammeln sie sich am Krater, um in eine kilometerbreite Mondlandschaft hinabzusteigen. Dort stoßen sie auf einen weiteren kleinen Krater, den Formica Léo. Wer diesen Abstieg wagt, tut das schweigend. Aus Ehrfurcht und weil der schmale Pfad von jedem volle Konzentration verlangt. Aus der Nähe entpuppt sich die Mondlandschaft als bizarres Kunstwerk aus Lava, die beim Erstarren Falten und Spalten hinterlassen hat. "Am schönsten ist es, wenn gegen elf Uhr der Nebel aufzieht", sagt Thomas Staudacher.

Wo die Insel wächst

Der 57-Jährige ist Vulkanologe und "bekennender Fan des Glutofens". Er war schon viele Male hier oben und sagt, der Piton de la Fournaise sei ein "Bilderbuchvulkan". Weshalb der Deutsche vor zwölf Jahren an dessen Fuß Position bezog und seither von einer Holzhütte aus die Aktivität des Vulkans beobachtet. Er registriert minimale Bodenausdehnungen und die Veränderung der Hangneigung. Lange bevor der Berg anfängt, Feuer zu spucken, kann Staudacher Alarm schlagen. "Im Moment ist alles ruhig", versichert er.

An der Wand in seinem Büro hängen Fotos vom Ausbruch. Darauf sieht man Staudacher eine Bodenprobe nehmen, während direkt hinter ihm glühende Lava den Berg hinunterrinnt. Er erzählt, wie unterschiedlich der Vulkan sein Innerstes nach außen kehren kann: "Jedes Mal ist es ein neues Schauspiel." Und dort, wo die Lava ins Meer fließt und zu Stein erstarrt, treffen sich die Menschen und halten das Spektakel mit ihren Kameras fest. Man sieht eben nicht alle Tage, wie eine Insel wächst. Der jüngste Vulkanausbruch ereignete sich am 18.02.2019.

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