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Spurensuche: Wie war Las Vegas?

Elvis hat sich hier zu Tode gesoffen, Britney Spears war hier kurz verheiratet, Robbie Williams hat die Aussicht besungen - keine andere Stadt spielt in so vielen Liedern und Filmen die Titelrolle wie Las Vegas.

Robbie Williams hat Recht: Dieser Blick ist anders als alles, was du je zuvor gesehen hast. Dort unten liegt die Stadt der Städte. Links vorne ist New York mit dem Empire State und dem Chrysler Building. Hinten rechts reckt der Eiffelturm seine zierliche Spitze den grauen Wolken entgegen, die sich in der Dämmerung über das weite Tal gelegt haben. Hinter Paris ducken sich Venedigs Rialto-Brücke und Dogenpalast, und dahinter, rechts und links und überall, frisst sich das universelle Suburbia bis zu den Hügelketten vor. Nicht mehr lange, und man wird von hier aus auf London und San Francisco schauen können und auf eine weitere Stadt, der deren Erbauer Steve Wynn den Arbeitstitel 'Der Traum' gegeben hat. Nach 'Le Reve', einem Gemälde von Picasso. Der Traum wird prächtiger sein als alles, was hier, mitten in der Wüste, jemals erbaut wurde. Er wird ungefähr 2700 Zimmer haben, einen 18-Loch-Golfplatz und eine Ferrari-Vertretung. Er kostet 2,4 Milliarden Dollar. Der Traum öffnet im nächsten Frühjahr.

Das Mandalay Bay Hotel & Casino am südlichen Ende des Las Vegas Boulevard, den alle Welt nur als "Strip" kennt und an dem die meisten der großen Casinohotelbauten stehen, ist einer der vorletzten Träume von Las Vegas. Es wurde vor fünf Jahren eröffnet, nach ihm waren das Venetian, das Paris und das Palms die Fantasien der Saison. Aber dort ist Robbie Williams nie abgestiegen. Im Mandalay Bay offenbar schon, auch wenn sich die Hotelangestellten nicht an ihn erinnern können. Robbie Williams jedenfalls hat gleich zwei Lieder geschrieben, in denen Mandalay vorkommt, "Road To Mandalay" und "Me and My Monkey". Wobei man nur bei Letzterem völlig sicher sein kann, dass mit Mandalay nicht die gleichnamige burmesische Stadt gemeint ist. "Me and My Monkey" ist eine Art allegorischer Road-Popsong, in dem der Ich-Erzähler mit einem zugedröhnten Affen und einer Pistole durch Las Vegas zieht. Der erste Ort, den sie aufsuchen, ist ihr Hotelzimmer im 33. Stock des Mandalay Bay. 'Dort ist allerdings gerade kein Zimmer frei', erklärt die Public-Relations-Frau des Mandalay Bay am Telefon, dafür sei die Aussicht in der 62., der so genannten Penthouse-Etage, noch viel schöner.

Robbie Williams' Zimmer war vermutlich nur halb so groß wie diese Suite, die alles doppelt hat: zwei Räume, zwei Riesenfenster, zwei Großfernseher, zwei Toiletten und einen beigen Teppichboden, der so dick ist, dass man in Deutschland daraus zwei machen würde. Aber ein Bidet, in dem Robbie Williams seinen Affen schlafen lässt, gibt es nicht und auch keine Ausgabe der Gelben Seiten von Las Vegas, aus der sich sein Affe unter der Rubrik "Escort Services" drei Affenhuren ordert. In Wahrheit findet man unter 'Escort Services' nicht nur keine Affenhuren, sondern auch keine menschlichen mehr. Weil Prostitution in Las Vegas eigentlich verboten ist, wandern die Prostituiertenanzeigen im Branchenbuch alle paar Jahre in eine neue Rubrik, derzeit heißt sie 'Entertainment'. Aber es braucht gar keine Gelben Seiten: Die Straßen sind voll mit Zeitungskästen, in denen Prostituiertenanzeigenblätter liegen. Las Vegas ist nicht nur die Hauptstadt der Spieler, sondern auch des Sex. Glück, oder was Männer dafür halten, hat man in Las Vegas nicht einfach so. Man muss es sich kaufen.Wenigstens der Panoramablick ist so, wie Robbie Williams ihn besungen hat. Jetzt, da es langsam dunkel wird, die Lichter der Stadt angeschaltet werden, und das einzige Geräusch, dass man im Mandalay Bay von der Welt da draußen hört, das Rotorenrattern der Hubschrauber ist, die durchs Bild fliegen, jetzt ist die Zeit gekommen, deretwegen man auch hier hochgefahren ist: Las Vegas hat in der Dämmerung seinen 'Lost-in-Translation'-Moment. Es scheint, als atme die Stadt im Zwielicht der untergehenden Spielersonne ein letztes Mal durch. Bevor sie sich in Feindesland verwandelt, in eine neonglänzende Bestie, die Menschen um ihr Letztes bringt: ihr letztes Erspartes, ihre letzte Hoffnung, ihren letzten Rest von Verstand. Denn die Bank gewinnt immer. Las Vegas, das ist im Dunkeln von oben aus betrachtet der grellste Schein, den man im Leben sehen wird. Man will nicht nach da draußen. Und muss es doch.

Am besten fängt man am nördlichen Ende des "Strips" an. Um des Schockeffektes willen. Im Norden haust das abgetakelte Las Vegas. Im Circus Circus sieht es tatsächlich so ähnlich aus, wie Hunter S. Thompson es 1971 in "Fear and Loathing in Las Vegas" beschrieben hat: "Das Circus Circus ist das, was die ganze Welt an einem Samstagabend tun würde, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Das ist das Sechste Reich." Okay, vielleicht ein bisschen übertrieben: Das Circus Circus, 1968 eröffnet, ist bloß die abgetakelte Familienhölle von Las Vegas. Schon von dem psychedelischen Teppichmuster wird einem schwindlig, und dann erst die Gäste: Die Klamotten stammen vom "A-Team" (Männer) und aus "Dallas" (Frauen), die Schwabbelbäuche sind von McDonald's. Das Circus Circus aber ist eines der profitabelsten Häuser von Las Vegas. Eine Kathedrale des White Trash. Mit Indoor-Achterbahn. Augenbetäubend.Schräg gegenüber, im Sahara, ist es noch schlimmer: In "Ocean's Eleven", dem Originalfilm von 1960, ist neben Riviera, Flamingo, Desert Inn und Sands das Sahara eines der fünf Casinos, das Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. als Meisterdiebe in einer Nacht ausräumen. Das Sahara sieht von innen aus wie eine Spielhalle in Castrop-Rauxel. Nur größer. Das Hilton International dahinter, in dem Elvis seinen eigenen Mythos jahrelang kaputtsang, wirkt dafür wie eine Shopping Mall in Idaho. Nur heruntergekommener. Im Hilton tritt heute ein Elvis-Imitator auf. Sein Name ist Trent Carlini, und genauso singt er auch. An den King erinnert nur eine kitschige Statue im Eingangsbereich des Casinos. Für Nostalgie hat Las Vegas keine Zeit. Und kein Geld. Was sich rentiert, wird stehen gelassen. Was mehr verspricht, wird ausgebaut. Wo gar nichts mehr läuft, wird der Sprengmeister geholt.

Das Sands und das Desert Inn, einst die coolsten Orte der Stadt, hat es schon erwischt. Dort wo Frankie, Dean und Sammy früher legendäre Saufkonzerte gaben, sitzen heute Pauschaltouristen am chlorstinkenden Canale-Grande-Imitat des Venetian und lauschen dem texanischen Fake-Gondoliere beim "O-sole-mio"-Gurgeln. Die Sprengung des Desert Inn wiederum, dem Xanadu des geheimnisumwitterten Milliardärs und Casinobetreibers Howard Hughes, sieht man sogar in Steven Soderberghs "Ocean's-Eleven"-Remake. George Clooney und Brad Pitt räumen in dem Film den Kassenraum des noblen Bellagio aus. Hier ist es auch, wo man die erste menschliche Regung empfindet nach all der hohlen Leere der Glücksmaschine Las Vegas. Es ist nicht das "Ocean's-Eleven"-Thema, das im Entree Tag und Nacht gespielt wird und einem dieses Ich-bin-jetzt-Clooney-Gefühl geben soll. Auch nicht die liebliche Kinderhochzeitsgesellschaft im tropischen Garten des Bellagio. Was einen anrührt, ist das Ballett der gewaltigen Wasserfontänen, die im Teich vorm Bellagio zu den Klängen von "Pink Panther" in den Himmel schießen. Dann spritzen die Düsen weiter zu CelineDions "Titanic"-Greinsong "My Heart Will Go On", und alles ist wieder so schlimm wie vorher.Aber es gibt sie doch, die Orte der Liebe und der Gottgefälligkeit inmitten des Sündenpfuhls. Man findet sie, wo der Las Vegas Boulevard nach Norden die Casinohotels hinter sich lässt und sich eine endlose Abfolge von Drive-Thrus und Nacktbars anschließt. Dort, wo der Fleischhandel in jeder Beziehung überhand nimmt, stehen die meisten der berühmten Hochzeitskapellen von Las Vegas. Zum Beispiel die 'Little White Wedding Chapel' von Charlotte Richards. Seit 45 Jahren verheiratet sie Menschen. 'Ein Leben, der Liebe gewidmet', sagt sie. Es ist Mittag, und sie hat schon sechs Paare verheiratet. In anderthalb Stunden. Nadine und Sebastian aus Meerbusch waren eines davon. Dort wo Nadine und Sebastian sich eben Treue geschworen haben für den Rest ihres Lebens, in dem winzigen Altarraum, hat genau vierzig Tage vorher Britney Spears ihren Jugendfreund Jason Alexander geheiratet. 55 Stunden später war die Ehe annulliert. Charlotte Richards seufzt. Britney, das arme Ding, habe auch sehr schön ausgesehen. Dann zeigt sie hinaus zu der Durchfahrt an der Kapelle: "Draußen im Drive-Thru heiratet gleich ein Paar im Auto - wenn ihr wollt, könnt ihr Fotos davon machen." Das genau ist der Moment, an dem man weiß, dass man unbedingt raus muss aus dieser Stadt.

Dirk Peitz

Wissenscommunity